Donnerstag, 26. Mai 2022

Archiv


Morde in München, Kapstadt und New York

In der großen, dunklen Stadt New York bringt ein Freund von jungen Dichtern seinen Liebhaber um und erst 60 Jahre später kommt die Wahrheit ans Licht. In der Fußballweltmeisterschaftshauptstadt Kapstadt entbrennt bitter ein blutiger Bandenkrieg, weil eine Frau ihren Waffenhändlerehemann einfach bei Gelegenheit mitten in die Stirn geschossen hat. Und in München in der Au erscheinen wunderbare CDs über Mörder und die dunkle Seite der Seele. Die Krimikolumne! Heute aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens nicht nur mit unserem Rezensenten, sondern obendrein mit einem prominenten Co-Kommentator: James Ellroy!

Von Andreas Ammer | 23.02.2010

James Ellroy, der nach eigener Einschätzung größte, beste und wahrscheinlich auch schönste Kriminalschriftsteller aller Zeiten und Planeten hat gerade bei Ullstein "Blut will fließen" in der Übersetzung von Stephen Tree vorgelegt. Ein monumentaler 783-Seiten-Schinken voller Verschwörungen, Verbrechen und böser Menschen.
Hallo Jimmy, wie kommt es, dass du als literarischer Weltstar in unserer uralten Krimikolumne auftrittst?

"A long time ago on a dark winter night in suburban New York I realized that whatever I could conceive I could execute."

Er meint, er, James Ellroy habe vor langer Zeit, in einer kalten Winternacht in einem New Yorker Vorort entdeckt, dass er alles erreichen könne, was er sich erdenken könne. Und damit zu einer anderen literarischen Sensation. Zu einem Buch, dass - obwohl es 1944 von zwei der berühmtesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde - zwei Schriftstellern, die noch bekannter sind als James Ellroy! - erst jetzt zum ersten Mal erschienen ist. "Und die Nilpferde kochten in Ihren Becken" heißt dieses erstaunliche Buch. Es ist in der Übersetzung von Michael Kellner im Verlag Nagel & Kimche erschienen und die beiden berühmten Verfasser sind keine geringeren als die späteren Beat-Poeten und legendären Jugend-Verführer William S. Burroughs und Jack Kerouac.

Die Geschichte beginnt vor langer Zeit, es war New York und der Zweite Weltkrieg noch nicht ganz vorbei. William S. Burroughs und Jack Kerouac waren noch nicht die berühmt-berüchtigten Beat-Poeten, sondern lungerten nur etwas in der großen Stadt herum. Als in ihrem Leben etwas Einschneidendes passiert, entschließen sie sich, zusammen ein Buch zu schreiben.
Und was so etwas Hochliterarisches mit der Krimi-Kolumne zu tun? Es gibt eine literaturwissenschaftliche These, die besagt, dass die Entstehung der bürgerlichen Literatur mit der literarischen Beschreibung des Verbrechens Hand in Hand geht. Aha, nun, da holen wir lieber etwas aus: "Pitaval" hießen in 19. Jahrhundert "Sammlungen der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit". Der Original "Pitaval", eine Sammlung berühmter Kriminalfälle erschien im 18. Jahrhundert in Frankreich. Er wurde herausgegeben von dem französischen Advokaten Francoois Gayot de Pitaval. Friedrich Schiller schrieb zur deutschen Übersetzung ein begeistertes Vorwort.

Ich bleibe bei meiner Frage: Was hat das mit Burroughs und Kerouac zu tun?

1945: Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht zu Ende. Da bringt ein Freund von Burroughs und Kerouac, ein bisexueller, sehr hübscher Jüngling namens Lucien Carr seinen aufdringlichen, homosexuellen Bewunderer nach einem nächtlichen Streit einfach um. Kerouac und Burroughs, die damals noch keine vernünftige Zeile veröffentlicht hatten, machen sich ans Werk: Sie erzählen zusammen aus einer doppelten Erzählperspektive die Geschichte vom Mord des Lucien Carr, der im Roman Philipp Tourian heißt.

Die beiden Genies der Beat-Generation versuchen gar nicht erst, ihre Schreibe zu einem gemeinsamen Stil zu verschmelzen. Sie machen ihre doppelte Autorschaft zum Bauprinzip eines ganzen Romans: Erst schreibt Burroughs ein Kapitel aus der Sicht des New Yorker Barkeepers Will Dennison, dann Kerouac eines aus der Sicht des Tourain-Freundes Mike Ryko.

