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Mit Selbstjustiz und fragwürdigen Feindbildern

Seit Mitte der 90-er Jahre leidet Russland unter der Drogenwelle aus Afghanistan. Um die 30.000 Drogentote sind nach Angaben der Antidrogenbehörde FSKN jedes Jahr zu beklagen. In der Ural-Metropole Jekaterinburg wehrt sich nun eine Bürgerinitiative mit rabiaten Mitteln gegen Dealer.

Von Andrea Rehmsmeier | 30.09.2011

    Staubige Wege, geduckte Häuser, dunkelhäutige Menschen in bunter Kleidung: Gerade hat der kleine Polo den Dauerstau im Jekaterinburger Stadtzentrum hinter sich gelassen. Jetzt rumpelt er über Schlaglöcher durch eine orientalische und ein wenig ärmliche Welt. Das "Zigeunerdorf", sagt Aleksej, der Fahrer des Wagens, abfällig. So nennen die Jekaterinburger das Viertel bis heute – obwohl man hier fast keine Sinti und Roma mehr findet. Heute leben hier Armenier, Aserbaidschaner und Usbeken.

    "Das Zigeunerdorf gibt es schon lange, seit der Sowjetzeit. Zigeuner handeln doch ständig mit irgendetwas Illegalem. Und so wurde das Viertel Mitte der 90-er Jahre zu Jekaterinburgs Drogen-Umschlagplatz Nummer eins. Die Staatsmacht war schwach nach dem Zerfall der Sowjetunion. Da haben sie ihre große Chance gesehen. Man brauchte nur an einer Haustür zu schellen, dann brachten sie das Heroin raus – ganz offen. Diese Zigeuner haben doch noch nie etwas Legales getan, diese Nation kann einfach nicht arbeiten."

    Aleksej ist ein Anfang 30, er hat eine drahtige Figur. Im Seitenfach seiner Autotür liegen Handschellen. Die Waffe, die er als Sportschütze immer dabei hat, ist meistens geladen. Aleksej ist ein selbst ernannter Dealer-Jäger, unterwegs im Auftrag von "Stadt ohne Drogen". Der Jekaterinburger Verein greift zu dem Mitteln der Selbstjustiz und stützt sich dabei auf zwei Feindbilder. Zum einen: die Tadschiken – also die verarmte Bevölkerung des Bürgerkriegs-zerrütteten Tadschikistan, die, glaubt Aleksej, den Schmuggel von Heroin aus Afghanistan zu einer ihrer Haupteinkommensquellen gemacht hätten. Zum anderen die Sinti und Roma, die den Verkauf im Inland unter ihre Kontrolle gebracht hätten. Wann immer ein besorgter Jekaterinburger Bürger dem Verein etwas Verdächtiges meldet, macht sich Aleksej auf den Weg, die Drogenhändler der Polizei auszuliefern – als einer von zwölf kräftigen Männern, die sich selbst als schnelle Eingreiftruppe fühlen im Kampf gegen die Droge. Ehrenamtlich, gegen Erstattung des Benzingelds.

    "Es gibt bei uns dieses Polizeimärchen, dass sich Drogenhandel nicht bekämpfen lässt. Das ist doch die pure Faulheit! Früher haben unsere Funktionäre in allen Fernsehkanälen die Leute erschreckt: 'Nein, nirgendwo auf der Welt ist Drogenhandel je erfolgreich bekämpft worden! Es gibt nichts, was wir da tun könnten!' Und heute' Alle sitzen! In Jekaterinburg sitzt das halbe Zigeunerdorf im Knast."

    Zumindest in Jekaterinburg aber gebe es – dank "Stadt ohne Drogen" - keinen offenen Heroin-Handel mehr. Es sei denn, über komplizierte Geldtransfers im Internet. Vor der Windschutzscheibe taucht ein Wohnhaus auf, das mit seinen prächtigen Säulen und Erkern so gar nicht in die schäbige Gasse passen will. Offensichtlich ist es unbewohnt: Der Zaun ist niedergetreten, die Fenster tot.

    "Schauen Sie sich diese Burg an, sie wurde mit Drogengeld gebaut. Heute stehen die Villen der Dealer fast alle leer. Sie lassen sich nicht einmal mehr verkaufen – wer will denn in so was wohnen'"

    Das Viertel endet an einer mehrspurigen Straße. An einer Kreuzung steht das etwas heruntergekommende Gebäude einer Schule. In den 90-er Jahren, sagt Aleksej, waren hier fast alle Schüler süchtig.

    "Die erste Pause war noch nicht rum, da lagen die Spritzen schon in Haufen auf den Toiletten. Wenn die Schüler früher Taschengeld bekamen, dann schlenderten sie einfach ins Zigeuerndorf herüber. Da steht dann so ein Tantchen mit einem Päckchen in der Hand, und sie denken sich: warum eigentlich nicht' Wenn ein Teenager heute Drogen kaufen will, dann muss er erstmal die betreffenden Seiten im Internet finden, und das Prinzip mit den elektronischen Banküberweisungen kapieren. Das ist kompliziert. Und je komplizierter, desto schlechter für den Drogenhandel."

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