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StartseiteDie neue PlatteMunteres Scharmützel der Spielfreude11.09.2016

Mozarts Klavierkonzerte Nr. 20 und 21Munteres Scharmützel der Spielfreude

Der Chinese Haiou Zhang ist ein international gefragter Pianist. Dass er ein feinsinniger Musiker ist, stellt er nun erneut unter Beweis. Gemeinsam mit den den Heidelberger Sinfonikern unter der Leitung von Thomas Fey interpretiert er Mozarts Klavierkonzert in d-Moll und C-Dur mit viel Geschmack und Stilgefühl.

Von Marcus Stäbler

Der Pianist Haiou Zhang spielt am 10.10.2012 in Hannover auf einem Klavier.  (picture-alliance/ dpa/ Peter Steffen)
Der Chinese Haiou Zhang zählt zu den erfolgreichsten Pianisten seiner Generation. (picture-alliance/ dpa/ Peter Steffen)

Die Synkopen der hohen Streicher drängen die Musik voran, angespornt vom Grollen der Bässe: Mozarts d-Moll-Klavierkonzert, im Februar 1785 unter größtem Zeitdruck komponiert, verbreitet vom ersten Ton an ein Klima der Unruhe. Diese Stimmung durchlebt die neue Konzertaufnahme in einem rasanten Tempo. Thomas Fey und die Heidelberger Sinfoniker steuern beinahe atemlos auf den ersten Höhepunkt zu.

Solche dramatischen Akzente künden bereits die Aura des Don Giovanni an und sind ein deutliches Signal: Das Konzert markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Gattung. Die Zeit der freundlichen Plauderei ist passé – mit dem Werk in der düsteren Tonart d-Moll, die er später nicht nur für seine Don-Giovanni-Oper, sondern auch für das Requiem wählt, dringt Mozart in eine ganz neue Dimension des Ausdrucks vor; er sprengt die Grenzen der klassischen Konvention. Kein Wunder, dass genau dieses Konzert im 19. Jahrhundert besonders beliebt war. Bei Thomas Fey und seinem Orchester – bekannt durch einige mitreißende Haydn-Aufnahmen - klingt der Beginn wie ein Vorbote der Romantik.

Rolle des Orchesters hat sich grundlegend gewandelt

Die Rolle des Orchesters hat sich in Mozarts Klavierkonzert Nummer 20 grundlegend gewandelt. Deshalb gilt das Werk als Initialzündung für die Tradition des sogenannten sinfonischen Konzerts. Schon in der Einleitung bekommt das Tutti viel Raum, um die musikalischen Charaktere vorzustellen – und wenn der Pianist Haiou Zhang dann ganz vorsichtig mit viel Ruhe und einem neuen Gedanken einsetzt, fällt ihm das Orchester bald wieder ins Wort und treibt die Musik ins alte Tempo zurück.

In seinem d-Moll-Klavierkonzert bricht Wolfgang Amadeus Mozart mit der Idee der klassischen Symmetrie und der maßvollen Affekte, er verweigert dem Hörer ein sicheres Fundament – das ist in der neuen Aufnahme so deutlich wie selten zu spüren. Weil Thomas Fey und Haiou Zhang die Brüche der Musik nicht verschleiern, sondern offen zutage fördern: mit bissigen Forte-Akzenten, die den ersten Satz wie Stromschläge durchzucken, mit vielen kleinen Crescendi und einigen fiebrigen Tempo-Verschärfungen.

Dass die Bläsergruppe der Heidelberger Sinfoniker – namentlich in den Oboen – etwas weniger homogen und rund klingt, als man es von anderen Aufnahmen kennt, ist wahrscheinlich nicht Teil des Konzepts, sondern Resultat der Live-Situation. Doch dafür erreicht Thomas Fey mit seiner eingeschworenen Truppe und dem Pianisten Haiou Zhang ein außergewöhnliches Maß an Spannung und Intensität.

International gefragter Pianist

Ein kurzer Eindruck aus der neuen Aufnahme von Mozarts d-Moll-Klavierkonzert, mit den Heidelberger Sinfonikern und dem chinesischen Pianisten Haiou Zhang unter Leitung von Thomas Fey. Haiou Zhang, Jahrgang 1984, hat in Peking zunächst am selben Konservatorium wie sein zwei Jahre älterer Landsmann Lang Lang studiert. 2002, als 18-Jähriger, übersiedelte er dann nach Deutschland und ging nach Hannover an die Klavierabteilung der dortigen Musikhochschule. In der weltweit renommierten Talentschmiede holte er sich den Feinschliff und schloss sein Konzertexamen bei Bernd Goetzke mit Bestnote ab 2013 seither ist Haiou Zhang als international gefragter Pianist regelmäßig in Städten wie Paris, New York, Sao Paolo oder Berlin zu Gast.

