Donnerstag, 02. Februar 2023

Archiv


Mossad-Affäre sorgt für Nervosität

Im Januar sollen Agenten des israelischen Geheimdienstes in Dubai einen führenden Hamas-Mann ermordet haben. Der Ermordete habe "aus dem Iran Waffen beschafft", sagte der Geheimdienstexperte Wolfgang Krieger. Diese Einmischung des Iran in den palästinensisch-israelischen Konflikt mache die Deutschen und Briten "etwas nervös".

Wolfgang Krieger im Gespräch mit Friedbert Meurer | 19.02.2010

    Friedbert Meurer: Kein Geheimdienst bewegt die Fantasie so wie der Mossad. Sein Image ist das eines hoch effektiven Dienstes, der aber ohne Skrupel tatsächliche oder vermeintliche Feinde Israels liquidiert. Regisseur Steven Spielberg hat in seinem Film "München" kritisch den Rachefeldzug beleuchtet, den der Mossad nach dem Olympia-Massaker von 1972 gestartet hatte. Jetzt steht der Geheimdienst wieder in der Kritik.

    Im Januar sollen Agenten in Dubai einen führenden Hamas-Mann ermordet haben. Das britische Außenministerium hat deswegen den israelischen Botschafter einbestellt.

    Wolfgang Krieger in Marburg ist dort an der Universität Professor für neuere Geschichte. Letztes Jahr hat er ein Buch publiziert: "Die Geschichte der Geheimdienste". Guten Morgen, Herr Krieger.

    Wolfgang Krieger: Guten Morgen!

    Meurer: Arbeitet der Mossad so nicht, wie jetzt in Dubai geschehen, wie wir zuletzt gerade gehört haben?

    Krieger: Zuerst muss ich mal sagen, dass es einfach nicht sicher ist. Es ist kein Faktum, dass der Mossad nun dahinter steckt. Aber es bleibt uns in der Tat nichts anderes übrig, als von der Arbeitsweise, von den Fakten, die bisher bekannt geworden sind, den Versuch zu machen, Schlüsse zu ziehen, und da sind schon einige handwerkliche Besonderheiten zu bemerken.

    Es sind ja nicht nur die Pässe, sondern auch die Videoeinrichtungen in den Hotels. Ich meine, jeder harmlose Tourist weiß, dass in solchen Hotels Videokameras angebracht sind. Da muss man sich Fragen stellen.

    Meurer: Auf den Videoaufnahmen des Hotels sieht man, wie die Attentäter mit angeklebten Bärten und Tennisschlägern auf den Lift zugehen, dann zum Ort des Geschehens hochfahren. Ist das zu dilettantisch, oder ist das vielleicht sogar Absicht gewesen, dass diese Aufnahmen entstanden?

    Krieger: Das ist nur eine der vielen Ungereimtheiten, die wir hier vorfinden. Es sind ja auch in der Chronologie Ungereimtheiten. Der Mord soll passiert sein am 19. Januar. Die Hamas - es geht ja um einen Hamas-Kommandeur hier - hat erst neun Tage später überhaupt in der Öffentlichkeit sich dazu geäußert. Wozu haben die neun Tage gebraucht, um festzustellen, dass das einer ihrer Leute war?

    Und dann natürlich: Der Polizeichef in Dubai braucht fast vier Wochen, bis er an die Öffentlichkeit geht. Das kann man noch besser verstehen, denn man hat natürlich Zeit gebraucht, um die einzelnen Informationen zusammenzusuchen und auszuwerten.

    Meurer: Steht für Sie gar nicht mal fest, dass es ein politisches Attentat war?

    Krieger: Auch das nicht. Es könnte ja sein, dass die Hamas erst mal prüfen wollte, ob es nicht aus der palästinensischen Seite kommt. Wie Sie wissen, finden ja in den Palästinensergebieten Bürgerkriege statt zwischen der Hamas und ihren Gegnern. Das ist gar nicht so klar, wer da nun gegen wen operiert.

    Meurer: Nehmen wir jetzt mal das Verhalten des britischen Außenministeriums. Das hat den israelischen Botschafter einbestellt, weil man offenbar davon ausgeht, dass der israelische Staat, der Geheimdienst dahinter steckt. Warum nimmt der Mossad britische Pässe und auch einen deutschen Pass? Es ist auch von einem deutschen Pass die Rede.

