Sie zeigt sich von hinten. Mit kräftigen Oberschenkeln und einem Popo, der, wie auch die Schulterpartien, ohne Übertreibung sexy genannt werden darf. Ihr Kopf fällt in den Nacken. Die Augen sind geschlossen. Das Gesicht der Dame bringt großen Genuss zum Ausdruck. Das 164 cm hohe und 74 cm breite Gemälde bietet, anscheinend, ein typisches Belle-Epoque-Sujet: eine in kompletter Nacktheit verzückte Maitresse.
Doch der unkundige Betrachter irrt: Das neckische Werk des Malers Correggio stammt aus dem Jahr 1531. Das Bild zeigt Io. Der griechischen Sage nach war sie die Tochter eines Flußgottes, in die sich Gottvater Zeus verliebt hatte. Dazu die Kunsthistorikerin Anna Coliva:
"Correggio besaß die Fähigkeit, Sujets zu malen, die man zu seiner Zeit eigentlich nicht malte. Nicht dass er offen Anzügliches darstellte, nein, er stellte es von hinten dar, verbarg es in mythologischen Anspielungen, die von seinen Zeitgenossen ohne Zweifel verstanden wurden. Seine Malerei ist ungemein physisch."
Auf dem ebenfalls in Rom zu sehenden Gemälde "Leda und der Schwan" gibt sich Leda, die Tochter des griechischen Sagenkönigs Thestios von Ätolien, umgeben von Amoren und anderen nackten Damen, Zeus hin, der sie in Form eines Schwans verführt. Das Gemälde zeigt den Schwan zwischen den Schenkeln der Königstocher. Eine selbst für die gar nicht prüde Renaissance recht deftige Anspielung auf einen Geschlechtsakt.
Die erste Retrospektive zum Schaffen von Antonio Allegri - genannt Correggio, nach dem gleichnamigen Ort, in dem der Maler gegen 1489 geboren wurde - zeigt rund 80 Werke, vor allem Gemälde. Ausstellungskuratorin Anna Coliva will anhand der aus Privatsammlungen und Museen zusammengeliehenen Bilder ein in der Kunstgeschichtsschreibung lang gehegtes Vorurteil widerlegen.
Correggio wird immer wieder als großer Meister beschrieben - fast gleichbedeutend mit Michelangelo und Raffael. Das "fast" bezieht sich auf die Behauptung, dass der vor allem in Parma arbeitende Künstler nie in Rom gewesen sei. Erst ein Studienaufenthalt in Rom, der zu seiner Zeit, dem frühen 16. Jahrhundert, unbestrittenen europäischen Hauptstadt der Malerei, hätte aus ihm einen der ganz bedeutenden Maler der Kunstgeschichte gemacht. Anna Coliva versucht mit ihrer Kunstschau nachzuweisen, dass Correggio in Rom gewesen sein muss - auch wenn keine Dokumente für so einen Aufenthalt vorliegen:
"Rom hieß damals Antike und Klassik. Alle wichtigen Künstler hatten im späten 15. und im 16. Jahrhundert nach Rom zu pilgern, um sich dort von antiken Sujets und den aktuellen Stars der Malerei inspirieren zu lassen. Correggios Ausdrucksweise, die keine klassischen Vorbilder imitierte, führte zu dem vorschnellen Urteil, dass er nur ein zweitrangiger Künstler gewesen sei."
Der Kunsthistorikerin Coliva zufolge brauche man sich nur die in der Galleria Borghese ausgestellten Werke Correggios anzuschauen, um zu einer ganz anderen Einschätzung zu gelangen. Correggio imitierte nicht Michelangelo und Raffael. Er ließ die Vorliebe der Renaissance für die Antike und klassische Motive in metaphysischer Weise in seine Bildsprache einfließen. Diesen eigenen Stil, den Anna Coliva als eindeutig klassisch definiert, habe Correggio in Folge einer Reise nach Rom gefunden, etwa um 1518:
"Er wird in Rom den Meistern über die Schulter geschaut haben, Michelangelo und Raffael. Er ließ sich von ihnen inspirieren, ohne sie aber nachzuahmen. Er muss ihre römische Werke gesehen haben, um ein Wandbild wie das für die Benediktiner-Äbtissin Giovanna Piacenza schaffen zu können. Ein Bild, das von Michelangelos und Raffaels Stil durchdrungen ist, diesen Stil aber überwindet. Correggios Werke sprechen in diesem Punkt eine klare Sprache."
Das Wandbild für die Äbtissin zeigt eine Pergola, die den Blick in den Himmel freigibt. Von der Pergola aus schauen Putten auf den Betrachter hinab. Die Lünetten sind mit monochrom gemalten klassischen Götter ausgeschmückt. Darunter erscheinen ebenfalls klassische Stierschädel, und Diana fährt im sanften Licht der Morgenröte dahin.
Es scheint, so die These der römischen Ausstellungsmacherin, dass Correggio nach seinem Aufenthalt in Rom seinen eigenen und von anderen Malern unterscheidbaren Stil gefunden habe: einen ausgeprägten Sinn für Farben und Lichteffekte mit räumlicher Tiefe und ein überschwengliches Gefühl für Bewegungen und erotische Anspielungen.
