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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMit Milliarden auf Mücken31.07.2011

Mit Milliarden auf Mücken

Manuskript zur Sendung

Eine Handvoll Milliardäre hat sich fest vorgenommen, die Malaria niederzuringen. Die wohl bekannteste Figur in dieser "ritterlichen Tafelrunde" ist Bill Gates. Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung: mit 35 Milliarden Dollar die reichste Stiftung der Welt. Schon jetzt hat sie eine Milliarde Dollar in die Malariaforschung investiert. Trotz des vielen Geldes ist das Ziel nach wie vor ambitioniert und der Weg ein weiter und steiniger.

Von Peter Kreysler

Die Malaria fordert dreimal mehr Opfer unter afrikanischen Kindern als Aids. (cdc.gov)
Die Malaria fordert dreimal mehr Opfer unter afrikanischen Kindern als Aids. (cdc.gov)

Eine zweimotorige Propellermaschine nähert sich der Landebahn von Kilombero mitten im südtansanischen Dschungel. An Bord globale Gesundheitsfunktionäre, Wissenschaftler, Vertreter der Pharmaindustrie. Angeführt wird die vielköpfige Delegation von Peter Chernin. Er gehört - wie sein Freund Bill Gates - zu einer kleinen eingeschworenen "Tafelrunde von Milliardären". Ihr nobles Ziel: die Welt von der Geißel der Malaria zu befreien.

Noch vor kurzem leitete Peter Chernin das US-Unternehmen News Corp, das drittgrößte Medienunternehmen der Welt. Heute ist er im Vorstand der einflussreichen Hilfsorganisation Malaria - No More – die wiederum auch von der Bill und Melinda Gates Stiftung und Exxon Mobil unterstützt wird.

Gegen den starken Wind der Flugzeugpropeller beugt sich der hoch gewachsene Dr. Salime Abdulla, Leiter des Ifakara Health Instituts. Der tansanische Malariaexperte ist zum Empfang der wichtigen Geldgeber zur kleinen Rollbahn gekommen. Die Ungeduld der Reisenden ist spürbar, und so beginnt Dr. Salime Abdulla schon auf dem Weg zum lokalen St. Francis Krankenhaus mit seinem Briefing:

"Das Problem, dem wir gegenüberstehen, ist, dass die jetzige Malariamedizin immer wirkungsloser wird, da der Erreger langsam gegen den Wirkstoff resistent wird. Die Impfstoffforschung befindet sich zurzeit in einem sehr frühen Stadium. Wir machen hier in Tansania die klinischen Tests und schauen, ob die Mittel tatsächlich so gut sind wie die Pharmaindustrie behauptet."

Salime Abdulla stammt von der tansanischen Insel Sansibar. Dort schien die Malaria bereits mehrfach unter Kontrolle, auch im Moment gilt sie als besiegt. Doch in der Vergangenheit kam der Erreger immer wieder zurück. Abdulla kennt die Tücken der komplexen Krankheit nur allzu gut. Die kleine staatliche Klinik, in die er die Delegation führt, ist nur mit dem nötigsten ausgestattet. Apathische Kleinkinder mit hohem Fieber liegen auf einfachen Betten und warten auf ihre Diagnose. Zur Überraschung der amerikanischen Gäste stehen hier keine Schnelltests zur Verfügung. Ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest kann mit diesem neuen Verfahren Malaria im infizierten Blut in Sekunden nachgewiesen werden. Obwohl der Schnelltest nur einen Dollar kostet, werden hier noch in alt hergebrachter Weise die Blutproben aufwändig von Mitarbeitern mit Mikroskopen analysiert. "Willkommen in der afrikanischen Realität im Kampf gegen Malaria" ruft Salime. Immerhin können die erkrankten Kinder mit modernen Artemisin-Medikamenten behandelt werden und nicht mit dem veralteten und wirkungslosen Chloroquin.

"Wie Sie vielleicht wissen, gibt es immer noch keinen funktionierenden Impfstoff, der eine Infektion wirkungsvoll verhindert. Es gibt jedoch hoffnungsvolle Ansätze. Der am weitesten entwickelte Impfstoff heißt RTS,S. Die klinische Testimpfung wurde hier erst an Erwachsenen, dann an älteren Kindern durchgeführt und jetzt testen wir den Impfstoff in der Klinik in Bagamoyo an Babys. Unsere Ergebnisse zeigen, dass er sicher ist und eine gewisse Immunisierung gegen den Malariaparasiten gewährleistet."

