Dienstag, 07. Dezember 2021

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Modernes TV-VotingAnrufen statt klicken

Die meisten kennen sie noch aus "Wetten, dass..?" - die TED-Umfrage. Wen die Zuschauer liebten, der wurde per Telefon Wettkönig. Die Sendung ist eingestellt, das Telefon als Mittel der Zuschauerbeteiligung aber ist geblieben – auch im digitalen Zeitalter.

Von Claudia Euen | 07.02.2017

Telefone mit Wahlscheibe spiegeln sich im Museum für Kommunikation in Nürnberg (Mittelfranken) in einer Vitrine.
Historische Telefone: TED-Umfragen sind aber immer noch ein wirksames Mittel der Zuschauerbeteiligung. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann )
"Herzlichen Dank. Bleibt bitte noch ein bisschen hier bei uns. Haben wir schon einen TED? Haben wir schon ein Ergebnis? Haben wir, hör ich gerade. Die große Frage ist, wer wird der Wettkönig des heutigen Abends. Also ein sehr klares Ergebnis. Auf dem vierten Platz heute Abend: Dajo mit dem Eierwurf."
Markus Lanz steht auf der Fernsehbühne und fiebert mit seinen Kandidaten. Am Fernsehbildschirm schieben sich Farbbalken in die Höhe. Tausende Fernsehzuschauer haben per Telefon abgestimmt, wer gewinnen soll. "Wetten, dass..?" war jahrzehntelang die Familiensendung im deutschen Fernsehen und bekannt für ihre TED-Umfrage – Anfang der 1980er-Jahre eine Neuheit im deutschen Fernsehen.
Beim Pilotversuch im Rahmen der Funkausstellung 1979 konnten erstmals 500 ausgewählte Berliner Haushalte darüber abstimmen, ob Hertha BSC Meister werden sollte oder nicht. Die Anzahl der Anrufer war anfänglich begrenzt. Später ermöglichte TED, die Abkürzung von Tele-Dialog, den Fernsehmachern mit dem Zuschauer zu Hause Kontakt aufzunehmen. Für das Tor des Monats zum Beispiel oder die Hitparade.
"Jetzt den Hörer hochnehmen und jetzt bitte wählen. 1,2, 3, 4. Die Endziffer, die Ihnen am besten gefiel, ankommen, werden ihre Anrufe durch einen Kontakt ausgelöst in Wiesbaden im Rechenzentrum, dort sitzt Herr Denninger. Bei Herrn Denninger laufen jetzt die Anrufe auf, nur der Kontakt entscheidet, welche Nummer man gewählt hat. Ich möchte jetzt das erste Zwischenergebnis haben. ... Gefolgt von Marianne Rosenberg."
Sagt Moderator Dieter Thomas Heck. Die Hitparade hat ihren Kult-Status verloren und auch "Wetten, dass..?" ist mittlerweile aus dem Programm verschwunden.
TED-Umfrage lebt weiter
Doch die TED-Umfrage lebt weiter. Während früher ein Telefonvoting dazu gedacht war, schnell ein Ergebnis zu produzieren, werden sie heute viel stärker in das Fernsehformat integriert, sagt Werner Klötsch, Geschäftsführer der Digame mobile GmbH.
"Was die ersten erfolgreichen Formate vor Augen führen – das waren die erste Staffel Big Brother oder später DSDS, da war das Telefonvoting ein fester Bestandteil der gesamten Dramaturgie. Was am Ende ja auch darauf hinauslief, dass das TV-Ergebnis explizit im Fernsehen zelebriert wurde. Damit stiegen die Ansprüche an die Art, wie man das abwickeln kann. Und da kamen dann eben auch die Ideen auf, muss das immer das Fräulein vom Amt sein, das relativ nüchtern antwortet. Man kann Stars sprechen lassen. So hat es sich vom starren System in ein flexibles System entwickelt."
Digame ist das Unternehmen, dass für die RTL-Mediengruppe, ProSiebenSat1 aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender sowie Printmedien Telefonvotings durchführt. Im Jahr 2007 stellte Digame ein System ins Netz, dass Informationen von bis zu 15 Millionen Anrufern gleichzeitig speichern kann. Derzeit erfolgreiche Televoting-Formate sind der Eurovision-Songcontest, Deutschland sucht den Superstar oder auch The Voice of Germany.
Kommunikationswege bleiben
Weil diese Art der Zuschauerrückkopplung vor allem in Live-Formaten genutzt wird, spielt die TED-Umfrage bei den öffentlich-rechtlichen Sendern so gut wie keine Rolle mehr. Publikum und Sendungsinhalte haben sich geändert, nicht aber die Kommunikationswege, sagt Werner Klötsch.
"Das Internet ersetzt nicht die alte Technik. Sie müssen parallel zum Fernsehen ins Internet gehen. Das könnten Sie mit dem Handy machen. Dann ist es immer noch einfacher, eine kurze SMS zu schicken mit 01 oder 02, als eine Webadresse einzugeben. Ein zweiter Punkt: Das Telefon ist eindeutig. Die Nummer ist eindeutig. Der Prozess des Votens ist gut kontrollierbar. Im Internet wissen wir seit den amerikanischen Wahlen, ist es relativ leicht, Beeinflussung auszuüben."
Laut Klötsch wurde das Telefonvoting in den letzten Jahren gleichbleibend vom Publikum angenommen. Wie viele Zuschauer aber tatsächlich bei einer Sendung anrufen oder eine SMS schicken, dringt nur in seltenen Fällen an die Öffentlichkeit. Für die Sender ist der 50 Cent teure Anruf aus dem Festnetz auch eine zusätzliche Einnahmequelle. Zumal auf diesem Weg keine Extrakosten entstehen, wie es bei einer App der Fall wäre, die über einen Fremdbetreiber wie Google oder Apple extra installiert werden müsste.
Die mehrheitliche Meinung der Gesellschaft aber spiegeln die Ergebnisses des Televotings nicht wieder, sagt Professor Hans-Jörg Stiehler, Professor für Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig.
"Der Rückkanal ist ein sehr begrenztes Instrument, weil man weiß nicht, wer da anruft und man kann sich vorstellen, es sind die Engagierten, es sind im Regelfall die etwas Extremeren, die anrufen. Und das selbe beobachten wir ja heute bei anderen Formen des Rückkanals, wie Kommentarfunktionen bei Zeitungen, die aber eigentlich über das tatsächliche Meinungsklima vermutlich sehr wenig aussagen."