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StartseiteSport am Wochenende"Sportler fühlen sich machtlos"29.03.2020

Mitbestimmung im IOC"Sportler fühlen sich machtlos"

"Viele Athleten fühlen sich immer noch verletzlich", sagt Han Xiao, der Vorsitzende der US-amerikanischen Athletenvertretung. Nach der Olympiaverschiebung kritisiert er im Dlf das IOC für seine Mitbestimmungsformate, in denen aus seiner Sicht die Ergebnisse schon vorher feststehen, und mahnt Reformen an.

Han Xiao im Gespräch mit Marina Schweizer

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Han Xiao spricht bei einer Anhörung im US-amerikanischen Senat (Consolidated News Photos)
Han Xiao, Vorsitzender der US-amerikanischen Athletenvertretung (Consolidated News Photos)
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Für Han Xiao hat die Situation vor der Verschiebung der Olympischen Sommerspiel in Tokio Schwächen offenbart, wenn es darum geht, Sportler in der Olympischen Bewegung mit ihrer Stimme wirkungsvoll einzubeziehen. Viele Sportlerinnen und Sportler hätten den Eindruck gehabt, die IOC-Offiziellen entschieden ohnehin so, wie sie wollten. "Ich denke also, dass das alles weiterhin einige der Mängel im Modell der Athletenrepräsentation hervorhebt."

Konkret bemängelt Xiao die Ergebnisse von Meetings oder Telefonkonferenzen des IOC mit Athleten: "Unabhängig davon, welche Fragen oder welche Diskussionen während des Anrufs oder während des Meetings aufkommen, sind die Ergebnisse dieselben. Die Ergebnisse sind bereits vorher irgendwo aufgeschrieben. Man kann das daran erkennen, dass diese Ergebnisse oft Details oder Diskussionspunkte enthalten, die von IOC-Offiziellen oder Thomas Bach während des Anrufs oder der Konferenz selbst direkt erwähnt wurden. Diese Punkte kamen nicht unbedingt direkt von Athleten. Sie kamen von IOC-Offiziellen."

Der Präsident der "International Table Tennis Federation" (ITTF), Thomas Weikert. (dpa/picture alliance/ Sven Hoppe)Der Präsident der "International Table Tennis Federation" (ITTF), Thomas Weikert. (dpa/picture alliance/ Sven Hoppe)Terminverlegung von Tokio 2020" - Das ist eine Herkules-Aufgabe"
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"Für viele Athleten ist nicht teilzunehmen keine Option"

Positiv sieht Xiao dagegen die Initiativen mehrerer Nationaler Olympischer Komitees, die Umfragen unter Aktiven gestartet hatten, um deren Sicht bei der Olympia-Entscheidung zu berücksichtigen. "Diese besondere Situation hat gezeigt, dass es Potenzial gibt." Auch den Druck, den einzelne nationale und internationale Verbände auf das IOC ausübten, lobt er.

Die Möglichkeiten eines Verzichts auf eine Teilnahme an den Spielen sieht Xiao vor allem in den USA weniger. Dort werde mehr Gewicht auf das individuelle Recht auf die Teilnahme am Wettkampf gelegt, auch weil viele Offizielle selbst 1980 Sportler waren und ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit nicht teilnehmen konnten. Diese Angst hätten auch heutige Athleten: "Weil die Spiele für die Athleten so wichtig sind und nur alle vier Jahre stattfinden. Und für die meisten Athleten ist nicht teilzunehmen einfach keine Option."


Das gesamte Interview mit Han Xiao können Sie hier Nachlesen:

Marina Schweizer: Zunächst möchte ich die Frage stellen, ob Sie sich durch das IOC geschützt oder aufgrund seiner Verhaltensweise jetzt noch verletzlicher fühlen.

Han Xiao: Ich denke viele Athleten fühlen sich immer noch ziemlich verletzlich. Weil viele der Aussagen, die wir in der letzten Woche von Athleten gehört haben, Dinge waren wie: ‚Nun, wir wissen nicht, wie sie eine Entscheidung treffen. Sie werden einfach tun, was sie wollen.‘ Solche Sachen. Sportler fühlen sich mit der aktuellen Machtstruktur in der internationalen Bewegung ziemlich machtlos. Ich denke also, dass das alles weiterhin einige der Mängel im Modell der Athletenrepräsentation hervorhebt und wie die Athletenperspektive die IOC-Entscheidungen beeinflussen kann.