Beide Autoren verstecken sich kaum hinter ihren Figuren. So wie sie später als Beats aus einer obsessiven Ich-Perspektive heraus erzählen, so versuchen sie dies auch schon in diesem gemeinsamen, lange verschollenen Erstlingswerk.

Zusammen erzählen sie die wahre Geschichte eines wirklichen Mordes. True crime. Eine wahre Kriminalgeschichte. Eine Geschichte, die einen Mord nicht aufklären, sondern ihn verstehen will. Der Mord steht am Ende des Buches und wie am Ende Mike Ryko, alias Jack Kerouac - nachdem ihm Philipp Tourain den Mord am gemeinsamen Bekannten gestanden hat - mit dem Mörder durch New York zieht, wie die beiden einen sinnlosen Nachmittag lang ungerührt und doch von der Geschichte erschlagen zusammen Museen und Kinos besuchen, wie ungerührt lakonisch Kerouac das beschreibt. Das ist dann am Ende ganz Beat: Rückwirkend kann man sagen: Mit der Beschreibung dieses Mordes wurde die Beat-Generation erfunden.

Dieses überaus eigenartige Buch namens "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken" - den Titel entlehnte Burroughs einer zufällig aufgeschnappten Radiomeldung über einen brennenden Zoo - dieses überaus eigenartige und hochinteressante Buch durfte dann über 60 Jahre lang nicht erscheinen, weil aus dem jugendlichen Totschläger nach dem Gefängnis ein angesehner Journalist geworden war.

Mittlerweile sind alle Beteiligten verstorben, und so erschien diese Urszene der Beat-Generation, 2008 in Amerika und jetzt auch bei uns. Unser Rezensent ist einfach hingerissen von der knappen und gleichzeitig wahrhaften Sachlichkeit von "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken", erschienen bei Nagel & Kimche.

Was würde wohl James Ellroy über so ein Buch denken?

"This book has it all!"

Er wäre begeistert, aber leider liest James Ellroy - wie wir noch hören werden - keine fremden Bücher mehr.

"Peng Peng - aus ist das Licht" von Little Walker and his Jukes, von der wunderbaren und einschlägigen CD "Murder - Songs from the Dark Side Of The Soul", die bei Trikont erschienen ist.
Der Vorzug des Krimis ist, dass wir durch ihn nicht nur fremde Bezirke der Seele kennen lernen, sondern dass auch fremde Länder und Landschaften in ihm so plastisch wie sonst selten aufscheinen können. Das gilt für das 70er-Jahre-Los-Angeles von James Ellroy ebenso wie für das 50er-Jahre-Paris von Georges Simenon oder das 90iger-Jahre- Venedig von Donna Leon.
Wer etwas über Kapstadt, die Hauptstadt von Südafrika und Schauplatz der kommenden Fußball-WM erfahren will, der sollte die Krimis von Roger Smith lesen:

Gerade hat Roger Smith für seinen Debüt-Roman "Kap der Finsternis" hinter David Peaces Geniestück "Tokio im Jahre Null" den zweiten Platz beim Deutschen Krimipreis in der Sparte "International" gewonnen.
Da kommt das Erscheinen seine zweiten Roger Smith-Krimis "Blutiges Erwachen", übersetzt von Jürgen Becker und Peter Torberg im Tropen-Verlag genau zur rechten Zeit.

Wer dieses Buch gelesen hat, will nie mehr nach Kapstadt.

"Am dem Abend, als sie ausgeraubt wurden, speisten Roxy Palmer und ihr Mann Joe mit einem afrikanischen Kannibalen und seiner ukrainischen Hure.", lautet der erste Satz dieses Buches, dass man nur in einer Plastikfolie aufheben sollte, weil sonst das Buch aus ihm heraus fließen würde. Und kurz nach diesem ersten Satz geht es richtig rund:

Denn Joe wird nicht nur ausgeraubt, sondern von Roxy, seiner Frau, bei dieser Gelegenheit erschossen, worauf ein wütender Bandenkrieg entbrennt. Die vermeintlichen Mörder gegen Roxy, ein heimkehrender Söldner mit Roxy gegen die vermeintlichen Mörder und eine südafrikanische Bande gegen alle anderen. - Und alles gleichzeitig, alles schnell und möglichst brutal:

Wenn Roger Smith eine Figur nur in seinem Roman einführt, stellt er ihn mit typischen Handlungen vor. Die bestehen dann daraus, dass sie beispielsweise an ihrer Stoßstange ihres Autos einen lebenden Menschen über den Asphalt zerren.

