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Miyazakis letzter Film
Abschied eines Meisters

Eine japanische Institution tritt ab: Mit "Wie der Wind sich hebt" beendet der 1941 geborene Meister des Animefilms, Hayao Miyazaki, seine Karriere. Die Zeichentrickfilme seines Studio Ghibli begeistern Jung und Alt, ohne vor schwierigen Themen wie Tod, Umweltzerstörung oder Krieg zurückzuschrecken - auch nicht in seinem letzten Werk.

Von Hartwig Tegeler | 16.07.2014
    Ja, im Traum, im Traum ist alles möglich. Bei Hayao Miyazaki sieht auf den ersten Blick alles sehr märchenhaft, idyllisch aus. Aber eben nur auf den ersten Blick. Irgendwann sinniert Jiro über das Leben:
    "'Le vent se lève, il fauttenter de virvre.' 'Der Wind hebt an; wir müssen versuchen zu leben'."
    Ein Credo in einer Zeile aus einem Gedicht von Paul Valèry: "Der Wind hebt an; wir müssen versuchen zu leben." Was bedeutet dieses "müssen"? Schwingt da ein existenzialistischer Fatalismus mit?
    Es sind die Lieblingsdinge aus Hayao Miyazakis Filmen, die auch jetzt in "Wie der Wind sich hebt" immer da sind: die Liebe, ja, auch jede Menge Zigaretten, der Himmel und Flugzeuge. Immer wieder tauchen sie bei Miyazaki auf, diese merkwürdigen, fantastischen Flugmaschinen. Die größte Freude aber, die ein Miyazaki-Protagonist empfinden kann, ist, wenn er durch die Luft fliegt, verbunden mit diesem unwiderstehlichen Gefühl zu schweben. Jiro, der erst junge, dann erwachsene Held aus "Wie der Wind sich hebt" konzentriert dieses Sehnen in seiner Figur.
    "[Kleine Schwester:] Hey, du lernst ja gar nicht. - [Jiro:] Das ist eine Zeitschrift. - Der hat ja einen komischen Bart. - Das ist ein berühmter italienischer Ingenieur. Und er heißt Caproni."
    Dieser italienische Flugbau-Ingenieur ist Jiros Held, der natürlich in seinen Träumen auftaucht und Jiros Fragen beantwortet:
    "Kann man Flugzeuge bauen, auch wenn man kurzsichtig ist. Ich bin nämlich kurzsichtig und kann deswegen kein Flugzeug steuern."
    Ach was, meint Caproni im Traum von Jiro: Er selbst könne auch kein Flugzeug fliegen. Aber entwerfen könne er sie! Um dann noch hinzuzufügen:
    "Ein Flugzeug ist weder ein Kriegswerkzeug noch ein Mittel, um Geld zu verdienen. Ein Flugzeug ist ein wundervoller Traum. Leb wohl, wir werden uns wiedersehen."
    Meint Caproni, springt in sein wundersames Fluggerät und steigt hinauf zu den Wolkengebirgen im azurblauen Himmel. Aber Moment, da ist zwar wieder - wie am Anfang von "Wie der Wind sich hebt" - dieses Märchen-Gefühl von Freiheit, der freien Bewegung, aber die Kunst des Filmemachers Hayao Miyazaki, dieses Meisters des japanischen Animes, liegt darin, dass er die Fantasie sehr konsequent, ja, fast radikal kontrapunktiert mit der Realität. Insofern ist Capronis Satz, dass ein Flugzeug ein wundervoller Traum ist, auch eine Lüge oder zumindest gefährliche Illusion.
    Wenn Träume wahr werden
    Also, der Traum, ganz klar: Jiro, der sensible Junge, ebenso Jiro Horikoshi, der erwachsene Mann, Flugzeug-Ingenieur, träumt davon, ein Flugzeug zu bauen, das so wundervoll fliegt wie der Wind. Und das baut der Erwachsene dann tatsächlich auch. Er träumt also in die Realität hinein, koste es, was es wolle. Das "koste es, was es wolle!" ist eine Formulierung von Hayao Miyazaki. Und solch ein "Gift", wie der Filmemacher es nennt, "sollte nicht verschleiert", es sollte davon erzählt werden.
    Und Miyazaki erzählt. Denn seine Figur Jiro Horikoshi, die auf dem Leben des gleichnamigen berühmten japanischen Ingenieurs basiert, beginnt seine Arbeit 1927 bei einem großen Ingenieurbüro, um dann zum angesehenen Fachmann in der riesigen japanischen Verteidigungsindustrie zu werden. Sein verwirklichter Traum, das ist die Mitsubishi A6M1, der sogenannte Zero Kampfjet, Albtraum jedes alliierten Soldaten auf den Weltkrieg-II-Schlachtfeldern im Pazifik. Träume, sagt Hayao Miyazaki, erklärter Pazifist: Träume besitzen auch ein Element des Wahnsinns.
    Und wenn man die anfänglich nostalgisch scheinen wollenden Bilder des Films sieht, mit diesen manga-ähnlichen Figuren - immer ein wenig Kindchenschema mit den stark vergrößerten Kulleraugen -, dann werden wir uns diesem märchenhaft Schönen spätestens dann vertrieben - endgültig -, wenn Miyazaki an das Ende von Jiros großer Bahnreise die Bilder des Großen Erdbeben von Kanto in der Nähe von Tokio setzt. 1. September 1923. Mehr als 100.000 Japaner verlieren ihr Leben. Man kann sich natürlich fragen, ob Miyazaki in diese historischen Bilder, dieses historische Grauen, nicht auch das von Fukushima quasi als Gefühl "eingezeichnet" hat. Schon vor einiger Zeit sagte Miyazaki einmal:
    "Ich bin an einen Punkt gelangt, an dem ich einfach keinen Film mehr machen kann, ohne das Problem der Menschheit als Teil eines Ökosystems anzusprechen.
    Es ist eindrucksvoll, wie schön die Bilder Japans grüner Landschaften, des azurblauen Himmels, der Wolken, der Flugmaschinen, des sensiblen wie leidenschaftlichen Träumers Jiro in diesem Anime dargestellt sind, um dann umzuschlagen. Schönheit und Grauen reichen sich in Hayao Miyazakis Film auf unnachahmliche Weise die Hand. Weil sie zusammen gehören in dieser realistischen wie fantastischen Erzählung. "Wie der Wind sich hebt" ist ein Film über Obsessionen in all ihren hellen und dunklen Seiten. Ein sehr erwachsener und keineswegs ein Kinderzeichentrickfilm.