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StartseiteEuropa heuteMoskaus Joch27.05.2005

Moskaus Joch

Die islamische Republik Tatarstan am Gängelband Putins

Der Islamismus gilt auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion den Machthabern immer wieder als Begründung für hartes Durchgreifen gegen die Bevölkerung: In Tschetschenien tobt der Krieg seit über einem Jahrzehnt, und auch Usbekistan entwickelte sich in den letzten Wochen zum Krisenherd. Wenige Schlagzeilen macht dagegen die größte islamische Republik innerhalb Russlands, die halbautonome Republik Tatarstan. Sie ist das russische Aushängeschild für eine erfolgreiche Minderheitenpolitik innerhalb der Russischen Föderation. Seit Putin sein Riesenreich zunehmend zentralistisch regiert, werden Moskau-kritische Meinungen in den Medien kaum noch veröffentlicht. Aus Kazan berichtet Andrea Rehmsmeier.

Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch in Tatarstan im Jahr 2002. (AP Archiv)
Der russische Präsident Wladimir Putin bei einem Besuch in Tatarstan im Jahr 2002. (AP Archiv)

"Dinamit FM, das junge Kazaner Radio", so heißt ein populärer Privatsender in Tatarstan. Kurznachrichten, Veranstaltungstipps und Werbung bekommen die Kazaner hier zu hören, und natürlich Popmusik: Zwei Stücke in russisch, eines in englisch - das ist das Format des Senders, erklärt der 19-jährige Musikredakteur. Tatarische Musik? Fehlanzeige.

" Nein, tatarische Musik spielen wir hier nicht. Das passt nicht in unser Format. Das ist Nischen-Musik, dafür gibt es eigene Radiostationen. Wir werden doch von unseren russischsprachigen Hörern gar nicht ernst genommen, wenn wir Musik in tatarischer Sprache spielen würden, wir würden unser Image gefährden!"

Ein russischsprachiges Tatarstan - das ist es, was die national gesinnten Tataren fürchten. Anfang der 90-er Jahre hatten sie noch gehofft, dass Tatarstan von Moskau unabhängig werden würde, dass die tatarische Musik, Sprache und Literatur, die während der Sowjetära aus den Großstädten fast verschwunden waren, das kulturelle Fundament der jungen Republik bilden würden. Doch seit einigen Jahren scheint die Entwicklung rückwärts zu gehen: Der Einfluss Moskaus in der Erdöl-reichen Republik wächst, und die nationalgesinnten Aktivisten von einst haben sich desillusioniert ins Privatleben zurückgezogen. So auch Talgat Bareev, der Mitte der 90-er Jahre eine national-orientierte Partei gegründet hatte - bis die Behörden ihr die Registrierung verweigerten. Bis vor kurzem hat der gläubige Moslem als Journalist gearbeitet, und in glühenden Artikel den russischen Krieg gegen die Glaubensbrüder in Tschetschenien angeprangert. Bis er sich wegen Volksverhetzung vor Gericht verantworten musste und die Zeitungen seine Artikel nicht mehr druckten. Zwar zweifelt in Tatarstan kaum jemand daran, dass Talgats Moskau-kritische Argumente richtig sind - nur veröffentlicht werden sie nicht mehr.

" Der russische Abgeordnete Borís Nemzóv hat die Moskauer Politik "Kolonialisierung über den Staatshaushalt" genannt - das muss man deutlich schreiben! Seit 1945 hat Tatarstan Erdöl für 300 Milliarden Dollar gefördert. Das ist kolossal viel. Aber wir Tataren haben selbst kaum etwas davon gehabt. Wir haben kein Geld für den Bau einer Metro, weil Moskau unser gesamtes Erdölgeld herauszieht. Sie schlachten das Huhn, anstatt sich nur seine Eier zu holen. Alles Geld wird in Moskau zentriert, und wir müssen Bitte-Bitte sagen, wenn wir etwas davon für unseren Staatshaushalt brauchen."

Jetzt besucht Talgát manchmal die Redaktionsräume der Zeitung, für die er früher geschrieben hat: Den "Ost-Express". Bis vor wenigen Jahren hat er hier noch Leitartikel geschrieben. Dann aber verlor die Zeitung Anzeigenkunden und wurde an eine kommerzielle Media-Holding verkauft - dieselbe, der auch der Radio-Sender Dinamit FM angehört. Chefredakteur Raschid Galjanov - früher selbst glühender Vertreter der Unabhängigkeit - fürchtet heute um seine Auflage.

" Unsere Leser schätzen es nicht mehr, wenn wir allzu kritisch berichten. Sie sind es nicht gewohnt, Russland-Kritisches in der Zeitung zu lesen. Wenn die Leute so wären, wie ich damals gedacht habe, dann hätten wir jetzt eine Auflage von 200 000. Statt dessen liegen wir bei 20 000. Die Leute haben andere Sorgen als sich Gedanken über die nationale Wiedergeburt zu machen."

Talgát schaut seinen Freund nachdenklich an, wie er in seiner teuren Lederjacke in seinem Chefredakteurssessel sitzt. Wie er suchen heute viele Journalisten ihr Heil im Kompromiss: Politik in unterhaltsamer und leicht konsumierbarer Form, Nationalpolitik ohne Anecken - für ein breites Publikum und nicht für eine Handvoll Nationalisten. Da schreibt Talgat lieber gar nichts.

" Seit der Ost-Express der Media Holding angehört, druckt man mich nicht mehr. Es ist ganz und gar zwecklos, radikale Positionen veröffentlichen zu wollen. Raschíd und ich, wir sind immer noch Freude. Er sagt zu mir: Versteh mich bitte - ich kann deine Artikel nicht mehr veröffentlichen. So nach dem Motto: Wir haben jetzt unseren Präsidenten Putin, und seitdem gibt es keine Probleme mehr!"

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