    Krieger: Ja. Auch der deutsche Außenminister hat ja den israelischen Diplomaten einbestellt. In dem Fall, wenn die ganze Geschichte so ist, wie sie in der Presse dargestellt wird bisher, könnte man vermuten, das hat zu tun mit der Tatsache, dass einer dieser elf Leute dann über München, also über Deutschland ausgereist ist aus Dubai.

    Natürlich versuchen jetzt die Briten, die Deutschen und andere Regierungen, öffentlich zu demonstrieren, dass sie damit nichts zu tun haben, dass sie das nicht unterstützt haben. Man spricht also von gründlicher Aufklärung. Aber ich verspreche Ihnen, nächste oder übernächste Woche wird sich kein Mensch mehr darum kümmern.

    Meurer: Sie halten das für eine Allerweltssache mit den Pässen?

    Krieger: Nein, das ist keine Allerweltssache, aber natürlich: Wenn man ein solches Attentat durchführt, ganz egal wer es ist, braucht man Tricks, braucht man falsche Identitäten und solche Dinge. Dass allerdings Pässe von noch lebenden Personen, noch dazu auch teilweise in Israel lebenden Personen verwendet wurden, die dann im Fernsehen sozusagen darüber erst informiert werden, das ist schon ein bisschen seltsam.

    Meurer: Hat eigentlich der Bundesnachrichtendienst in der Vergangenheit selber auch mal falsche deutsche Pässe ausgestellt, zum Beispiel für die CIA oder den Mossad?

    Krieger: Für wen weiß ich nicht, aber natürlich stellen Geheimdienste falsche Pässe aus, das ist klar, auch für ihre eigenen Leute übrigens, um die eigenen Leute zu schützen. Anders kann man in Territorien, in Staaten mit Bürgerkriegen, mit Spannungen, mit Terrorgefahr und so weiter nicht ein- und ausreisen.

    Meurer: Nun werden, Herr Krieger, viele sagen, dieses Passdelikt ist ja wohl noch das geringste an der ganzen Sache, es handelt sich um einen politischen Mord, wenn das alles so ist, wie es zu sein scheint. Ist das ein klarer Verstoß gegen Völkerrecht?

    Krieger: Auch das ist weniger klar. Man muss sich ja überlegen, was dieser Mann, der hier zu Tode gekommen ist, war. Er war ein führender Kommandeur des radikalen Flügels der Hamas und des militärischen Flügels und er war ein Waffenbeschaffer. Er war ein Waffenhändler, von dem man weiß, dass er vor allem aus dem Iran Waffen beschafft hat, und das ist nun sozusagen der größere Zusammenhang, nämlich die Einmischung des Iran in den palästinensisch-israelischen Konflikt.

    Das ist auch ein Grund, warum die Deutschen, die Briten und andere etwas nervös sind bei dieser ganzen Sache. Es geht nicht nur darum, dass ein Mann sozusagen zu Tode gekommen ist, sondern das hat einen großen politischen Kontext.

    Meurer: Obama hat die CIA angewiesen, keine politischen Liquidationen mehr. Vom Bundesnachrichtendienst gehen die meisten auch aus, er tut so etwas nicht. Ist das der entscheidende Unterschied zum Mossad?

    Krieger: Das sind natürlich ganz unterschiedliche Dienste. Der Bundesnachrichtendienst, nach allem was wir wissen, macht solche Dinge nicht. In den USA ist es in der Tat anders. Es gibt schon vor 9.11 wieder die Praxis, gezielt Personen, feindliche Personen, also vor allem Terroristen, gezielt zu töten.

    Übrigens sind unter Obama mehr solche Attentate ausgeführt worden, als unter seinem Vorgänger, das muss man wissen, allerdings meistens nicht mit solchen Geheimdienstoperationen wie das in Dubai sondern mit diesen Drohnen, mit Angriffen durch Drohnen, also durch ferngesteuerte Raketen. Das ist ja in der Sache kein wesentlicher Unterschied.

    Meurer: Wolfgang Krieger, Professor für neuere Geschichte in Marburg und Autor des Buches "Die Geschichte der Geheimdienste", bei uns im Deutschlandfunk. Herr Krieger, schönen Dank und auf Wiederhören.

    Krieger: Danke!