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StartseiteMusikjournalIch bau mir mein Konzert21.09.2020

Mitmach-App PARTiIch bau mir mein Konzert

Kreativ oder ganz praktisch: Mit der App PARTi können Interessierte Konzerte aktiv mitgestalten. Das Hamburger Kultur- und Bildungsprojekt Tonali verspricht sich davon einen neuen Zugang zu jungem Publikum. Zahlreiche Opernhäuser und Festivals haben bereits Interesse an der App angemeldet.

Von Dagmar Penzlin

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Ein Smartphone liegt auf einem Holztisch, die App PARTi ist geöffnet. (Deutschlandradio/Kathrin Hof)
Die App PARTi (Deutschlandradio/Kathrin Hof)
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"Was wir jetzt zu tun haben in den nächsten zwei Stunden… da sollte alles schön und fertig sein!" 

Erstes Teamtreffen draußen vor dem Saal: Projektleiterin Lea Kapsalis erklärt uns, was wir zu tun haben. Ein gutes Dutzend Leute hat sich versammelt, knapp die Hälfte ist dabei dank PARTi-App. Auch ich. Bei diesem ersten Mitmach-Konzert des Hamburger Kultur- und Bildungsprojekts Tonali haben die meisten gleich mehrere Aufgaben übernommen. So etwa Jula Eichhorn.

"Eigentlich war ich erstmal nur für Publikum zuständig, weil ich das am interessantesten fand. Und dann habe ich mit Lea übers Raumkonzept kommuniziert und dann meinte sie: ‘Ach, mach das doch auch noch.’ Und warum ich jetzt auch noch Lichttechnik mache? Weiß ich eigentlich auch nicht – aber: ja!"

Mitmachen in verschiedenen Bereichen

Jula grinst – dieses Mitmach-Konzert macht ihr Spaß. Besonders liegt ihr am Herzen, dass das Publikum Gedanken zum Konzert einbringen kann – zwischen den Musikstücken oder schriftlich. Jula Eichhorn wollte so kurz vor dem Beginn ihres Studiums etwas Sinnvolles, ganz Praktisches tun, erzählt die 19-jährige Abiturientin.   

"Ich hab das durch meine Mutter erfahren, dass es diese App gibt. Und ich hab mir das angeguckt und fand das erstmal total cool, dass man einfach auf einen Klick mitmachen kann – so unkompliziert. Ich war dann erstmal skeptisch, weil ich neben Johannes und Lea die einzige war, die da eingetragen waren. Und ich dachte: ‚Das Konzert ist doch bald – wir müssen anfangen!’"

Alle, die mitmachen sind per Du - auch mit dem Pianisten des ersten PARTi-Konzerts, Johannes Daniel Schneider. Mit ihm, 21, hat Jula sich direkt abgestimmt. Weil er sein Konzert als Schubertiade konzipiert hatte, kam sie auf die Idee, den Raum mit Wohnzimmer-Lampen auszustatten. Kein Problem für den Musiker.

 "Ich bin da voll offen, ich finde das super – mir macht das Spaß."

Kern der PARTi-App ist der Kalender. Aktuell sind hier alle Konzerte aufgelistet, die Tonali veranstaltet – eben vor allem im Hamburger Uni-Viertel, im gemütlichen Tonali-Saal. Einige dieser Konzerte sind in der App mit dem quietschgelben Hinweis versehen: "mitmachen". Zwei, drei Klicks weiter und ich sehe mir die vielen Aufgaben an. Mitmachen könnte ich etwa als Moderatorin des Konzerts, als Assistenz der Künstlerischen Leitung oder als Wohlfühlmanagerin, eine Art Gastgeberin, zuständig etwa fürs Lüften und für die aktuellen Corona-Hygienemaßnahmen. Oder ich übernehme das Dankeschön für den Künstler nach dem Konzert. Ich entscheide mich, als Bühnenhelferin dabei zu sein. So gelange ich in die Konzert-Küche, von der Amadeus Templeton als einer der beiden Chefs von Tonali so gern spricht. 

" Das größte Risiko ist das, dass wir keine fertig gekochten Rezepte mehr auftischen, sondern wir laden die Leute in die Küche ein. Das ist immer ein Risiko: Viele Köche verderben den Brei – da kann es ziemlich drunter und drüber gehen. Das Publikum konsumiert hier eben nicht mehr, sondern es produziert." 

