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Moderner Tanz in Lettland

Zweimal kam die Kulturszene der baltischen Länder kurz ins Blickfeld der Westeuropäer: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und bei der Erweiterung der EU im Mai 2004. Doch was wissen wir schon über Estland, Lettland und Litauen? Dass sich zum Beispiel in Lettland, das gerade einmal 2,4 Millionen Einwohner hat, ein modernes Tanztheater entwickelt hat, dürfte eine Neuigkeit sein. Seit 1996 gibt es in Riga die "Modern Dance Company", gegründet von Olga Jitluhina.

Von Agnes Bührig |
    Ein verspiegelter Übungsraum in der staatlichen Ballettschule Lettlands. Olga Zitluhina steht in Jogginghose und Sweatshirt vor einer Gruppe von sechs nicht mehr ganz jungen Tänzern. Ihr Füße zeigen Spuren vom Spitzentanz - Folgend der harten Schule des Balletts. Jetzt allerdings versucht sie ihren Eleven zu vermitteln, wie man sich gekonnt auf den Boden wirft - mit Pas de deux hat das wenig zu tun. Dass es überhaupt möglich ist, in Lettland eine staatliche Ausbildung für gegenwärtigen Tanz zu absolvieren, ist vor allem Zitluhinas Engagement zu verdanken:

    " Vor sechs Jahren habe ich den Studiengang für zeitgenössischen Tanz an der lettischen Kulturakademie gegründet und wir haben bereits 19 Absolventen. Die Ausbildung ist breit angelegt und umfasst Tanz, Choreographie und Tanzpädagogik. Denn diese drei Bereiche lassen sich nicht trennen. Wenn du Tanzlehrer bist, musst du ja auch Tänzer sein und wenn du professioneller Tänzer bist, musst du auch Choreograph sein, besonders im zeitgenössischen Tanz. "

    Nicht nur das. Um sich im kleinen Lettland mit seinen 2,4 Millionen Einwohnern als Tänzer halten zu können, ist eine breit gefächerte Ausbildung unerlässlich. Olga Zitluhinas Dance Company ist die einzige professionelle Formation für zeitgenössischen Tanz, die regelmäßig abendfüllende Programme entwickelt. Daneben gibt es ein halbes Dutzend kleinere Gruppen, die den zeitgenössischen Tanz pflegen. Keine ganz leichte Aufgabe, kam die Prägung im Bereich Tanz in der einstigen Sowjetrepublik Lettland doch jahrzehntelang aus dem Osten. Wer etwas werden wollte, absolvierte seine Ausbildung in St. Petersburg. Aus dieser Keimzelle war einst das Balletts russe entstanden. Gastspiele moderner Tanzkompanien dort waren selten, erinnert sich Olga Zitluhina, die in den 70er Jahren in St. Petersburg ihre klassische Ballettausbildung absolvierte. Umso stärker war der Eindruck, den sie vermittelten:

    " In den 70er Jahren kamen sehr bekannte Kompanien wie Paul Taylor und Maurice Bejart in die Sowjetunion. Für uns Balletteleven war das ein erhebender Moment. Wir liefen zu den Aufführungen und bekamen einen Schock: Plötzlich verstanden wir, was wir mit unserem Leben anfangen wollen. Wir wurden inspiriert, hatten aber keine Ahnung von der Technik. Wir versuchten, Bücher zu bekommen oder Raubkopien auf Video von Aufführungen, denn es konnte ja keiner von uns ins Ausland. "

    Mit der Perestroika kam die langsame Öffnung nach Westen. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes 1991 konnten junge Tänzer reisen und Erfahrungen überall in der Welt sammeln. Mit finanzieller Unterstützung von Kulturinstitutionen wie dem British Council und der Kulturhauptstadt Riga Stiftung wurden Gastdozenten aus Amerika und Europa nach Lettland eingeladen. Denn die staatliche Förderung ist bis heute vor allem den anerkannten Sparten Ballett und Volkstanz vorbehalten. Im Jahre 2002 wurde Olga Zitluhina eingeladen, ihre erste Tanzchoreographie für die Rigaer Oper zu machen. Freie Produktionen zu erarbeiten, ist immer noch eine Sache von wenigen Enthusiasten, meint die Choreographin:

    " Es ist nicht so einfach, zu überleben, aber es gibt uns immer noch und wir entwickeln uns. In Riga findet jedes Jahr ein internationales Ballettfestival statt. Da gab es auch schon einmal Aufführungen moderner Kompanien wie dem Cullbergballett oder Gruppen aus Norwegen und Finnland. Ein Festival für gegenwärtigen Tanz gibt es allerdings nicht. Aber das Theaterfestival Homo novus versucht, Tanzprojekte zu machen. Manchmal bekommen wir auch Geld von der Regierung. Das ist zwar selten und die finanzielle Unterstützung ist gering, aber ich denke, wir werden überleben. "

    Den Kampf ums Überleben hat Olga Zitluhina auch in ihrem Stück "Kad Pucei aste ziedes" thematisiert, das davon handelt, wie Unmögliches möglich wird. Hohes künstlerisches Niveau, bescheinigte ihr die größte Tageszeitung des Landes Diena und berichtete von einer Diskussion im Publikum, ob man nicht im Vorhinein Informationen hätte verteilen müssen, damit die ungeübten Augen das Geschehen auf der Bühne besser verstehen. Olga Zitluhina hat dafür Verständnis:

    " Ballettvorstellungen in der Oper sind immer ausverkauft. Sie sind leicht zu verstehen. Beim gegenwärtigen Tanz ist das anders: Da muss das Publikum auch denken, nicht nur gucken. Und auch wenn ich das Wort "Erziehung" nicht mag: Wir müssen unser Publikum erziehen und an unsere Kunst heranführen. Und mit jedem Programm machen wir einen neuen Schritt. "

    Bei ihrem letzten Stück mit dem Titel "Und wieder dasselbe, Teil 1" hat sie die Räumlichkeiten einer Möbelfabrik den zarten Klängen von Mandoline und Akkordeon entgegengesetzt. Eine Aufführung nicht nur für Kenner der elitären Kunst, sondern für alle jubelte die russische Zeitung Tschas. Dieses Jahr träumt Olga Zitluhina davon, das 10-Jährige Bestehen ihrer Gruppe mit einem Minifestival mit mehreren internationale Choreographen zu feiern. Schwierig, aber nicht unmöglich.