Deans Auseinandersetzung mit der Gesellschaft bleibt nicht auf Medienkritik und Sprachphilosophie beschränkt. Anhand scharfsichtiger Milieuskizzen sowie von Szenen aus Monsieur Fumes Familienleben bekommt der Leser Einblicke in die Feinmechanik zwischenmenschlicher Verbindungen: Vom Zustandekommen einer Intimfeindschaft über das Belügen von Kindern bis zur Angewohnheit von Fumes Ehefrau, einen alten Putzlappen immer über den Hahn zu hängen, aus dem Fumes Teewasser kommt. Die Absicht dieser Episoden ist jedoch nie das Denunzieren anderer, sondern ihnen wohnt - wie den Maximen und Reflexionen der französischen Moralisten - vor allem der Wille zur Selbstentlarvung des allzeit Menschlichen inne. Jeder pädagogische Impetus fehlt; denn bei aller Zeitanalyse, allen Rückzugsgesten, allem Überdruß an den medialen Scheinwelten, ein Peter Handke oder gar eine Art Thoreau vom Vierwaldstättersee will Martin R. Dean nicht sein: "Literatur soll ja keine Handlungsanweisung sein, das ist auch ein großes Mißverständnis gegenwärtiger Literaturtrends: 'Ich lese ein Buch und weiß dann, wie es mit dem Leben besser geht.' Dieses Wie-das-Leben-besser-zu-leben-wäre ist ein sehr indirekter Prozeß, zu dem das Buch hinführen kann. Was ich versuche mit diesen kleinen fiktiven Geschichten, ist, der alten Menschheitsgabe der Erfindung wieder etwas auf die Füße zu helfen. Der Mensch kann ja, im Gegensatz zum Tier, sich selbst entwerfen. Warum sind wir im Entwerfen, im Selbstentwurf, so gottesjämmerlich geworden? Ich versuche imaginäre Räume zu öffnen, wo Dinge passieren, mit einer gewissen Komik - das soll ja auch nicht pathetisch daherkommen. Dinge passieren, die vorstellbar sind, und die vielleicht eine andere Wahrheit ausdrücken als die ärmliche Wahrheit von dem, was ist."
So entwirft und verwirft sich Fume beständig selbst, schreibt Zettel und vergißt, verfaßt Briefe an fiktive Adressaten in Übersee, die er nie abschickt, liegt auf seinem Dach und betrachtet die Wolken. Wie Wolken ziehen auch die kurzen Szenen und Geschichten des Buches am Leser vorbei, feinstofflich, flüchtig, mal witzig, mal schräg, mal surreal, mal weise, mal absurd. Mit einem Unterschied jedoch: Den vergeßlichen Monsieur Fume vergißt man so schnell nicht.