Betreuung von hauptamtlichen Kräften

"Okay hier haben wir 1,60 m..."

Es ist allerdings ein Kochen mit Netz und doppeltem Boden. Das Team des Kultur- und Bildungsprojekts Tonali steht bereit, so dass jede Mitmach-Aufgabe von hauptamtlichen Kräften begleitet ist – sie unterstützen die ehrenamtlich Engagierten. So messen Jula und ich die Corona-bedingten Abstände zwischen den Zweier-Sitzen mit dem erfahrenen Bühnen-Profi Lukas Dall’Omo. Wir nehmen seine Hinweise an, dürfen aber auch eigene Ideen einbringen. Beispielsweise beim Platzieren der Stühle und des Flügels:

Ich diskutiere mit Lukas Abstand von Sitzen zu Flügel. Kein Zufall: Der App-Name PARTi endet nicht auf y, sondern auf i. Es geht also um Partizipation, Teilhabe. 

"Und dann steckt da auch noch Art drin, und wenn man einen Part in der Art hat, dann ist das auch ganz smart."

Durch die Kooperation mit Hamburger Schulen hat Tonali gute Kontakte zu Jugendlichen. Wenn diese sich per PARTi-App ein Dutzend Mal in verschiedensten Bereichen engagiert haben, winkt ein Kulturmanagement-Zertifikat.

"Also es ist erstmal mehr Ehrenamt und dann auch Ausbildung. Also es gibt Schülerinnen und Schüler, die brauchen tolle Zertifikate. Damit sie sich nachher gut bewerben können."

Es ist ein bisschen wie ein Praktikum mit freiem Konzert-Eintritt und Verpflegung inklusive. Amadeus Templeton von Tonali sieht vor allem die Chance, per App neues Publikum zu binden.

"Hier kann jeder Nachbar von rechts, links, im Tonali-Saal sich einbringen, hier kann jeder Student aus der naheliegenden Uni sich einbringen. Das alles stiftet Teilhabe. Und Teilhabe führt zur Identifikation. Und über Identifikation gewinnt man neues Publikum."

Großes Interesse von anderen Veranstaltern

Ab November ist die App offen für andere Veranstalter, die Lizenzen erwerben können, um zu ihren Konzerten und Angeboten einzuladen und Teilhabe zu ermöglichen. Templeton hat schon Anfragen von Opernhäusern und Festivals, die gerade auch an die Nach-Corona-Zeit denken. 

"Die Frage ist: ‚Was machen wir da? Wie gehen wir jetzt neu mit Publikum um? Wie öffnen wir uns auch regional? Wie beziehen wir die Menschen aus unmittelbarster Nachbarschaft mit ein in das, was wir kulturell anbieten?’"

PARTi könnte Antworten liefern, glaubt Templeton. Auch auf grundsätzliche gesellschaftliche Fragen: "Wir wollen hier nicht nur Musik-Begeisterte irgendwie dazu bringen, mal zu lüften oder ein Danke zu sagen vor Publikum. Sondern wir suchen ein Instrument, um die zukünftige Freizeitgesellschaft dahin zu bringen, dass sie sich selbst bewältigt. Dafür braucht es Initiative. Und da sind wir schnell wieder beim Beuys, der sagt: ‚Jeder Mensch ist ein Künstler’ Wir meinen, wir brauchen sehr viel Kreativität, um die großen Herausforderungen wie Klimawandel etc. zu bewältigen. "

Auch wenn die ganz großen Themen bei der Premiere keine Rolle gespielt haben – was mich fasziniert, ist, wie geradezu beiläufig Tonali Menschen die Chance bietet, sich einzubringen in einen künstlerischen Prozess. Kreativ, ganz praktisch und handfest oder eher versponnen. Wie intensiv ich die Chance zum Austausch, zum Umsetzen von Ideen nutze, ist mir überlassen. Es ist eine Spielwiese, die zugleich eine ernsthafte Auseinandersetzung möglich macht. Etwa wenn die Frage aufkommt, welche Lichtstimmung zur Musik von Franz Schubert passt. Ich habe mit darüber nachgedacht und sitze anders als sonst im Konzert, fühle mich verbunden – trotz des aktuellen Abstandsgebots. Kleiner Unterschied, große Wirkung. Was hier im Kleinen geübt wird, hat Charme und Potenzial.

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