Starker Stoff, der den Ticketverkauf für Südafrika nicht gerade ankurbeln wird. Unser Rezensent, der schon überall war, nur nicht in Südafrika, will nicht dahin, wo so furchtbare Bücher spielen, aber solche Bücher lesen, das will er schon. "Blutiges Erwachen", das neue Buch des Deutschen Krimipreisträgers Roger Smith ist gerade im Tropen-Verlag erschienen. Das bisher brutalste Buch des Frühlings. Ein Meilenstein des dunklen Krimis, des Noir. Brutaler noch als Ellroy, dem das fürchterlich egal ist, weil er weder liest, noch ins Kino geht, noch sonst irgendwie an unserem Jahrhundert teilnimmt ... oder Jimmy?

"I do not read at all, I do not have a sofa, I have never used a computer, I don't watch television, I don't follow the news or the adds, I don't go to motion pictures, I ignore the world"

Wir spielen noch einmal unser beliebtes Spiel vom ersten Satz. Diesmal lautet er: "Als das Telefon läutete, war Parker gerade in der Garage und brachte einen Mann um."

Dieser Mann wollte eigentlich Parker umbringen. Jetzt mischt sich das knackende Geräusch seines brechenden Genicks mit dem Klingeln von Parkers Telefon. Krimikolumnenhörer ahnen es bereits: Parker ist wieder da.

Parker ist der vornamenlose Berufsverbrecher, des Krimiprofis Richard Stark, der ironischerweise in Deutschland erst posthum und mit seinem letzten Krimi richtig erfolgreich wurde. Seitdem veröffentlicht der Zsolnay-Verlag alle Parker-Krimis, die in den letzten Jahren niemand übersetzen wollte, in umgekehrter Reihenfolge.

Mit "Der Gewinner geht leer" aus, übersetzt von Dirk van Gunsteren, erschien gerade der 5. Parker Krimi in gut anderthalb Jahren und noch immer kann man sich darüber freuen meint unser Rezensent, der an Richard Stark die knappe Lakonie bewundert, sowie die Fähigkeit des Autors uns Sympathie für einen völlig amoralischen Berufsverbrecher empfinden zu lassen.
Wer lieber deutsche als amerikanische oder südafrikanische Krimis liest, der muss in dieser Kolumne enttäuscht werden. Viel hat das junge Jahr da noch nicht hervorgebracht. Wer trotzdem einen deutschsprachigen Krimi lesen will, der halte sich an die drei gerade mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichneten Autoren Ulrich Ritzel, ausgezeichnet für seinen Roman "Beifang", der bei btb erschienen ist, oder an Friedrich Ani, der in "Totsein verjährt nicht" seinen mönchischen Ermittler Polonius Fischer über Gott und die Welt und den Tod nachdenkend durch Münchens triste Viertel schickt oder Jörg Juretzka, der für die Hippie-Biker-Groteske "Alles total groovy hier" zu Recht und erneut ebenfalls mit dem "Deutschen Krimipreis 2010" ausgezeichnet wurde.

Und so verabschieden wir uns mit einem transatlantischen
"Dankeschön!" an James Ellroy, der natürlich nie ein Wort über diese Krimikolumne gesagt hat. Mit jedem seiner Worte wollte Ellroy nur seinen famos wuchernden Roman "Blut will fließen" anpreisen, der bei Ullstein erscheinen ist.
Unser Rezensent entschuldigt sich hiermit überschwenglich bei Ellroy und preist trotzdem jede der 783 Seiten dieses amerikanischen Krimimonstrums in allerhöchsten Tönen.

Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr Ellroy?

"I got a girlfriend, she provides me with all the stimulation I need!"

Mit der Freundin, die Ellroy mit allem versorgt, kann unser Rezensent naturgemäß nicht mithalten und so bleibt uns Sprechern auch nach 20 Jahren Krimikolumne wie immer nur noch eines: Wie immer gilt für alle, die anderer Meinung sind als unser Rezensent.

Besprochene Bücher:
William S. Burroughs & Jack Kerouac, Und die Nilpferde kochten in ihren Becken,
Nagel & Kimmche
James Ellroy, Blut will fließen, Ullstein
Roger Smith, Blutiges Erwachen, Tropen
Richard Stark Der Gewinner geht leer aus, Zsolnay
Div. Interpreten: Murder, Songs from the dark side of the soul, Trikont

Deutscher Krimipreis 2010:
Ulrich Ritzel, Beifang, btb
Friedrich Ani, Totsein verjährt nicht, Zsolnay
Jörg Juretzka, Alles total groovy hier, Rotbuch