Malariaparasiten, die sogenannten Plasmodien, werden von der weiblichen Anopheles-Mücke auf den Menschen übertragen. Dabei nutzt der Parasit den Menschen nur als Zwischenwirt. Er begibt sich auf eine Reise durch den Körper und verändert dabei seine Gestalt: Zunächst in der Leber, dann in den roten Blutkörperchen. Der Kreis schließt sich, wenn eine Moskitomücke einen an Malaria erkrankten Menschen erneut sticht und den gewandelten Parasiten mit dem Blut wieder aufnimmt. Vor über 20 Jahren bereits entdeckte ein Forscherteam um Joe Cohen ein Eiweiß auf der Oberfläche des Erregers, das gut zur Antikörperproduktion beim Menschen geeignet schien. Das Eiweiß wird von dem Erreger in einem frühen Infektionsstadium produziert, noch bevor die gefährlichen Stadien in der Leber entstehen. Damit arbeitet heute der potentielle Impfstoff RTS,S.

Die Mitglieder der Delegation drängen auf Antworten. Wann endlich ist mit einer wirksamen Impfung gegen Plasmodium falciparum, den gefährlichsten Malaria-Stamm, zu rechnen?

"Die Antwort ist: Wir wissen es noch nicht. Die Resultate, die wir hier durch unsere klinischen Tests vorliegen haben, zeigen, dass die Hälfte der geimpften Kinder keine Malaria bekommt. Sicherlich sind 50 Prozent nicht sehr effektiv. Gemessen daran, wie viele Kinder jedoch an Malaria sterben, könnte eine 50-prozentige Verringerung der Infektionen schon ein riesiger Fortschritt sein"

Immerhin ist es das allererste Mal, dass es ein Impfstoff für Malaria in die letzte, dritte Prüfphase geschafft hat: "Wenn wir diese Phase überstehen, ist der Impfstoff reif für den Markt", meint Peter Chernin. Während Salime Abdulla einwirft:

"Die Forschung wird weitergehen. Vielleicht bekommen wir in der zweiten Generation einen Impfstoff mit besserer Wirkung."

Während Salime Abdulla erst einmal die Ergebnisse der klinischen Tests abwarten will, setzt Dr. David Brandling-Bennett schon jetzt voll auf den Impfstoff. Als Direktor leitet er bei der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung in Seattle das Malariaprogramm der größten privaten Stiftung der Welt:

"Seit 50, 60 Jahren versucht die Welt einen wirksamen Malariaimpfstoff zu finden. Jetzt laufen die ganzen Studien und 2015 könnte er lizenziert werden. Die Entwicklung einer wirksamen Malariaimpfung ist für uns vergleichbar mit der Suche nach dem Heiligen Gral."

Eine Milliarde Dollar hat die Bill- und Melinda-Gates-Stiftung in Seattle in die Malaria-Forschung investiert. Mit einem wirksamen Impfstoff verknüpft sich die Hoffnung, die Krankheit ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Brandling-Bennett:

"Wir verstehen, dass Menschen nicht immer unter Moskitonetzen schlafen wollen - für sie ist es lästig. Flächendeckend die Wände der Häuser mit Insektiziden wie DDT zu besprühen, um die Mücken zu bekämpfen, ist auf Dauer schwierig. Die Mittel verlieren ihre Durchschlagskraft. Auch die Medikamente werden wirkungslos, der Erreger zeigt zunehmend Resistenzen. Das ist besorgniserregend. Wenn wir also von der wirksamen Kontrolle und Ausrottung dieser Krankheit sprechen, brauchen wir den Impfstoff."

Bill Gates: "Wir brauchen die Erfahrung der Pharmaindustrie, wir brauchen die großzügige Unterstützung der reichen Länder. Wenn wir alle Anstrengungen bündeln, dann glaube ich, wird es uns gelingen, die Malaria auszumerzen."

