Freitag, 20.09.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteCampus & KarriereMittelalter in der WG-Küche28.01.2008

Mittelalter in der WG-Küche

Bonner Experten kochen alte Rezepte nach

In einer Bonner WG-Küche haben am Wochenende Mitglieder des Mittelalter-Forums über 500 Jahre alte Rezepte nachgekocht. Bevor sich die Nachwuchswissenschaftler die Speisen von Königen und Burgherrn auf der Zunge zergehen lassen konnten, mussten sie erst einmal die alten Rezepte in verständliche Küchensprache übersetzen.

Von Regina Brinkmann

Die Idee einen Erdbackofen zu bauen war den Teilnehmern des Workshops dann doch zu aufwändig.  (Stock.XCHNG / Ryan Lindh)
Die Idee einen Erdbackofen zu bauen war den Teilnehmern des Workshops dann doch zu aufwändig. (Stock.XCHNG / Ryan Lindh)

"Also man nehme Honig und gebe ihn in einen Topf bis er sich auflöst. Dann nehme man ihn und schöpfe ihn ab, verstreiche die Paste, also den Gewürzhonig, dünn auf die Brotscheiben und serviere es."

Die Bonner Anglistin Nicole Meier übersetzt für die Kochrunde die mittelenglischen Rezepte. Schließlich sind nicht alle Teilnehmer des Mittelalter-Workshops dieser alten Sprache mächtig. Am Tisch der kleinen WG-Küche sitzen Historiker, Kunsthistoriker und Philologen. Theoretisch ist ihnen das Mittelalter sehr vertraut, aber praktisch eher weniger.

So wird in den Rezepten zwar in schönster mittelenglischer Prosa beschrieben wie diverse Suppen oder Fleischgerichte zubereitet werden müssen, aber ob dafür ein halbes Schwein oder nur ein Filetstück gebraucht wird, davon ist in diesen Texten nichts zu lesen. Das lässt sich letztlich nur durch eigenes Probieren herausfinden. Gleiches gilt für die Menge der Gewürze, die Roland Ißler erst einmal in einem Mörser zerkleinern muss:

"Es riecht sehr schön sehr weihnachtlich nach Ingwer, Zimt nach Weihnachtsgewürzen, die aber im Mittelalter nicht auf die Weihnachtszeit saisonbeschränkt waren, sondern einfach für eine reiche Küche gestanden haben, weil ja die Gewürze alle aus dem Orient überliefert werden mussten, rüber transportiert werden mussten. Und das ist ja in der Tat eine große Kostbarkeit gewesen im Mittelalter."

Die Kostbarkeiten von einst gibt der Romanist anschließend in einen recht modernen Kochtopf. Auch andere Kochutensilien stammen eher aus der heutigen Zeit. Die Idee einen Erdbackofen zu bauen war den acht Teilnehmern des Workshops dann doch zu aufwändig. So rösten sie am Ende das selbstgebackene Brot auch nicht über einem offenen Feuer, sondern praktischerweise im WG-Toaster. Das Brot, mit gekochtem Gewürzhonig beträufelt, schmeckt anschließend trotzdem. So wie diese Vorspeise würden aber längst nicht alle mittelalterlichen Gerichte den modernen Geschmack treffen.

"Es gab auch Dinge, die man heute bestimmt nicht mehr essen würde. Das sind vor allen Dingen Tiere, die man heute nicht verspeisen würde also zum Beispiel Igel, der steht ja unter Naturschutz, aber auch größere Tiere wie Schwäne kamen durchaus auf den Tisch."

Während sie bei Kerzenlicht an Broten knabbern, Zwiebeln hacken und in den Töpfen rühren gibt es nur ein Thema - das Mittelalter. Nicht nur topf- sondern auch fachübergreifend tauschen die Doktoranden und Habilitanden ihre Informationshäppchen aus. Die Kunsthistoriker zehren von den Kenntnissen der Philologen und umgekehrt. Eine Form des interdisziplinären Austausches, den Nicole Meier und etwa 60 weitere Mitglieder des Bonner Mittelalter-Forums seit über einem Jahr pflegen.

"Besonders wichtig war uns, dass wir von einander lernen und Erkenntnisse gewinnen. Das heißt der Sinn des Forums ist auch die Vernetzung der Wissenschaftler. Dadurch dass wir in der Vorbereitungsphase zu dem Workshop sehr stark kommuniziert haben und uns ausgetauscht haben. Einfaches Beispiel mit den Kunsthistorikern: Die Frage an die Kollegen gestellt, ob das was sie auf Bildern gesehen hat den Funden im Text entspricht und das hat unsere Erkenntnisse extrem bereichert."

Eine Bereicherung, die zwar der Wissenschaft zugute kommt aber die sich letztlich in der Freizeit abspielen muss. In die Kursstrukturen der Bachelor-Studiengänge ließen sich solche Seminarangebote überhaupt nicht integrieren, meint Nicole Meier. Die promovierte Anglistin betreut inzwischen selbst Studierende. Das Interesse an der Erforschung des Mittelalters ist nach wie vor groß, auch außerhalb der Uni. So war Roland Ißler überrascht über die Reaktionen aus der Bonner Bevölkerung:

"Wir haben zum Beispiel Anrufe bekommen von einem Bäcker der sich dafür interessiert hat ob wir auch Brot backen nach alten Rezepten, der uns auch eingeladen hat in seine Brotzubreitungsbibliothek, der hat also sehr viel Lektürematerial, dass er selbst gesammelt hat im Laufe seiner Berufsjahre und der sich sehr dafür interessiert. Dann haben wir Imker die sich interessiert haben über die Honigverarbeitung uns was zu berichten."

Geplant ist, den Kontakt zu vertiefen. So sollen die Brot- und Honigexperten ihre praktischen Erfahrungen im Rahmen des Mittelalter-Forums an die Nachwuchswissenschaftler weitergeben, denn die sind beim Kochen und Backen so richtig auf den Geschmack gekommen.

Eine letzte Kostprobe in der WG-Küche bevor Roland Ißler den Rüben-Eintopf serviert:

"Unsere Zunge ist die Gewürze ja gar nicht so gewöhnt wie die mittelalterliche Zunge, aber ich glaub, dass wir das noch gut würzen können. Das ist Minze und Zimt. Schmeckt mir gut, schön. "

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk