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Mit Netzkampagnen gegen Politikverdrossenheit

Obwohl Joachim Gauck selbst keine Affinität zum Internet hat, konnten sich im Netz zahlreiche Kampagnen entwickeln, die ihn als Bundespräsidenten sehen wollten. Ist die Generation Web 2.0 vielleicht doch nicht so politikverdrossen wie gerne behauptet wird?

Von Eleni Klotsikas | 24.07.2010

Gauck der Medienliebling. Das Interesse der Medien ist auch Wochen nach der Bundespräsidentenwahl nicht abgeklungen. Gauck posiert vor dem Schloss Bellevue für die neue Werbe-Kampagne der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vor kurzen war es umgekehrt, da haben die Medien für ihn Kampagne gemacht. Wenige Tage nach der Verkündung seiner Kandidatur erscheint Der Spiegel mit einem ganzseitigen Foto von ihm auf dem Titelblatt. Überschrift: "Gauck der bessere Bundespräsident. Andere Printmedien ziehen mit und machen ebenfalls positive Stimmung für ihn. Selbst Joachim Gauck wundert sich.

"Ich war komplett überrascht und ich kriegte dann von irgendjemand, der Zugang hatte zum Titelbild, schon während des Druckvorgangs eine Mail und ich wollte es gar nicht glauben! Und als dann noch eine der auflagenstärksten Sonntagszeitungen titelte: 'Yes, We Gauck!' So etwas habe ich noch nicht erlebt."

Yes, we Gauck! Ein Team von 20 Leuten, Büroleiter und Kampagnenmanager der Grünen und der SPD waren allein dafür abgestellt, die Pressearbeit für Gauck zu koordinieren. Ein Marathon an Interviews und Fernsehauftritten sollte dem rotgrünen Kandidaten bevorstehen. Andreas Schulze, zweiter Pressesprecher von Joachim Gauck:

"Ich gebe zu, dass in der Pressearbeit dieses erste Wochenende als ein ganz entscheidendes wahrgenommen wurde, weil natürlich klar ist, man braucht sofort einen großen medialen Anschub und wenn die großen beiden meinungsbildenden Verlagshäuser mitspielen und die haben wir sofort aufgesucht: Wir waren sofort bei der Bild und sofort beim Spiegel. Und wenn man die sofort auf seiner Seite hat, dann hat man gute Chancen einen Mainstream in der Berichterstattung hinzukriegen."

"Präsident der Herzen" titelt kurz darauf auch die "Super-Illu". Die Faszination Gauck in den Medien hält an. Grund für die einseitige Parteinahme der Medien:

"Er hat besondere rhetorische Fähigkeiten und ohne die ist ein Bundespräsident nur ein Ziermöbel der Politik und das war der Grund, warum wir uns klar für Joachim Gauck ausgesprochen haben",

sagt Georg Mascolo, Chefredakteur des "Spiegel". Angestachelt von den Medien, formiert sich auch im Netz eine Unterstützerwelle für den unterlegenen, fast aussichtslosen Kandidaten. Ungeplant, spontan, Grasroot, so wie es sich alle Parteien beim vergangenen Bundestagswahlkampf mit neidischem Blick auf die Obama-Kampagne gewünscht hätten. Es entstehen unzählige Facebook-Unterstützerseiten von normalen Bürgern, sie lobpreisen ihn per You-Tube-Video und Twitterfeeds. Einer der Pioniere ist Christoph Giesa, Gründer und Verwalter der Facebook-Gruppe "Joachim Gauck als Bundespräsident" mit über 37.000 Unterstützern:

"Wir haben dafür gesorgt, dass Menschen sich zusammenschließen konnten, die ansonsten kein Forum gefunden hätten, ihre politische Meinung auch auszudrücken, zu zeigen, dass sie für Joachim Gauck sind als Bundespräsidenten und dann eben auch hörbar wurden durch die Medien, die aufmerksam wurden, aber auch durch die Veranstaltungen, die wir organisiert haben: Demonstrationen, Guerilla-Aktionen."
Seine Anhänger bestrahlen Reichstag und Bundeskanzleramt mit dem Slogan "Pro Gauck". Am wenigsten Ahnung von dieser Gauck-Bewegung im Netz hat der Kandidat Joachim Gauck selbst. In einem Video auf seiner Homepage bedankt er sich schließlich bei seinen Anhängern.

"Hallo liebe bekannte und unbekannte Unterstützer. Das sind ja Tage der Überraschung. Ich bin 70 und nicht oft im Internet unterwegs, aber jeden Tag kriege ich Anrufe von meinen Kindern und Enkeln und die erzählen mir, was da abgeht."

Doch was bleibt? Ein Kandidat, der zwar Menschen und Medien wieder für Politik begeistert hat, doch am Ende wieder von der politischen Bühne verschwunden ist? Fazit: Für viele gilt Gauck als Symbol des Protestes gegen die Parteiendemokratie. Für Christoph Giesa ist das erst der Anfang eines neuen politischen Erwachens in einer Bevölkerung, die sich auch in Zukunft weiter im Internet politisch organisieren wird:

"Das ist ja nicht nur bei der Kampagne, die wir jetzt gemacht haben, sondern auch in Bayern, die Abstimmung über den Nichtraucherschutz oder in Hamburg zum Bildungsthema: Die Leute emanzipieren sich auch so ein bisschen von den Vorgaben, die ihnen Parteien machen und ich glaube, da kann das Internet eben auch helfen. Die Transaktionskosten, um sich zu finden, sind extrem niedrig geworden durch die sozialen Netzwerke. Ich glaube, die Leute haben nach einer Chance gesucht, sich neu zusammenzuschließen und jetzt haben sie sie gefunden."