Drei Jahre sind seit dem Appell des IT Milliardärs Bill Gates an die Weltgemeinschaft vergangen. Ahnte er bei seiner noblen Ankündigung, wie groß diese Herausforderung wirklich sein würde? Heute noch sterben an Malaria jedes Jahr knapp 900.000 Menschen. 88 Prozent davon sind Kleinkinder unter fünf Jahren. Und das, obwohl die Weltgemeinschaft in den letzten Jahren 12 Milliarden Dollar in 700 Millionen mit Insektiziden behandelte Bettnetze investiert hat, so sagen Kritiker.

Die konventionellen Ansätze in der Medikamentenforschung haben bisher nicht zum gewünschten Durchbruch geführt. Im Jahr 2008 hat die Gates Stiftung deshalb ein weiteres Programm aufgelegt, das "Grand Challenges Exploration"-Programm. Hier werden Forscher aus allen wissenschaftlichen Disziplinen eingeladen, Antworten auf die dringendsten Gesundheitsfragen unserer Zeit zu finden.

"Wir glauben: Forschung kann den Lauf der Welt verändern. Anstelle von kleinen evolutionären Schritten suchen wir nach Möglichkeiten, einen 'revolutionären Wandel' einzuleiten. Unser Ziel ist es, die Ideen zu fördern, die das größte technische Potential haben, um die meisten Menschenleben zu retten."

So umreisst Mick Jones, der Direktor des Programms dessen Philosophie: Ein interdisziplinärer Ansatz, der ungewöhnliche Projekte befördern soll, etwa die Idee eines Astro-Physikers, der eigentlich Schwarze Löcher im Universum erforscht:

"Dieser Wissenschaftler von der Columbia-Universität arbeitet mit unterschiedlichen Lichtpulsen, die Moskitos orientierungslos oder sogar blind machen sollen. Man könnte eine Taschenlampe oder eine Art batteriebetriebener Glühlampe entwickeln und sie in eine Hütte hängen. Wer dort schläft, wäre geschützt."

In einem anderen Projekt will man die Mücke mit ihren eigenen Waffen schlagen:

"In Millionen von Jahren hat die Evolution den Mückenorganismus so perfektioniert, dass er die menschliche Haut durchstechen kann. Ein Wissenschaftler in Japan kam auf die Idee, diese für Menschen eigentlich unangenehme Eigenschaft zu nutzen. Er will Mücken quasi zu "Impf-Agenten" umfunktionieren: Bei jedem Stich dieser genetisch veränderten Mücken soll dann der Impfstoff freigesetzt werden."

Hier in der obersten Etage der Gates Stiftung kann man seinen Blick ungehindert über die Skyline Seattles schweifen lassen. In den lichtdurchfluteten Räumen schwirren die Ideen nur so umher. Nahezu unbegrenzte finanzielle Mittel helfen, Forschungsergebnisse auf ihre Machbarkeit hin zu überprüfen. Inzwischen hat das 100 Millionen US-Dollar schwere "Grand Challenges"-Programm 496 Projekte dieser Art finanziert. Doch bringen sie den Durchbruch?

Man muss sich wahrscheinlich vom wissenschaftlichen Elfenbeinturm und den futuristischen Ideen der Gates Stiftung in die Niederungen der afrikanischen Mangula-Ebene begeben, um die vielfältigen Herausforderungen und Probleme im heutigen Kampf gegen Malaria wirklich zu erfassen. In der Ebene steht flaches Wasser, Reisfelder soweit das Auge reicht, ideale Brutstätten für die Malaria-Mücken. Hier liegt das Ifakara Institut.

"Nur ein toter Moskito ist ein guter Moskito!"

Auf der Veranda eines der Gästehäuser bereitet sich der Biologe Dr. Gerry Killen auf seine Feldstudien vor.

"Wir mögen tote Moskitos am liebsten, obwohl sie faszinierende Tiere sind."

Das Ifakara Institut wurde 1956 durch das Schweizerische Tropen- und Public Health Institut gegründet. Heute beschäftigt es über 500 Mitarbeiter und gehört zu den weltweit führenden wissenschaftlichen Zentren der Malariaforschung. Killen:

"Now I have 1,2,3, an my left leg and I have 1,2,3,4,5,6 on my right leg."