Schweizer: Auf der anderen Seite könnte man sagen, dass die Stimme der Athleten mehr als damals gehört wurde, als über die Olympischen Spiele in Rio und die Behandlung des russischen Dopingproblems diskutiert wurde. Hatten Sie den Eindruck, dass die Athletinnen und Athleten mehr Einfluss hatten als damals?

Xiao: Absolut. Das liegt auch großteils daran, dass die aktuelle Krise weit über den Sport hinausgeht. Und ich denke, dass die Bedenken der Athleten mehr bei der Öffentlichkeit und den Medien Anklang fanden als bei allen früheren Problemen. Das Interesse an der Sportwelt war also groß. Fast alles andere ist heruntergefahren. Daher wurde diesem speziellen Thema viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ich glaube also, dass es einige positive Entwicklungen gab und die Athleten diese Entscheidungen mehr als zuvor beeinflussen konnten. Hoffentlich geht diese Dynamik weiter.

Es gab aber noch Verbesserungsmöglichkeiten, die offensichtlich geworden sind. Insbesondere, dass es noch ein bisschen länger gedauert hat, als wir es uns gewünscht hätten, bis das IOC und einige der anderen Organisationen ihre Haltung geändert haben. Obwohl es enorm Druck sowohl von den Athleten als auch von der Öffentlichkeit gab, das zu tun, was die meisten Menschen für das Richtige hielten.

Schweizer: Ihr Eindruck ist also, dass das IOC am Ende nicht wirklich auf die Athleten gehört hat, sondern eher auf den Druck der Öffentlichkeit?

Xiao: Nun, ich denke, es ist eine Kombination verschiedener Faktoren. Und es ist wirklich schwer zu sagen, welcher Faktor das größte Gewicht hatte. Denn nicht nur die Athleten, sondern auch einige der Nationalen Olympischen Komitees haben sich dazu geäußert. Einige der internationalen Verbände, insbesondere der Welt-Leichtathletikverband, haben sich geäußert. In den USA kamen zwei nationale Verbände mit Statements heraus: Leichtathletik und Schwimmen, und später auch der Turnverband. Die drei größten Sommersport-Verbände haben also Erklärungen abgegeben, in denen sie um eine Verschiebung baten.

Ich denke also, dass es eine Vielzahl von Faktoren gab. Und es ist immer noch sehr schwer zu sagen, wer da die lauteste Stimme war, weil so viele Dinge ziemlich schnell passiert sind.

Schweizer: Nun, genau an dem Tag, an dem das IOC dann die Verschiebung angekündigt hat, hat auch das Nationale Olympische und Paralympische Komitee der USA nach langer Überlegung gesagt, dass sie eine Verschiebung wünschen würden. Das ist der wichtigste Fernsehmarkt. Glauben Sie, dass das Wirkung gezeigt hat?

Xiao: Ich würde gerne glauben, dass es Wirkung gezeigt hat. Ich weiß, dass Suzanne Lyons, die Vorsitzende des US-amerikanischen Olympischen und Paralympischen Komitees (USOPC), am Wochenende mit Thomas Bach in Verbindung stand. Und ich weiß, dass das USOPC begonnen hatte, direkte Meinungen unserer Athleten einzuholen. Die haben sich damit angefreundet, dass eine Verschiebung eine gute Option ist und die meisten Athleten das unterstützen.

Ich glaube, das hat sie selbstbewusster dabei gemacht, dem IOC eine Verschiebung als gute Option darzustellen, als sie wussten, wie die Athleten denken. Es ist glaube ich wahrscheinlich, dass sich das sehr stark auf die endgültige Entscheidung des IOC ausgewirkt hat.

Schweizer: Ja, und solche Umfragen haben ja auch einige NOKs auf der ganzen Welt gemacht: Auch der Deutsche Verband hat eine Umfrage unter seinen Athleten zu diesem Thema gestartet. Ist das ein neuer vielversprechender Weg, um eine Hebelwirkung zu erzielen, ein demokratischer Weg?

Xiao: Ich denke schon, zumindest bei einigen Problemen. Das ist aus meiner Sicht ein guter Weg, um transparentere Daten, wie diese Art von Umfragen, vorzulegen. Aber man muss das richtige Gleichgewicht zwischen direkten Athletenumfragen wie diesen und dem Vertrauen zu den Athletenvertretern oder Athletenkommissionen finden. Denn wenn wir zu jedem Thema nur die Athleten befragen, warum brauchen wir dann noch die Athletenkommissionen oder Athletenvertreter? In einigen Situationen muss man also das richtige Gleichgewicht finden. Aber ich denke zum Beispiel, dass die Athletenvertreter – so wie wir - auch beteiligt sein können, wenn die Athleten befragt werden, um herauszufinden, was sie über das Problem denken. Das kann auch eine wichtige Information sein.

