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StartseiteForschung aktuellMüde Muskeln23.08.2004

Müde Muskeln

Mediziner untersuchen biochemische Vorgänge bei Olympia-Athleten

<strong>Medizin. - Geht einem Athleten die Puste aus oder wird der Muskel vorzeitig schlapp, waren bislang die meisten Trainer und Sportmediziner der Ansicht, dass daran die übersäuerten Muskeln Schuld seien. Nicht so ein dänisches Wissenschaftsteam ... </strong>

Von Volker Mrasek

Gut zu Fuß (AP)
Gut zu Fuß (AP)

Das, was uns immer erzählt wurde, ist völlig falsch! behauptet der dänische Physiologe Ole Nielsen. Dabei hätten wir jeden olympischen Eid darauf geschworen, daß unsere Muskeln bei zu hoher Belastung übersäuern und deshalb schlapp machen. Wie oft haben wir das nicht schon gehört?! Nur: Es stimmt überhaupt nicht …

Bisher hat man gedacht: Wenn sich Laktat, also Milchsäure, im Muskel anhäuft, führt das zu seiner Ermüdung. Auch hieß es, man solle eine solche Übersäuerung vermeiden. Denn es dauere sehr lange, bis die Milchsäure wieder abgebaut sei. Jetzt aber wissen wir: Laktat schadet der Leistungsfähigkeit des Muskels gar nicht. Im Gegenteil: Es ist sogar von Vorteil für Sportler, wenn der Säure-Pegel zwischen zwei Übungen hoch bleibt.

Was veranlasst den Forscher von der Universität Aarhus, so rigoros an einem alten Dogma zu rütteln? Es sind die Ergebnisse neuer Laborexperimente, gewonnen an speziell präparierten Rattenmuskeln, die nicht anders funktionieren als die unseren.

Zunächst muss man vorwegschicken, dass sich Skelettmuskeln auf elektrische Kommandos hin kontrahieren und wieder entspannen - wenn ein so genanntes Aktionspotential besteht. Tatsächlich befinden sich innerhalb und außerhalb der Muskelzellen elektrische Ladungsträger, also Ionen. Sie stammen von gelösten Salzen wie Natriumchlorid oder Kaliumchlorid. Im wässrigen Zellmilieu zerfallen diese Salze in ihre Bestandteile: in positiv geladene Natrium- und Kalium-Ionen und in negativ geladene Chlorid-Ionen.

Wie sich ein Muskel verhält, ob er sich anspannt, ob er verkrampft oder erschlafft - das ist von der Ladungsverteilung im Zellinneren und -äußeren abhängig.

Ole Nielsen und seine Kollegen haben nun festgestellt, dass das so verteufelte Laktat in diesen Ionen-Haushalt eingreift - und zwar zum Guten für die Muskulatur. David Allen von der Universität Sydney in Australien, auch er ein anerkannter Muskelphysiologe:

Schon vor einigen Jahren erkannte man, dass die Muskel-Kontraktion nachlässt, wenn sich Kalium-Ionen außerhalb der Muskelzellen anreichern. Nielsens Arbeitsgruppe konnte damals zeigen, dass Milchsäure diesen Ermüdungseffekt verhindert. Jetzt, in der neuen Veröffentlichung, beschreibt sie auch den Mechanismus, der dahinter steckt.

Es stimmt zwar nach wie vor: Wenn ein Muskel stark beansprucht wird, gerät er irgendwann in Sauerstoff-Not. Er schaltet dann auf Glykogen um, seinen Reserve-Treibstoff, und dabei entsteht Milchsäure. Der Muskel übersäuert also in der Tat.

Doch das führt gerade nicht zu seiner Ermüdung. Im Gegenteil: Nach den neuen Befunden bewirkt die Versauerung, dass Transportkanäle für Chlorid in den Muskel-Zellwänden dichtmachen. Dadurch bleiben die Muskelzellen elektrisch reizbar und kontraktionsfähig …


Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Können wir Athleten neue Trainings-Ratschläge geben, damit sie von dieser wissenschaftlichen Erkenntnis profitieren?

Sollten Sportler vielleicht sogar Milchsäure gezielt zu sich nehmen? Mit Sauerkraut, Joghurt oder anderen Milchprodukten?

Lieber erstmal nicht! meint Physiologe Allen. Für solche Empfehlungen sei es noch zu früh. Zumal man sich eines klar machen muss: Muskel ermüden nun mal, und wenn daran nicht Laktat schuld ist, dann müssen es andere Stoffe oder Prozesse sein, die es noch genau zu entlarven gilt.

Studienautor Ole Nielsen sieht das im Prinzip genauso. Doch einen Tipp hält der Däne schon heute für statthaft:


Viele Sportler messen nach wie vor Laktat im Blut. Wenn die Werte ansteigen, drosseln sie ihre Trainingsintensität. Dafür gibt es nun keinen Grund mehr. In einigen Studien hat sich inzwischen sogar gezeigt, dass man zum Beispiel bei einem 400-Meter-Lauf bessere Leistungen bringt, wenn die Muskeln nach dem Aufwärmen noch Milchsäure enthalten.

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