Gerry Killen arbeitet seit acht Jahren in Afrika. Immer wieder blitzt sein irisch galliger Humor durch, während er fasziniert auf seine weißen Beine starrt. Dabei zählt und analysiert er die verschiedenen Mückenarten, die sich friedlich zum blutigen Abendbrot niederlassen. Der Forscher als "Lebendköder" im Dienste der Wissenschaft.

"Das ist die einzig sichere Methode für uns Biologen, die regionale Moskitodichte zu messen: Man muss hier mit hochgekrempelten Hosen sitzen und warten, bis sie auf den Beinen landen. Jeder Forscher, der das zwölf Stunden lang gemacht hat, weiß, was er getan hat. Hier sehen Sie, das ist ein Anopheles-Moskito Weibchen. Die Weibchen können Malaria übertragen. Oh jetzt sticht sie mich. Typisch für diese Mückenart ist, wie sie dabei ihren Rücken krümmt. Sie braucht die Proteine aus dem menschlichen Blut, denn nur dann kann sie sich fortpflanzen. Sie wird jetzt versuchen, möglichst viel Blut aufzusaugen und es dann filtern. Ihr Körpergewicht wird sich dabei verdreißigfachen. Wirklich faszinierende Tiere."

Sicherlich wurden in den letzten Jahren Erfolge erzielt, die Hoffnung machen. Die Anzahl der Krankheits- und Todesfälle ist gesunken. Killen:

"Ja, wir sehen Erfolge. Die Zahl der Toten in Tansania ist runter gegangen von 100.000 auf 50.000 im Jahr. Sicher, es ist ein langer beschwerlicher Weg, aber immerhin: heute laufen 50.000 Kinder mehr über die Straßen - und das haben wir mit simplen Techniken erreicht."

In Tansania ist es durch den konsequenten Einsatz von Bettnetzen gelungen, die Krankheitsfälle um die Hälfte zu reduzieren. Aber wie nachhaltig sind diese Erfolge, wenn selbst die neuen Kombinationspräparate gegen den Malariaerreger erste Zeichen von Schwäche zeigen. Auch gegen die Pyrethroide auf den Netzen gibt es zunehmend Resistenzen. Die Mücken sterben nicht mehr, wenn sie sich auf den Netzen niederlassen. Dass sie schlau sind, davon konnte sich Killen persönlich überzeugen, denn eigentlich sollten die Anopheles Mücken auf seinen Beinen erst zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens stechen. Schlafen aber alle Menschen unter Netzen, müssen sie hungern, dann müssen sie ihr Verhalten ändern, um zu überleben:

"Immer mehr Moskitos haben sich darauf spezialisiert, schon früh am Abend - so gegen 9 Uhr - ihre Opfer zu stechen, dann, wenn die Dorffamilien draußen auf Kohlenfeuer Essen kochen. Die Moskitos ändern ihr Verhalten sehr schnell, sie passen sich an. Und dann werden die mit Insektiziden besprühten Moskitobettnetze zwecklos und weniger effektiv."

Und das ist nicht die einzige besorgniserregende Entwicklung. Vor allem Anopheles gambiae erobert zunehmend den städtischen Raum. Bisher konnte die anspruchsvolle Mückenart nur auf dem Land überleben. Schließlich brauchte sie sauberes, stehendes Wasser, um ihre Larven ablegen zu können. Wenn sich dieser Trend der "urbanisierten Mücken" fortsetzt, so befürchtet Gerry Killen, werden die Malariafälle in den Slums der afrikanischen Städte explodieren:

"Ja es gibt sie - diese schrecklichen Ghettomoskitos, sie tragen ein Messer bei sich und fluchen im unverständlichen Slang. Nein ernsthaft. Diese sogenannten urbanisierten Mücken haben sich inzwischen sehr gut an das Stadtleben angepasst. Sie können ihre Larven auch in verschmutztem Wasser ablegen. Sie wissen, dass sie ihre menschlichen Opfer nur noch am frühen Abend auf der Straße stechen können, denn in die städtischen Ziegelbauten mit ihren verschlossenen Fenstern kommen die Moskitos nicht mehr rein."

Inzwischen hat sich auch die Stechmücke an Gerry Killens Bein satt gegessen.

