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"Moses und Aron"

Peter Mussbach und Daniel Barenboim haben gestern mit einer Schönberg-Oper die diesjährigen Oster-Festtage an der Staatsoper Unter den Linden eröffnet, die gemeinhin als nicht leicht verdaulich beschrieben wird: "Moses und Aron", eine selten aufgeführte 12-Ton-Oper und ein biblisches Drama, in dem die Titelhelden um das biblische Bilderverbot streiten und ein Volk, das an viele Götter glaubt, zum Monotheismus bekehren. Daniel Barenboim dirigiert das Riesenopus mit 120-köpfigem Chor zum ersten Mal. Und Peter Mussbach, so war im Vorfeld zu hören, wollte mit seiner Regiearbeit ein politisches Zeichen setzen. Gerhard Schröder und Franz Müntefering seien ja nichts anderes als neuzeitliche Epigonen von Moses und Aron, merkte er an. Schon in den alttestamentarischen Charakteren sieht er die Rollen entsprechend verteilt: politischer Konzeptualismus auf der einen, Populismus auf der anderen Seite. Es geht um Masse und Macht.

Von Georg Friedrich Kühn |
    Stochern im Dunkeln. Die Götter waren auch schon mal edleren Metalls als dieser, den Aron da seiner Unisex-Männergesellschaft empfiehlt. Mit Leuchtstäben suchen die nach einer neuen Leitfigur.

    Der Ort: ein hohler Baukörper eines Ausreisepavillons mit schräg ansteigendem Boden und umlaufender Galerie. Ihr "goldenes Kalb", das sie liebkosen, ist eine kopflose Statue, an der sie sich wie Maden weiden – nicht unähnlich der des gestürzten Saddam im April des Vorjahrs. Die Gesichtszüge dieser Figur erinnern indes auch von fern an Arnold Schönberg, den Schöpfer des Werks, auch mal so eine Führer-Figur.

    In einem Einheitsbühnenbild nach eigenem Entwurf lässt der Intendant der Berliner Staatsoper, Peter Mussbach, Schönbergs unvollendete Oper Moses und Aron spielen. Auch für die Kostüme der Andrea Schmidt-Futterer genügt ein einziges uniformes Modell: Männer wie Frauen, Moses wie Aron stecken in dunklen Anzügen mit weißem Hemd, schwarzer Krawatte und Sonnenbrille.

    Aus einer dunklen Masse Mensch löst sich anfangs die Stimme des Moses, die dem Volk "Befreiung" suggeriert. Langsam beginnt die Starre der Harrenden sich zu lösen. Die Kämpfe hin und her, ob sie nun gehen oder bleiben, ob sie "befreit" werden wollen oder nicht, dauern bis zuletzt. Am Ende hinterlassen die Menschen dem Mann, der sie in seine Wahn-Freiheit führen wollte, flimmernde TV-Geräte als Ersatz. Bildlos.

    Das Schönbergsche Bilderverbot hat der Regisseur hier wörtlich genommen. Die Aufführung macht das nicht gerade prickelnder. Eher das Oratorische in dieser Schönberg-Oper will Mussbach wohl vorführen. Die Texte bekommt man zum Mitlesen auf neuzeitlichen Schrifttafeln oben drüber serviert. Eine gute Idee, wenn auch nicht eine den Abend tragende.

    Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle bietet einen überraschend durchsichtigen Klang. Die expressiven Ausbrüche der Partitur gestaltet er gleichwohl mit feuriger Wucht. Willard White ist als Moses der perfekte Darsteller einer "Führerfigur" – er versucht’s halt mal, Pech wenn die Leute nicht wollen. Aron als sein Lautsprecher und Zeremonienmeister hat bei Thomas Moser Rang und Stimme.

    Sehr diszipliniert agiert der Chor, der am Ende vom Publikum auch Extrabeifall bekommt. Obwohl - etwas differenziertere choreografische Aufgaben hätte die Regie ihm schon zubilligen können. Etwas zu sehr nach dumpfer Masse und Schwarz-Weiß-Schema ist das hier angelegt. Elias Canetti im Programmheft ersetzt nicht die Arbeit auf der Bühne.

    Man kann natürlich fragen – und sollte es auch zumal nach dieser Aufführung –, wie weit Schönbergs Überlegungen zum Wahren und Bösen, projiziert auf die beiden Führerfiguren und deren Gottesbegriff, heute noch tragen. Der religiöse Staat, wie er sich nach dem Krieg in Israel etablierte, war für Schönberg jedenfalls kein lohnendes Einwanderungsziel.

    Für seine im Kern zwischen 1930 und 1932 entstandene Oper hat Schönberg diverse Schlüsse entworfen und keinen realisiert. Auch nicht 1950, als der Dirigent Hermann Scherchen ihn noch einmal dazu drängte. Hier belässt man es denn auch bei der zweiaktigen Fassung mit Moses’ Schlusswort auf dem unisonen Geigenton "…O Wort, du Wort, das mir fehlt."

    Als Frage an die Relevanz monotheistischer Religionen zumal mit ihrem Auserwähltheitsanspruch wie hier wird das von Mussbach allerdings auch kaum konkretisiert. Er bleibt eher im Allgemeinen. Der Beifall am Ende war denn auch nicht gerade überschwänglich, wenn auch doch mehr als höflich. Sparsam eben wie der ganze Abend.