Dass er nicht bloß über gelenkige Finger verfügt, sondern ein feinsinniger Musiker ist, hat Zhang schon vor fünf Jahren mit seiner viel gelobten Liszt-Einspielung unter Beweis gestellt – und das demonstriert er jetzt auch auf der neuen Mozart-Aufnahme. In der Romanze aus dem d-Moll-Konzert nimmt er sich Zeit, um das kantable Thema auszusingen, er dehnt das Tempo an den Phrasenenden hier und da einen kleinen Tick, aber immer mit viel Geschmack und Stilgefühl.

Holzbläser spielen tragende Rolle

Thomas Fey und die Heidelberger Sinfoniker begleiten Haiou Zhang wie auf Zehenspitzen; die weichen, oft nur ganz leise daher schleichenden Streicher lassen dem Solisten viel Raum, den er für dynamische Nuancen und subtile Farbschattierungen nutzt. Dadurch atmet die Romanze aus dem d-Moll-Konzert von Wolfgang Amadeus Mozart eine kammermusikalische Intimität. Der Klang bleibt immer durchlässig, auch wenn die idyllische Stimmung im Mittelteil des Satzes plötzlich umschlägt.

Dort spielen die Holzbläser – wie so oft in Mozarts Klavierkonzerten – eine tragende Rolle: als Dialogpartner des Klaviers, als Melodiestimme für die sanglichen Momente, aber auch als Farbzusatz zum Klavier.

Im zwielichtigen und etwas schaurigen Mittelteil der Romanze verdoppelt Mozart verschiedene Register des Flügels durch mitlaufende Bläserstimmen – und wie Haiou Zhang seinen Klavierklang hier etwa mit dem Fagott oder der Flöte mischt, ist einer von vielen Belegen für das intensive Miteinander von Solist und Orchester.

Haiou Zhang und die Heidelberger Sinfoniker mit einem Ausschnitt aus der Romanze des d-Moll-Konzerts von Wolfgang Amadeus Mozart: einem ungewöhnlich kontrastreichen und dunklen Werk aus dem Frühjahr 1785.

Aus einer ganz anderen Welt stammt das nur vier Wochen später entstandene Konzert Nummer 21 in der Tonart C-Dur: Es beginnt viel heller und brillanter als das d-Moll-Konzert, hat aber auch ganz lyrische Momente. Vor allem im Andante, einem der populärsten Mozart-Sätze überhaupt. Weil dieser Satz als Musik in einem schwedischen Liebesfilm aus den 1960er-Jahren verwendet wurde, ist das C-Dur-Konzert auch unter dem Namen der Hauptfigur, Elvira Madigan bekannt.

Der frische Geist ist in jedem Takt zu spüren

Die schönen Melodien des Andante haben manche Interpreten dazu verführt, den Satz sentimental aufzuladen und zu verkitschen – aber bei der neuen Aufnahme muss man vor solchen Ausrutschern keine Angst haben. Thomas Fey lässt die Streicher der Heidelberger Sinfoniker zu Beginn mit ganz schlankem Ton und ohne Vibrato spielen – dadurch wirkt das sangliche Thema wunderbar schlicht und innig.

Nach diesem arienhaften Andante, in dem das Klavier fast wie ein instrumentaler Gesangssolist auftritt, beendet Mozart sein C-Dur-Konzert mit einem Finale von vergnügter Heiterkeit. Der Satz schäumt förmlich über vor Musizierlust, eine Idee jagt die nächste – und dieser frische Geist ist in der neuen Aufnahme in jedem Takt zu spüren. Hier springt einem der Live-Charakter förmlich entgegen.

Orchester und Solist liefern sich ein munteres Scharmützel der Spielfreude; dabei lässt der Pianist Haiou Zhang noch einmal seine Virtuosität aufblitzen, befeuert von Thomas Fey und den Heidelberger Sinfonikern. Die Aufnahme ist bereits in den Jahren 2010 und 2012 entstanden und jetzt beim Label Hänssler Classic erschienen. 

Vorgestellte CD:
Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 20, KV 466; Klavierkonzert Nr. 21, KV 467
Haiou Zhang, Klavier; Heidelberger Sinfoniker Ltg.: Thomas Fey
hänssler Classic
LC: 13287
PH16037
EAN: 88148816037

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