"Ich hoffe nur, sie hat mir keine Malaria übertragen. Aber jetzt ist es wohl zu spät. Einmal hatte ich schon Malaria und das habe ich wirklich nicht genossen"

Am anderen Ende des Institutsgeländes erstreckt sich ein fußballfeldgroßes Gehege, das komplett mit Moskitonetzen eingehüllt ist. Es wird von einem jungen afrikanischen Kollegen betrieben, John Negunde. Das Innere des abgeschirmten Versuchsfeldes - das wohl größte in dieser Art - kann man nur durch eine Sicherheitsschleuse betreten. Jeder, der hier arbeitet, wird getestet, damit der Malariaparasit nicht in das Gehege gelangt.

"Für 10.000 Moskitos wurde in diesem Freigehege die Lebensumwelt naturgetreu nachgeahmt. Wir können hier die neuesten Malaria-Kontrollmethoden ausprobieren."

Zunehmend wird in der Malariaforschung mit so genannten Labormücken gearbeitet. Niemand weiß, ob diese Mücken in der freien Wildbahn überlebensfähig wären, oft sind sie schwächer und kleiner als ihre Artgenossen. Doch die kontrollierten Bedingungen bieten Vorteile. In Pfützen und Blumenpötten steht Wasser, hier können die Moskitos ihre Larven ablegen. Eine Kuh grast friedlich. In afrikanischen Hütten können Wissenschaftler unter Moskitonetzen schlafen. - Die Mücken selbst haben sich in der Mittagshitze versteckt. Negunde:

"In einem Versuch wurden Mücken genetisch so verändert, dass sie den Malariaparasiten blockieren. Er wird von ihnen nicht mehr übertragen, wenn die Mücke sticht – bislang nur im Labor. Jetzt wollen wir die Ergebnisse in unserem Gehege reproduzieren. Und natürlich darf man diese genetisch modifizierten Mücken nicht einfach in die Natur entlassen, bevor man nicht weiß, ob dies schwerwiegende Auswirkungen auf das Ökosystem hat."

John Negunde stammt aus Kenia. Erstaunlich, dass bei all der Hochtechnologie der Wissenschaftler selber Blut spenden muss:

"Hier brütet unsere neue Zucht, ich muss den Arm für zehn Minuten in diesen Beutel halten, damit die weiblichen Moskitos genug menschliches Blut aufsaugen, um sich fortpflanzen zu können. Das müssen wir Wissenschaftler ein paar Mal die Woche machen."

Gleich neben dem Gehege hat Frederique Okumo sein Büro. Dem kleinen stickigen Raum ist kaum anzusehen, welch ein wissenschaftlicher Durchbruch hier erzielt wurde. Das Forschungsvorhaben wird ebenfalls von der Gates Stiftung und dem "Grand Challenges Exploration"-Programm unterstützt.

"Es gibt einen Duftstoff beim Menschen, den die Moskitos suchen. Wir sagten uns: Wenn wir diesen Geruch künstlich herstellen könnten, hätten wir eine Falle. Wenn wir atmen, atmen wir CO2 aus, wenn wir schwer arbeiten, schwitzen wir, auf unserer Haut siedeln Bakterien. Wir haben einfach experimentiert, welche Parfüm-Mischungen die Moskitos am meisten anziehen."

Im Mückengehege wurden die unterschiedlichen Düfte dann in langen Versuchsreihen getestet. Okumo:

"Wir haben im letzten Jahr ein sehr interessantes Experiment in unserem Gehege durchgeführt. In einer Hütte hatten wir unsere Falle und in einer anderen schlief jemand. Und es zeigte sich, dass in die Hütte mit unserem Mückenparfüm fünf Mal so viele Moskitos kamen. Wenn wir aber die Falle in eine Hütte taten, in der jemand schlief, wurde trotzdem der Mensch gestochen. Die Mücken sind schlau genug zu wissen, wo sie das Blut finden. Diese Falle würden wir also außerhalb der Dörfer aufhängen, so dass die Mücken gar nicht erst zu den Menschen kommen."

