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Monsieur Fume oder Das Glück der Vergeßlichkeit

"Abschiednehmen beginnt immer mit einer kleinen Lüge über das, wovon man Abschied nimmt." Diesen Satz notiert sich der unter großer Vergeßlichkeit leidende Monsieur Fume für seinen Zettelkasten, sein Ersatzgedächtnis. Ob der Zettel je darin ankommen wird, ob er vielleicht irgendwann verknittert in einer Jackentasche auftaucht und Monsieur Fume einen Tag lang Kopfzerbrechen bereiten wird, oder ob er, wie der Ordner mit den Beweisen für die Unsterblichkeit der Seele von Fumes Frau verräumt wird - letztlich wird auch das nur eine Episode sein. Ein Detail, das bedeutungslos wird, wenn Fume, dessen Name ins Deutsche übersetzt "Rauch" ist, auf dem Dach liegt und seiner einzigen Leidenschaft nachgeht, dem Beobachten der Wolken. Diese Geste des Rückzugs, der Abwendung von der Gesellschaft erinnert an einen anderen Monsieur der Literaturgeschichte, an Monsieur Teste von Paul Valery, geschrieben 1893 im Zeichen der Jahrhundertwende. Wo sieht Martin R. Dean, Schöpfer von Monsieur Fume die Verwandtschaft zwischen diesen beiden Figuren? " Ich würde sagen, daß Teste so etwas wie der Ururgroßvater von Monsieur Fume sein könnte. Fume ist aber lebenszugewandter, er ist sicherlich weder ein elitärer Mensch noch ein elitärer Denker. Was Sie ansprechen mit diesen Koinzidenzien dieses Jahrhunderts - beziehungsweise dieses Jahrtausendendes, das ist etwas sehr Wichtiges. Fume, der an einer gewissen Gedächtnislosigkeit leidet, versucht sich auf das Ende des Jahrtausends vorzubereiten. Dieses Ende ist ihm ein Schrecken, und zwar aus dem vielleicht nicht ganz einfachen Grunde, weil er denkt: Es bleibt keine Zeit mehr, Abschied zu nehmen. Ich selber glaube, daß die Beschleunigungstendenz unserer Gesellschaft derart zugenommen hat, daß uns etwas ganz Wichtiges vorenthalten bleibt, und das sind die Abschiede. Nur wer Abschied nehmen kann, kommt überhaupt in die Lage oder in den Genuß, so etwas wie Gegenwart haben zu können."

Thomas Böhm |
    Die vier bisher veröffentlichten Romane Deans, sein 1990 erschienenes Journal "Außer mir" und seines neues Buch "Mr. Fume" verbindet, daß sie - unter Wahrung höchster Lesbarkeit und spannender Handlungsverläufe - ihre zentralen Begriffe grundsätzlich in Frage stellen, unterlaufen, dekonstruieren. Deans erster Roman, "Die verborgenen Gärten" legte offen, daß sich hinter dem Ausdruck "Natur" stets nur eine verwaltetete, vom Menschen zugerichtete Erinnerung an die "Natur" verbirgt. "Die Ballade von Billie und Joe" aus dem Jahre 1996 fragt nach der Möglichkeit authentischer Gefühle in einer Welt, in der von Romeo und Julia, Humbert und Lolita, Laurel und Hardy, Bonny und Clyde scheinbar alle Liebeskonstellationen verlockend und unentrinnbar vorgelebt worden sind. Auch Monsieur Fume hat ein grundsätzliches Problem. Wie kann er in einer "Gegenwart" ankommen, wo er doch so vergeßlich ist und am liebsten - wie es an einer Stelle heißt - "alles, was es gab, in geschriebene Sätze verwandeln" würde. Anhand dieses kurzen Überblicks könnte man das übergreifende Projekt von Martin R. Dean benennen als die Enthüllung von menschlichen Selbsttäuschungen, von Fiktionen. Martin R. Dean dazu: "Ich denke, daß durch diese Zurichtung der Welt, die Verdoppelung, die Verdreifachung, kurz die Medialisierung der Welt, die Unwirklichkeiten zugenommen haben. Das entläßt eine große Sehnsucht nach dem sogenannten Realen, nach der sogenannten Wirklichkeit, nach dem sogenannten Echten. Nun glaube ich, daß Literatur schlecht beraten wäre, dieses sogenannte Echte, Wahre und Wirkliche anbieten zu wollen. Sie würde nämlich dann in die Versuchung geraten, selber unwahr zu werden."

    Deans Auseinandersetzung mit der Gesellschaft bleibt nicht auf Medienkritik und Sprachphilosophie beschränkt. Anhand scharfsichtiger Milieuskizzen sowie von Szenen aus Monsieur Fumes Familienleben bekommt der Leser Einblicke in die Feinmechanik zwischenmenschlicher Verbindungen: Vom Zustandekommen einer Intimfeindschaft über das Belügen von Kindern bis zur Angewohnheit von Fumes Ehefrau, einen alten Putzlappen immer über den Hahn zu hängen, aus dem Fumes Teewasser kommt. Die Absicht dieser Episoden ist jedoch nie das Denunzieren anderer, sondern ihnen wohnt - wie den Maximen und Reflexionen der französischen Moralisten - vor allem der Wille zur Selbstentlarvung des allzeit Menschlichen inne. Jeder pädagogische Impetus fehlt; denn bei aller Zeitanalyse, allen Rückzugsgesten, allem Überdruß an den medialen Scheinwelten, ein Peter Handke oder gar eine Art Thoreau vom Vierwaldstättersee will Martin R. Dean nicht sein: "Literatur soll ja keine Handlungsanweisung sein, das ist auch ein großes Mißverständnis gegenwärtiger Literaturtrends: 'Ich lese ein Buch und weiß dann, wie es mit dem Leben besser geht.' Dieses Wie-das-Leben-besser-zu-leben-wäre ist ein sehr indirekter Prozeß, zu dem das Buch hinführen kann. Was ich versuche mit diesen kleinen fiktiven Geschichten, ist, der alten Menschheitsgabe der Erfindung wieder etwas auf die Füße zu helfen. Der Mensch kann ja, im Gegensatz zum Tier, sich selbst entwerfen. Warum sind wir im Entwerfen, im Selbstentwurf, so gottesjämmerlich geworden? Ich versuche imaginäre Räume zu öffnen, wo Dinge passieren, mit einer gewissen Komik - das soll ja auch nicht pathetisch daherkommen. Dinge passieren, die vorstellbar sind, und die vielleicht eine andere Wahrheit ausdrücken als die ärmliche Wahrheit von dem, was ist."

    So entwirft und verwirft sich Fume beständig selbst, schreibt Zettel und vergißt, verfaßt Briefe an fiktive Adressaten in Übersee, die er nie abschickt, liegt auf seinem Dach und betrachtet die Wolken. Wie Wolken ziehen auch die kurzen Szenen und Geschichten des Buches am Leser vorbei, feinstofflich, flüchtig, mal witzig, mal schräg, mal surreal, mal weise, mal absurd. Mit einem Unterschied jedoch: Den vergeßlichen Monsieur Fume vergißt man so schnell nicht.