Mir scheint das vielversprechend, denn ich glaube, dass viele NOKs dies in der Vergangenheit nicht wirklich getan haben. Und vielleicht hatten sie nicht einmal die Fähigkeit dazu. Ich weiß, dass das USOPC in den letzten Jahren erst angefangen hat, zu erkennen, dass sie in vielerlei Hinsicht nicht einmal wussten, wer überhaupt ihre Athleten waren, also die, die zu einer Idee des TEAM USA gehören. Das verbessert sich langsam, auch wenn es noch etwas länger dauern wird. Aber diese besondere Situation hat gezeigt, dass es Potenzial gibt.

Schweizer: Was sagen Sie zu denen, die betonen, dass sich das IOC hinter seiner Athletenkommission versteckt und hinter der Tatsache, dass die Athleten in solchen Themen normalerweise nicht einig zu sein scheinen? Verstehen Sie diese Kritik?

Xiao: Absolut. Es ist eine Kritik, mit der unsere eigene Athletenkommission in der Vergangenheit konfrontiert war. Ich weiß, dass früher entweder Athleten nicht einmal wussten, dass es unsere Athletenkommission gibt, oder dass die nicht wirklich für Athleten sprach. Die IOC-Athletenkommission ist von vielen nur als Gütesiegel wahrgenommen worden. Und zwar für alle Entscheidungen, die das IOC treffen möchte. Ich habe Kritik gehört, dass die Athletenvertreter nicht wirklich in die wichtigsten Diskussionen einbezogen sind. Es gibt also viele Kritikpunkte und ich verstehe das, weil sich das Modell meiner Meinung nach letztendlich ein wenig weiterentwickeln muss.

In den USA bewegen wir uns darauf zu. Sie haben da sehr, sehr große Organisationen, die sich intern recht schnell bewegen können. Aber die Athletenkommission, das sind in der Regel alle Freiwillige und denen fällt es sehr schwer, mit allen Problemen und all der Arbeit Schritt zu halten, die wirklich erledigt werden muss. Daher denke ich, dass es in der gegenwärtigen Struktur sehr schwierig ist, dass die Athletenkommission ihre volle Wirkung entfaltet. Ich verstehe also einen Teil dieser Kritik. Letztendlich denke ich, dass die Organisationen und die internationale Bewegung das Modell der Athletenrepräsentation weiter evaluieren und weiter verbessern müssen, wenn sie diese Art von Kritik vermeiden wollen.

Schweizer: Auf der anderen Seite betont das IOC, dass es Athleten einbezieht, wo immer es kann. Dass es zum Beispiel eine Telefonkonferenz abgehalten hat. Sie sind also völlig anderer Meinung?

Xiao: Ich würde sagen, dass das IOC Athleten einbindet. Ich würde einige der Ansätze in Frage stellen, wie diese Athleten-Foren organisiert sind und welche Ergebnisse diese Diskussionen haben. Meine Wahrnehmung dieser Art von Telefonkonferenzen oder dem internationalen IOC-Athletenforum, das sie letztes Jahr abgehalten haben, dass die Ergebnisse der Konferenz oft vorher klar sind. Das IOC hat eine Reihe von Gesprächsthemen. Eine Reihe von Ergebnissen des Meetings, die sie von vornherein sehen möchten. Und die sind vorbereitet. Unabhängig davon, welche Fragen oder welche Diskussionen während des Anrufs oder während des Meetings aufkommen, sind die Ergebnisse dieselben. Die Ergebnisse sind bereits vorher irgendwo aufgeschrieben. Man kann das daran erkennen, dass diese Ergebnisse oft Details oder Diskussionspunkte enthalten, die von IOC-Offiziellen oder Thomas Bach während des Anrufs oder der Konferenz selbst direkt erwähnt wurden.

Diese Punkte kamen nicht unbedingt direkt von Athleten. Sie kamen von IOC-Offiziellen. Also: In vielerlei Hinsicht interagiert das IOC mit Sportlern. Es schließt uns ein. Wir können unsere Meinung sagen. Aber die Ergebnisse solcher Telefonschalten oder Meetings scheinen hauptsächlich die zu sein, das IOC will.