Am nächsten Morgen fährt Killen zu einem der umliegenden Dörfer, wo die Feldversuche gemacht werden. Die kleinen Hütten der Reisbauern mit ihren erodierten Wellblechdächern liegen direkt neben den gefluteten Reisfeldern - Ein idealer Brutplatz für die Moskitos. DDT kann hier nicht versprüht werden. Schließlich soll der Reis nach Europa importiert werden – und die EU verbietet den Einsatz von DDT. Killen:

"Dieses Dorf hält einen traurigen Rekord: In den 90er-Jahren wurde hier noch die höchste Mückeninfektionsrate der Welt gemessen: 1400 Mal im Jahr wurde man hier durchschnittlich von einer mit Malaria infizierten Mücke gestochen. Das heißt, vier infizierte Stiche pro Nacht, kein Wunder, dass die Menschen mehrfach im Jahr an Malaria erkrankten."

Gerry Killen fährt tiefer in den Kilombero Distrikt. Durch Bettnetze wurde die Mückenpopulation schon deutlich reduziert. Jetzt wird in den Dörfern auch mit den neuen Fallen experimentiert. Der alte Landrover hält vor einer kleinen Hütte. Hier hängt eine der Duftfallen, darin hunderte von Mücken. Killen sammelt sie ein und lässt sie später in einer Mückenautopsie untersuchen. Er will wissen, wie viele der gefangenen Mücken vom Malaria Parasiten befallen sind.

"Hier in diesem Beutel sieht man die Moskitos, die eine Person gestochen hätte, wenn sie hier heute Nacht ohne ein Moskitonetz geschlafen hätte - ich schwöre Ihnen: Eine von diesen Moskitos hat Malaria. Und was ich Ihnen zeige, ist bereits eine Reduktion der parasitären Mückenpopulation von nahezu 95 Prozent. Man kann sich kaum vorstellen, wie es hier in den 90er Jahren noch zuging."

Gerry Killen spricht vom Endgame: dem Endspiel. Ein Spiel, das gewonnen werden muss, wenn man Malaria nachhaltig niederringen will. Hierfür braucht es neue und schlaue Ansätze. Fred Masanaja arbeitet deshalb schon an den nächsten Mücken-Kontrollmethoden.

"Mücken entwickeln sehr schnell Resistenzen gegen Insektengifte wie DDT oder Pyrethroide. Auch deshalb muss man im Umgang mit Insektiziden heutzutage sehr vorsichtig sein. Jetzt wird auch mit dem Einsatz von Pilzen experimentiert. Die Moskitos sollen durch die neuen Duftfallen angelockt werden, kommen dort mit giftigen Pilzen in Berührung, tragen diese in die Brutstellen und kontaminieren sie. Die Pilze infizieren die Mückenlarven und verhindern ihre weitere Entwicklung. Der Vorteil dieser Methode ist, dass die Mücken selbst den giftigen Pilz in die Brutstelle bringen."

Laborversuche hatten gezeigt, dass getrocknete Pilzsporen direkt auf der Wasseroberfläche verteilt werden können. Dabei lagern sich die Sporen in den Larven an und dringen beim Auskeimen in die Mundöffnung ein. Bei ersten Freilandversuchen gab es allerdings noch viel zu oft Komplikationen. Der Kontakt mit Wasser löste gelegentlich ein vorzeitiges Auskeimen aus, was eine Infektion erschwerte. Auch die Lebensfähigkeit sank, wenn die Sporen aufgrund des intensiven Sonnenlichts starker UV-Strahlung und zu hohen Temperaturen ausgesetzt waren, berichten niederländische Forscher. Noch ist es offenbar viel zu früh, sich auf die neuen Mückenkontrollprogramme zu verlassen.

"Die meisten Leute denken, im Laufe der Zeit müssten immer weniger Menschen an Infektionskrankheiten sterben. Aber die Geschichte zeigt: Wenn man die Parasiten nicht im Auge behält, holen sie den Menschen schnell wieder ein."

