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StartseiteForschung aktuellMit Pheromonen gegen die Heuschreckenplage24.08.2004

Mit Pheromonen gegen die Heuschreckenplage

Biologen wollen die Schädlinge mit Duftstoffen bekämpfen

<strong>Biologie. - <em>Und der Herr ließ den ganzen Tag und die ganze Nacht einen Ostwind wehen. Als der Morgen kam, waren die Heuschrecken da… Der ganze Boden war bedeckt, das Land war schwarz von Heuschrecken</em> – so steht es im 2. Buch Moses. Heuschrecken sind eine der biblischen Plage und haben bis heute nichts von ihrem Schrecken verloren. Alle 15-20 Jahre tauchen die Heuschreckenschwärme am Himmel auf. In den Jahren dazwischen ist kaum eine Heuschrecke zu finden. Diese extremen Schwankungen beeinflussen auch das Liebesleben der Wüstenheuschrecken und eröffnen neue Ansätze für die Bekämpfung der biblischen Plage. </strong>

Heuschrecke in Nebraska (AP)
Heuschrecke in Nebraska (AP)
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Kein Zirpen, kein Singen – das typische Geräusch von Wüstenheuschrecken ist das Malmen der Kaufwerkzeuge, mit denen sie unerbittlich jedes grüne Hälmchen vernichten.
Allerdings hocken diese Heuschrecken im Labor des Biologischen Institutes der Martin-Luther -Universität Halle und bekommen ihr Gras in Joghurtbechern vom Hans-Jörg Ferenz. Der Professor für Tierphysiologie interessiert sich für das Liebesleben der gelben Insekten.

Normalerweise leben die Wüstenheuschrecken recht vereinzelt, da haben die eher große Mühe, einen Partner zu finden für die Fortpflanzung. Wie das funktioniert, wissen wir noch gar nicht. Wenn dann ein Pärchen sich gefunden hat, das Weibchen das Männchen akzeptiert, dann hat das Männchen eigentlich auch keine Probleme, das Weibchen zu behalten, da sind keine Konkurrenten, die dem Männchen das Weibchen streitg machen würden.

Anders sieht die Situation im Labor aus, oder wenn - wie in diesem Jahr – sich die Heuschrecken aufgrund günstiger Witterungsbedingungen explosionsartig vermehren. Weil die Konkurrenz dann wächst, müssen die Männchen ihre Weibchen regelrecht erobern und verteidigen. Nur wer zuletzt mit einer Heuschreckendame kopuliert hat, kann sicher sein, der Vater ihrer 50- 100 Nachkommen zu sein. Im durchsichtigen Polyacrylkasten des Labors in Halle ist eine Strategie zu erkennen: die Männchen bleiben auf den eroberten Weibchen sitzen.

Daraus machen sich die Konkurrenten nicht viel, sie attackieren das Pärchen. Um die Attacken abzuwehren, setzen die Männchen Duftstoffe ein, Abwehrstoffe und die produzieren sie nur unter diesen Rahmenbedingungen, bei hoher Populationsdichte. Dies sind Stoffe, die halten die Konkurrenten auf Distanz, entmutigen sie sozusagen, hindern sie am Balzverhalten, und so kann das Männchen in Ruhe die Kopulation zu Ende führen und es bleibt bis zur Eiablage auf dem Weibchen sitzen und so dann ist die Vaterschaft gesichert.

Der männerschreckende Duftstoff heißt Phenylacetonitril und ist in der Natur weit verbreitet. Er kommt in der Brunnenkresse ebenso vor wie in Duftcocktails anderer Insekten. Ein für Insektenforscher altvertrauter Stoff, der sich synthetisch einfach und billig herstellen läßt. Das brachte Professor Hans –Jörg Ferenz auf eine Idee:

Wir stellen uns vor, das wir den einfach auf solche Populationen ausbringen, die sich gerade fortpflanzen wollen und dann ziemliche Verwirrung stiften. Das heißt, die Männchen wissen dann nicht mehr, wo sie hinsollen, wo sie Weibchen finden, alles duftet nach Abwehrstoffen und sie werden wahrscheinlich ziemlich entmutigt und lustlos und damit kann man das Fortpflanzungsgeschäft wahrscheinlich deutlich reduzieren.

Noch hat dazu kein größerer Freilandversuch stattgefunden. Aber bei ihren Laborexperimenten mit Phenylacetonitril beobachteten die Forscher ein eigenartiges Verhalten der Hüpfer, der jungen also noch nicht fortpflanzungsfähigen Heuschreckenmännchen.

Die reagieren mit Aufregung, mit erhöhter Aktivität. Diese Hüpfer exponieren sich viel mehr als üblich, die verkriechen sich nicht in Pflanzen, um sich vor der Sonne zu schützen, sondern laufen herum. Und bei den Erwachsenen beobachten wir das auch.

Das aufgeregte Umherhüpfen hat für die Bekämpfung der biblischen Plagegeister einen unschätzbaren Vorteil: die Heuschrecken sind den Insektiziden schutzlos ausgesetzt, anders als wenn sie untern den Blättern und Stängeln hocken bleiben. Die Kombination von Abwehrstoff und Insektizid könnte so die Effektivität der Heuschreckenbekämpfung erhöhen.

Mit Hüpfern wird es gerade ausprobiert. Das machen Kollegen aus Kenia, die mit der Welternährungsorganisation zusammenarbeiten. Und die haben erste Erfolge, die interessant sind und mit denen wollen wir in der nächsten Zukunft kooperieren. Vielleicht mit Unterstützung der Welternährungsorganisation.

Vielleicht, Hoffentlich, Eventuell- wenn es um die Bekämpfung der Heuschreckenplage geht, spricht Hans Jörg Ferenz nur noch im Konjunktiv. Er weiß: die afrikanischen Länder haben weder Infrastruktur noch Geld und im Westen fließt das Geld nur dann, wenn die Heuschreckenschwärme es bis in die Tagesschau geschafft haben. Für Versuche und langfristige Strategien fehlen die finanziellen Mittel.

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