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StartseiteKalenderblattMit spitzer Zunge21.12.2010

Mit spitzer Zunge

Vor 75 Jahren starb der Schriftsteller Kurt Tucholsky

Er war einer der besten Humoristen und Satiriker Deutschlands, ein präziser und brillanter politischer Schriftsteller und Lyriker, ein großer Kritiker seiner Zeit. Das Werk Kurt Tucholskys ist immer wieder neu zu entdecken und insbesondere in den kleineren Texten von eigentümlicher Zeitlosigkeit.

Von Bernd Ulrich

Schriftsteller mit Schreibmaschine (AP Archiv)
Schriftsteller mit Schreibmaschine (AP Archiv)

"Berlin, Berlin, Dich muss ich ewig lieben./ Berlin, Berlin, du bist mein schönster Reim!/ Ist mir auch nichts auf Erden sonst geblieben,/ Du bist mein Liebst, nach dir, da zieht`s mich heim ... "

Claire Waldoff - eine Sängerin nach Kurt Tucholskys Geschmack. Früh schon hat er sie journalistisch begleitet, so im Mai 1913, damals für die "Schaubühne", die spätere "Weltbühne", seines Mentors und Freundes Siegfried Jacobsohn.

"Die Waldoff! Der Typ wird häufiger. Jene steht da mit hängenden Armen, das hat sie gelernt, mit still vergnügtem Gesicht, das hat sie auch gelernt, - und singt, das hat sie nicht gelernt. Ihre Technik ist unmöglich und unübertragbar. Hunderte machen das nach und man kann vielleicht sagen, dass so ein neuer Stil entstanden ist, aber erreicht wird es von niemand."

Doch Tucholsky darf nicht auf Couplets und Chansons reduziert werden. Und auch nicht auf die bis heute in hohen Auflagen erscheinenden Reisebücher und Erzählungen. Etwa auf die Sommer- und Liebesgeschichte "Schloss Gripsholm": "Für I A 47407", gewidmet also einer Autonummer, nämlich der von Lisa Matthias, seiner damaligen Freundin.

Aber derlei verblasst neben seiner oft verzweifelten, mitunter naiven, bisweilen bösen und auch bösartigen Kritik an der Weimarer Republik, am immer noch lebendigen deutschen Militarismus und der parteiischen Justiz. All dies in seinem richtigen wie im Namen von insgesamt vier Pseudonymen: Mit "5 PS" nannte das Tucholsky. Im Vorwort zum gleichnamigen ersten Sammelband seiner Arbeiten von 1928 heißt es:

"Wir sind fünf Finger an einer Hand. Der auf dem Titelblatt und Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger, Kaspar Hauser. Und es war auch nützlich, fünfmal vorhanden zu sein. Denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor, dem Satiriker Ernst, dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert."

Allerdings – die Biografie Tucholskys, er wurde am 9. Januar 1890 in Berlin geboren - war auch ohne die Auffächerung in vier Pseudonyme reich an Ambivalenzen und Brüchen. Der Dichter und Freund Max Hermann-Neiße sah darin keinen Gegensatz:

"Wer selbst ein Dichtermensch ist, kennt das, wie man dicht nebeneinander lindeste Schwärmerei, schadenfrohen Zynismus, Liebenswertes und Selbstzerstörerisches haben kann und muss."

Gewiss – aber ist dadurch auch, um nur einen der Lebenswidersprüche zu nennen, Tucholskys Verhalten während des Ersten Weltkriegs gedeckt? In jenen Jahren diente er sich vom einfachen Schipper bis zum Feldpolizei-Kommissar im Offiziersrang hoch, gründete und betreute eine Armeezeitung und verfasste noch im Oktober 1918 Durchhaltegedichte. Sein Biograf Michael Hepp

"Die Schärfe, in der er später vor allem mit den Etappenoffizieren abrechnete, steht in deutlichem Kontrast zu seiner eigenen Haltung während des Krieges. Was Tucholsky später so vehement anklagte, war auch ein Stück seines eigenen Verhaltens. Die Militaria-Artikel waren eine Art öffentliche Selbstanalyse."

Als Tucholsky am 21. Dezember 1935 in seinem Haus im schwedischen Hindas bewusstlos vorgefunden wird, ist es längst zu Ende mit seiner Liebe zu Deutschland, das er schon vor seiner "Ausbürgerung" durch die Nazis verlassen hat. Die Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Herkunft, an die er durch Zusendungen antisemitischer Drohbriefe an die Redaktion der "Weltbühne" fast täglich erinnert wurde, steigerte sich nun bis zum Selbsthass. Das politische Engagement früherer Tage aber ist einem unüberhörbaren Fatalismus gewichen. Dazu gehört im schwedischen Exil auch der Pazifismus, der Hitler nicht verhindert hat.

"Nichts als Pazifist zu sein, das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: Ich bin gegen Pickel. Damit heilt man nicht! Ich weiß Bescheid, denn ich habe diese Irrtümer hinter mir. Man kann sich nur aggressiv verteidigen! Das ist so."

Kurt Tucholsky stirbt noch am Abend des 21. Dezember 1935, kurz vor seinem 46. Geburtstag, in einem Göteborger Krankenhaus. Bis heute ist ungeklärt, ob er sich durch einen beabsichtigten oder zufälligen Selbstmord um sein Leben brachte. Der Freund Walter Hasenclever schreibt in einem Brief:

"Ich habe ihn tief und aufrichtig geliebt. Wir wollen eine Flasche Burgunder, den Wein, den er am meisten geliebt hat, zu seinem Gedächtnis trinken. Dann wollen wir eine schöne Seite aus seinen Büchern lesen und einen seiner wundervollen Briefe."

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