Genf, hier laufen die Fäden des weltweiten Kampfes gegen Malaria zusammen. In einem unscheinbaren Neubau in Sichtweite der WHO residiert die Medicines for Malaria Venture, kurz MMV. Der Leiter der Forschungsabteilung ist Timothy Wells. MMV spielt eine Schlüsselrolle in der Malariaforschung: Ihr Ziel ist es, die Entwicklung von bezahlbaren Malariamedikamenten zu fördern. Mit 300 Millionen Dollar unterstützt die Gates Stiftung auch diese Organisation. Selbst gegen die große Hoffnung Artemisin sind inzwischen erste Resistenzen aufgetaucht. Ersatz ist nicht in Sicht: Weil die Pharmaindustrie kaum auf Profite hoffen konnte, wurde die Suche nach neuen Substanzen viel zu lange vernachlässigt. Dennoch setzt Timothy Wells weiterhin auf die Konzerne.

"Bill Gates trifft sich regelmäßig mit den Vorständen der großen Pharmaunternehmen. Er nutzt seinen guten Namen und Verbindungen zu diesen Firmen. Er sagt: Helft uns in der Forschung . Für mich ist es natürlich einfacher, die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zu überzeugen, wenn Bill Gates gerade mit dem Firmenchef darüber gesprochen hat. Und er tut es - es macht wirklich einen Unterschied."

Timothy Wells gibt sich optimistisch: Wenn die multinationalen Konzerne endlich Einblick in ihre Labore gewähren und ihre geheimen Rezepturen der Malariaforschung zu Verfügung stellen, könnte das die Entwicklung von neuen Medikamenten enorm beschleunigen. Natürlich lassen sie sich das auch bezahlen. Milliarden-Beträge fließen von Geberländern und privaten Stiftungen in die Pharmaindustrie.

"Noch vor sechs Jahren - als ich anfing im Bereich der parasitären Krankheiten zu arbeiten - kostete es um die 100 Dollar, die Wirksamkeit eines Stoffes zu erforschen. Damals musste man noch per Hand die Schalen mit Nährlösung präparieren. Heute haben wir einen sehr hohen Grad an Automation: Roboter und Computer führen meistens diese Experimente durch; das gleiche Experiment kostet heute einen Dollar. Im Kampf gegen Malaria gibt es um die 150.000 Wirkstoffe und Medikamente, die für uns interessant sein könnten. Wir haben gerade bei einem großen Pharmakonzern angefragt, ob wir ihre gesamte Sammlung durchtesten könnten. Vor fünf Jahren hätte dieses Forschungsprojekt zwei Jahre gedauert und 15 Millionen Dollar gekostet. Heute dauert es sechs Wochen und kostet uns 150.000 Dollar."

Die Verwaltungsgebäude in Washington DC haben sich in den letzten Jahren in Wagenburgen verwandelt, mehrere Ringe von Sicherheitsschleusen, durch die sich Besucher durcharbeiten müssen, riegeln die Eingänge ab. Das USAID - das Entwicklungshilfeprogramm der US Regierung - ist dem State Department zugeordnet. Hier findet sich mit 1,4 Milliarden Dollar die President's Malaria Initiative (PMI) - weltweit die größte staatliche Malariainitiative. Dr. Bernhard Nahlen ist der Vize Chef und kämpft gegen Malaria seit Jahrzehnten. Viele Milliarden frei verfügbarer Dollar würden derzeit jährlich in die Malariabekämpfung gepumpt. Doch genau dadurch könnten die Dinge schlimmer werden, als sie sind, so die Sorge von Nahlen. Die jüngste Initiative, Afrika mit modernsten und stark subventionierten Antimalaria Medikamenten zu überschwemmen, hält er geradezu für gefährlich:

"Schon jetzt sterben jedes Jahr fast eine Million Kinder an Malaria - einer Krankheit, die innerhalb einer Stunde tödlich sein kann, wenn man sie nicht mit einem wirksamen Medikament behandelt. Zur Zeit besteht die begründete Gefahr, dass wir in Afrika durch diese Initiative das letzte wirksame Antimalaria-Medikament verlieren werden, weil durch die unqualifizierte Anwendung im privaten Markt die Erreger schnell resistent werden. Dann haben wir eine Gesundheitskatastrophe von unbeschreiblicher Größe."

Man könnte viel Geld auch in die Ausbildung von Ärzten und eine flächendeckende Gesundheitsversorgung stecken. Dazu Schnelltests anbieten, damit Malaria erkannt und umgehend optimal behandelt werden kann. Viele Experten fordern dies. Doch die vorherrschende Strategie ist eine andere.

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