Schweizer: Kommen wir zurück zum Umgang mit der Verschiebung dieser Woche. Man muss ja dazu sagen, dass es nicht so war, dass Tausende von Athleten sagten, ich werde unter diesen Umständen nicht an Olympischen Spielen teilnehmen. So lange Sportlerinnen und Sportler diese Veranstaltung zum Höhepunkt ihrer Karriere machen - stehen sie bei solchen Entscheidungen in einer Falle?

Xiao: In gewisser Weise, ja, weil ich denke, dass wir in großen Profisportarten oder in anderen Branchen sehen, dass Streiks manchmal eine der wenigen wirksamen Hebel sind, die Menschen haben. Und unser Repräsentationsmodell funktioniert nicht unbedingt so. Ich denke, was Sie erwähnen, ist ein großer Teil davon. Denn ich denke, dass über 70 Prozent der Athleten, zumindest in den USA - ich bin mir international nicht sicher - nicht mehr als ein Mal bei Spielen antreten. Ihnen diese Gelegenheit zu nehmen oder ihnen zu sagen, dass sie ihre Gelegenheit für Verbesserungen für Athleten als Ganzes opfern sollten, ist in der Regel eine gefährliche Angelegenheit. Es kommt nicht gut an, besonders in den USA. Wenn wir mit Athleten sprechen, ist dies einer der Hauptgründe, warum es keine Aussage wie die von Kanada gab, dass sie nicht teilnehmen würden. Diese Aussage wäre und war in den USA sehr unbeliebt. Warum? Sprechen Sie mal mit den Sportlern. Wir haben eine ganz andere Sportkultur, denke ich.

Ich weiß nicht, ob es besser oder schlechter ist. Wir neigen dazu, Einzelpersonen und das Recht des Einzelnen auf eine Teilnahme am Wettbewerb in den Vordergrund zu stellen. Einiges davon hat meiner Meinung nach viel mit dem Boykott von 1980 zu tun. Viele unserer Freiwilligen, viele der Menschen, die noch an der Olympischen Bewegung beteiligt sind, sind immer noch Athleten aus dieser Zeit. Viele von ihnen waren im Team von 1980 und haben noch im Kopf, wie sich diese Entscheidung auf sie auswirkte und wie ihnen diese Entscheidung aus den Händen genommen wurde. Wenn Sie also mit amerikanischen olympischen und paralympischen Athleten sprechen, ist diese Angst immer im Hintergrund, dass ihnen jemand diese Entscheidung aus den Händen nimmt und für sie trifft - dass sie nicht teilnehmen können. Ich denke, in den USA wollten die Athleten ihre eigene Entscheidung treffen – auf Gedeih und Verderb. Und wenn es diesen Sommer Spiele gegeben hätte, hätten viele Athleten immer noch darüber nachgedacht, das Risiko einer Teilnahem gegen das potenzielle Bedauern abzuwägen, nicht an den Spielen teilzunehmen.

Schweizer: Um auf meine Frage zurückzukommen: Solange die Olympischen Spiele der Traum ihrer Karriere sind, haben sie dann das Gefühl, sie müssten das gegen die Werte abwägen, für die sie eintreten wollen?

Xiao: Richtig. Ich denke, das ist die große Sache in den USA. Ich denke, dass es absolut ein Problem ist. Und wenn es darum geht, dass die Stimme der Athleten von Organisationen gehört werden und sich auf die Entscheidungen auswirken, dann gibt es meiner Meinung nach nur sehr wenige Alternativen, abgesehen von irgendeiner Art von Intervention. Aber wenn die Organisationen wirklich entscheiden würden, dass sie Athleten als gleichberechtigte Ansprechpartner schätzen, die Dynamik in den Vorständen vollständig verändern und Athleten mehr respektierte Repräsentation hätten.

Wenn Athleten wirklich in den innersten Abläufen, den privilegiertesten Diskussionen dabei wären und ihre Meinungen genauso respektiert würden, wie die anderer Akteure in den Vorstandssitzungen, dann könnten die Dinge wirklich anders laufen, denke ich. Aber in Bezug auf die Hebelwirkung und solche Dinge glaube ich, dass es für die Athleten sehr, sehr schwierig ist, sich zu organisieren und irgendeine Hebelwirkung zu haben. Weil die Spiele für die Athleten so wichtig sind und nur alle vier Jahre stattfinden. Und für die meisten Athleten ist nicht teilzunehmen einfach keine Option.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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