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Mit Klavier und Rosen gegen Erdogan

Die Demonstrationen in der Türkei haben nicht nur politische Folgen. War Kunst in der Regierungszeit von Premier Erdogan bislang apolitisch und eher ausdruckslos, lebt sie nun neu auf und prägt die Proteste mit Wortwitz, Farbenreichtum und Mut.

Von Luise Sammann | 23.06.2013

Nicht mal so groß wie eine Cola-Dose waren sie, die kleinen Tränengaskartuschen, die die türkische Polizei in den letzten drei Wochen gleich hunderttausendfach verschoss. Mit einem kleinen Knall explodierten sie auf Plätzen und Straßen, sorgten für brennende Augen und Orientierungslosigkeit.

Explodiert aber ist noch etwas anderes am Bosporus in diesen Tagen: die Kreativität! In die Geschichte eingehen werden nicht nur Tränengas und Wasserwerfer, sondern Klavierkonzerte auf dem besetzten Taksim-Platz oder der stille Protest des "Stehenden Mannes", mit Gasmasken tanzenden Sufi-Derwische oder bearbeitete Bilder, auf denen Demonstranten statt Steinen rote Rosen werfen.

Die türkischen Proteste wurden nicht nur beispiellos von Kunst und Kultur geprägt. Sie WAREN Kunst, meint Vasif Kortun, Direktor und Kurator des Istanbuler Ausstellungshauses SALT.

"Hier war alles vereint, was Kunst ausmacht: Etwas wurde initiiert, es gab ein Publikum, es gab Teilnehmer, es gab Gefühle und es gab immer eine Reaktion, einen Austausch mit dem Geschehen. Kurz: Da war alles, was Kunst sein will. Und die Krönung all dessen war natürlich der 'Stehende Mann'."

Lautloser Protest, der ansteckte
Der "Stehende Mann" kam spät. Er kam, als der Gezi-Park, das Symbol des Protests, längst geräumt war und die Proteste zu versickern drohten. Er kam, als auf dem Taksim-Platz wieder geschäftiger Alltag herrschte und der Kampf gegen die Wasserwerfer der Polizei fast verloren schien. Genau da blieb der Performancekünstler Erdem Gündüz reglungslos mitten im Gedränge stehen - und schwieg.

Tausende sind seinem Beispiel bis heute gefolgt - stehen auch jetzt noch still auf Plätzen und Straßen im ganzen Land.

Großartige Ideen wie diese haben die Proteste in der Türkei vom ersten Tag an geprägt. Durch Wortwitz, Farbenreichtum und Mut haben Kulturschaffende wie Erdem Gündüz Millionen bewegt. Dabei ist es kein Zufall, dass gerade sie vom ersten Tag an zu den Demonstranten gehörten:

"Wenn es ein Thema gibt, von dem die regierende AK-Partei gar nichts versteht, dann die Kultur! Sie verstehen nicht, dass Kultur nicht so funktioniert wie ein Teig, den man in den Ofen steckt und dann kommt Brot heraus."

… meint SALT-Direktor Vasif Kortun und spielt damit auf die zahlreichen Versuche der Regierung an, Kunst und Kultur durch immer neue Gesetze, Verbote und Einmischungen ihren Vorstellungen gemäß zu gestalten. Wie ein Bäcker habe Ministerpräsident Erdogan das Land in den letzten Jahren durchgeknetet. Doch in Sachen Kultur, so meint nicht nur der SALT-Direktor, ist das Rezept nicht aufgegangen.

"Wir sprechen von zehn Jahren Regierungszeit. Gucken sie sich die Architektur an, die in diesen Jahren entstanden ist: Nichts! Nicht ein symbolischer oder interessanter Entwurf."

Der türkische Choreograph Erdem Gunduz steht am Taksim-Platz und demonstriert sechs Stunden lautlos.
Der türkische Choreograf Erdem Gündüz demonstrierte sechs Stunden lautlos. (picture alliance / dpa / EPA / Vassil Donev)
Aufgespießte Riesen-Köfte, Mega-Möhren und brütende Monster-Hennen
Man braucht nicht in die wenig experimentierfreudigen Staatstheater am Bosporus zu gehen, nicht die Museen zu besuchen, die voller Kopien aus alten Zeiten hängen, voller osmanischer Entwürfe und islamischer Kalligrafien. Es reicht ein Blick auf die Skulpturen, die in den letzten Jahren in jeder Stadt im Land entstanden sind.

"Das kann einen nur noch wundern. Man guckt darauf und fragt: Wie kann jemand nur auf die Idee kommen, so etwas in eine Stadt zu stellen?"

… fragt Meltem Parlak. Auf ihrer Internetseite sammelt die Stadtplanerin seit Jahren die Fotos der absurdesten, hässlichsten und fragwürdigsten Skulpturen des Landes: Auf überdimensionalen Gabeln aufgespießte Riesen-Köfte ragen da zwischen Hochhaussiedlungen in den türkischen Himmel, ebenso wie Mega-Möhren auf Marktplätzen oder brütende Monster-Hennen auf der Verkehrsinsel - je nachdem, welche Spezialität die jeweilige Stadt zu bieten hat. Doch was zunächst noch lustig wirkt, soll ein Aufschrei der Stadtplanerin sein.

"Wir leben in einer apolitischen Zeit. Sobald eine Skulptur einen ideologischen Gehalt hat, läuft sie Gefahr entfernt zu werden. Was bleibt, ist das, was niemanden stört. Im Ergebnis haben wir eine Kultur, die überhaupt nichts mehr ausdrückt. Denn niemand will das Risiko eingehen, Anstoß zu nehmen."

Misch dich nicht ein, fall nicht auf, halt dich raus!
Die folkloristischen Kunstwerke sind Ausdruck einer Gesellschaft, die aus zwei Militärdiktaturen in den siebziger und achtziger Jahren vor allem eins gelernt hat: Misch dich nicht ein, fall nicht auf, halt dich raus! Gegen die Kürzungen der Erdogan-Regierung im Kulturbereich, gegen die Privatisierungswelle der Theater und die immer dreistere Einmischung der Politik demonstrierten bisher höchstens ein paar Intellektuelle. Der Rest schwieg.

Doch damit ist es nun vorbei.

"Niemand hatte mit diesen Ereignissen gerechnet. Weder Erdogan noch seine Gegner. Weder Politikwissenschaftler noch Soziologen."

… gesteht der Istanbuler Politikwissenschaftler Birol Caymaz.

"Wir alle sind überrascht von dieser Generation, die als apolitisch galt. Das hier ist ihr Aufstand!"

Keiner weiß, wie es in den nächsten Monaten am Bosporus weitergehen wird, keiner weiß, ob statt Klaviermusik schon bald wieder das Knallen der Tränengaskartuschen durch die Straßen Istanbuls hallen wird. Schon jetzt aber ist klar: Durch ihre Kreativität unterscheiden sich die türkischen Proteste von allen vergleichbaren Ereignissen der letzten Jahre.


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