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StartseiteTag für TagDer weiße Tempel08.02.2019

Mormonen in Rom Der weiße Tempel

Es gibt nur 25.000 Mormonen in Italien. Und doch bekommen sie nun einen Tempel in Rom, der vielen wie eine Fata Morgana erscheint. Es ist der größte in Europa - fast so groß wie der in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, wo diese Religionsgemeinschaft 1830 entstand. Ein Mormonen-Vatikan?

Von Thomas Migge

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Der neue Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage , die groesste Kirche der Mormonen in Europa, steht auf einem sechs Hektar grossen Gelaende am Stadtrand von Rom - Foto vom 29.01.2019 (imago stock&people / Romano Siciliani)
Der neue Mormonentempel in Rom ist der größte Europas (imago stock&people / Romano Siciliani)
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Der Eindruck ist überwältigend. Vor allem wenn man aus dem Stadtzentrum Roms angereist kommt, mit dem PKW rund 40 Minuten lang über löchrige Straßen gefahren ist, vorbei an öden Einkaufszentren und heruntergekommenen Mehrfamilienhäusern.

"Ein Symbol der Ewigkeit"

Am Ende der Via dei Settebagni erhebt sich, einer Fata Morgana gleich, ein mächtiges blütenweißes Gebäude mit zwei Turmspitzen. Ein Bauwerk, das es so bisher weder in Rom, noch in Italien und im übrigen Europa gegeben hat. Das erinnert an Salt Lake City im US-amerikanischen Bundesstaat Utah. An jene Hauptstadt der Mormonen, deren Symbol ein spitz in den Himmel ragender Tempel ist, der wie eine gotische Fantasie wirkt. Der Tempel in Rom scheint auf den ersten Blick eine Kopie des Vorbilds in Salt Lake City zu sein.

"Dieser Tempel ist für uns Mormonen ein Symbol der Ewigkeit. Endlich haben wir jetzt einen Christustempel auch in der Ewigen Stadt."

Meint Massimo De Feo. Er ist eines der Mitglieder des "Rats der 70", und somit einer der Verantwortlichen der rund sechs Hektar großen Tempelanlage in Rom. Diese Gesamtanlage ist so groß und eindrucksvoll, dass Italiens Medien vom "Mormonen-Vatikan" sprechen.

Der erste italienische Mormonentempel ist rund 4.000 Quadratmeter groß. Zum Gotteshaus gehören auch ein Informations- und Logistikzentrum. Sämtliche Gebäude strahlen den Charme eines 5-Sterne-Hotels in den arabischen Emiraten aus: überall weißer Marmor, prächtige Treppenhäuser, viel Gold, 200 riesige Kronleuchter aus Muranoglas, auf alt getrimmte Möbel und Dekorationselemente, die vage an romanische Vorbilder erinnern. Wie etwa das komplett mit Blattgold bedeckte Taufbecken, das auf den Schultern von 12 großen Stierskulpturen ruht.

Verstorbene Ahnen werden mormonisch getauft

In einem großräumigen Rechenzentrum kann jeder Interessierte, egal ob Mormone oder nicht, nach seinen Vorfahren forschen. Dazu Alessandro Dini-Ciacci, der ebenfalls dem "Rat der 70" angehört:

"Die Daten in den Computern sind allen zugänglich. Gratis natürlich. Für uns Mormonen sind genealogische Studien wichtig. Unserem Verständnis von der Ewigkeit des Lebens zufolge können und dürfen wir jene Menschen nicht vergessen, die vor uns lebten. So erklärt es sich, warum wir leidenschaftliche Ahnenforscher sind."

Im Besucherbereich des Mormonentempels stehen die überlebensgroßen Statuen von Jesus und seinen Jüngern. Foto vom 29.01.2019 (imago stock&people / Romano Siciliani)Der Tempel ist prachtvoll ausgestattet (imago stock&people / Romano Siciliani)

Italiens Mormonen haben bei der Erstellung des Datenmaterials mit dem italienischen Kulturministerium zusammengearbeitet. Nur so war es möglich, die im italienischen Staatsarchiv aufbewahrten biographischen Daten von Italienern zu erfassen, die vor mehr als 100 Jahren lebten. Verstorbene können auch nachträglich getauft und Mitglieder der Mormonenkirche werden. Dafür gibt es im Tempel ein eigenes Verstorbenen-Taufbecken.

Dem Verständnis der Mormonen zufolge gab es lange keine heilsvermittelnde Kirche - und zwar seit der frühchristlichen Urkirche bis zum Jahr 1830. 1830 ist ein Stichjahr für Mormonen. Damals kam es durch Religionsstifter Joseph Smith zur "Wiederherstellung" der untergegangenen Urkirche, in den, wie es für Mormonen heißt, "letzten Tagen vor der Wiederkunft Christi". Daher bieten Mormonen den Verstorbenen die Aufnahme in ihre Kirche an - mittels einer, wie sie es nennen, "stellvertretenden Taufe für die Verstorbenen".

Von Utah in den Piemont

Das kostspielige Computerzentrum wie auch die gesamte prächtige Mormonenanlage sind in Italiens Medien ein großes Thema. Im Zentrum des Interesses steht immer wieder die Finanzierung der Tempelanlage. Massimo De Feo:

"Wie bei allen unseren Tempeln ist auch dieser hier selbstfinanziert. Jeder Mormone gibt seiner Kirche einen bestimmten Prozentsatz seines Einkommens. In der Regel sind das zehn Prozent."

Die Finanzierung der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" wird auch im Informationszentrum des Tempels thematisiert. Hier erfährt der Besucher auch, dass die ersten Mormonen im 19. Jahrhundert nach Italien kamen. Der römische Religionshistoriker Carlo Valdini:

"Der Mormonenapostel Lorenzo Snow kam 1850 nach Italien, direkt aus Salt Lake City. Sein Ziel waren die 'Valli Valdesi', jene Täler im nördlichen Piemont, in denen vor allem Angehörige der Waldenserkirche lebten. Diese Täler gehörten damals noch zum Königreich Sardinien, denn es gab noch kein vereintes Italien."

Der Vatikan verhält sich reserviert

Doch diese Missionsarbeit in einem protestantischen Landstrich am Rande der Alpen trug nur wenig Früchte. Bis heute konnten die Mormonen nur wenige italienische Katholiken und Anhänger anderer christlicher Kirchen für sich gewinnen. So zählt diese Religionsgemeinschaft in Italien nur etwa 25.000 Mitglieder.

Erst 1993 wurde die Mormonenreligion als "offizieller Kult" durch den italienischen Staat anerkannt. Seitdem sucht der "Rat der 70" den Kontakt zur katholischen Kirche. Man sei an guten Beziehungen interessiert, heißt es.

Doch der Vatikan verhält sich den Mormonen gegenüber eher reserviert. Bis heute gilt innerhalb der katholischen Kirche das, was vor 20 Jahren der damalige oberste Glaubenshüter der katholischen Kirche, Kardinal Josef Ratzinger, verkündet hatte: Die Kirche könne die Mormonentaufe nicht akzeptieren. Italiens Mormonen hoffen jetzt mit ihrer geballten Präsenz in Rom, dass sich die Beziehungen zum Vatikan verbessern werden. Doch Tendenzen in diese Richtung gibt es auch unter Papst Franziskus bisher keine.

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