Dass Correggio immernoch nicht in einem Atemzug mit Michelangelo und Raffael genannt werde, habe, resümiert Anna Coliva, eben damit zu tun, dass er sie mit seinem späten Schaffen hinter sich lässt - und eine Tür zur späteren Barockmalerei öffnet.
Doch der unkundige Betrachter irrt: Das neckische Werk des Malers Correggio stammt aus dem Jahr 1531. Das Bild zeigt Io. Der griechischen Sage nach war sie die Tochter eines Flußgottes, in die sich Gottvater Zeus verliebt hatte. Dazu die Kunsthistorikerin Anna Coliva:
"Correggio besaß die Fähigkeit, Sujets zu malen, die man zu seiner Zeit eigentlich nicht malte. Nicht dass er offen Anzügliches darstellte, nein, er stellte es von hinten dar, verbarg es in mythologischen Anspielungen, die von seinen Zeitgenossen ohne Zweifel verstanden wurden. Seine Malerei ist ungemein physisch."
Auf dem ebenfalls in Rom zu sehenden Gemälde "Leda und der Schwan" gibt sich Leda, die Tochter des griechischen Sagenkönigs Thestios von Ätolien, umgeben von Amoren und anderen nackten Damen, Zeus hin, der sie in Form eines Schwans verführt. Das Gemälde zeigt den Schwan zwischen den Schenkeln der Königstocher. Eine selbst für die gar nicht prüde Renaissance recht deftige Anspielung auf einen Geschlechtsakt.
Die erste Retrospektive zum Schaffen von Antonio Allegri - genannt Correggio, nach dem gleichnamigen Ort, in dem der Maler gegen 1489 geboren wurde - zeigt rund 80 Werke, vor allem Gemälde. Ausstellungskuratorin Anna Coliva will anhand der aus Privatsammlungen und Museen zusammengeliehenen Bilder ein in der Kunstgeschichtsschreibung lang gehegtes Vorurteil widerlegen.
Correggio wird immer wieder als großer Meister beschrieben - fast gleichbedeutend mit Michelangelo und Raffael. Das "fast" bezieht sich auf die Behauptung, dass der vor allem in Parma arbeitende Künstler nie in Rom gewesen sei. Erst ein Studienaufenthalt in Rom, der zu seiner Zeit, dem frühen 16. Jahrhundert, unbestrittenen europäischen Hauptstadt der Malerei, hätte aus ihm einen der ganz bedeutenden Maler der Kunstgeschichte gemacht. Anna Coliva versucht mit ihrer Kunstschau nachzuweisen, dass Correggio in Rom gewesen sein muss - auch wenn keine Dokumente für so einen Aufenthalt vorliegen:
"Rom hieß damals Antike und Klassik. Alle wichtigen Künstler hatten im späten 15. und im 16. Jahrhundert nach Rom zu pilgern, um sich dort von antiken Sujets und den aktuellen Stars der Malerei inspirieren zu lassen. Correggios Ausdrucksweise, die keine klassischen Vorbilder imitierte, führte zu dem vorschnellen Urteil, dass er nur ein zweitrangiger Künstler gewesen sei."
Der Kunsthistorikerin Coliva zufolge brauche man sich nur die in der Galleria Borghese ausgestellten Werke Correggios anzuschauen, um zu einer ganz anderen Einschätzung zu gelangen. Correggio imitierte nicht Michelangelo und Raffael. Er ließ die Vorliebe der Renaissance für die Antike und klassische Motive in metaphysischer Weise in seine Bildsprache einfließen. Diesen eigenen Stil, den Anna Coliva als eindeutig klassisch definiert, habe Correggio in Folge einer Reise nach Rom gefunden, etwa um 1518:
"Er wird in Rom den Meistern über die Schulter geschaut haben, Michelangelo und Raffael. Er ließ sich von ihnen inspirieren, ohne sie aber nachzuahmen. Er muss ihre römische Werke gesehen haben, um ein Wandbild wie das für die Benediktiner-Äbtissin Giovanna Piacenza schaffen zu können. Ein Bild, das von Michelangelos und Raffaels Stil durchdrungen ist, diesen Stil aber überwindet. Correggios Werke sprechen in diesem Punkt eine klare Sprache."
Das Wandbild für die Äbtissin zeigt eine Pergola, die den Blick in den Himmel freigibt. Von der Pergola aus schauen Putten auf den Betrachter hinab. Die Lünetten sind mit monochrom gemalten klassischen Götter ausgeschmückt. Darunter erscheinen ebenfalls klassische Stierschädel, und Diana fährt im sanften Licht der Morgenröte dahin.
Es scheint, so die These der römischen Ausstellungsmacherin, dass Correggio nach seinem Aufenthalt in Rom seinen eigenen und von anderen Malern unterscheidbaren Stil gefunden habe: einen ausgeprägten Sinn für Farben und Lichteffekte mit räumlicher Tiefe und ein überschwengliches Gefühl für Bewegungen und erotische Anspielungen.
Dass Correggio immernoch nicht in einem Atemzug mit Michelangelo und Raffael genannt werde, habe, resümiert Anna Coliva, eben damit zu tun, dass er sie mit seinem späten Schaffen hinter sich lässt - und eine Tür zur späteren Barockmalerei öffnet.