Montag, 27. Juni 2022

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Mühsame Kompromisssuche

Forschungspolitik. - Bis Ostern will der Deutsche Bundestag entscheiden, ob zukünftig - wie von vielen Wissenschaftlern gefordert - neue embryonale Stammzellen aus dem Ausland importiert werden dürfen. Vorbereitend dazu hörte sich der Forschungsausschuss heute bereits die Einschätzungen von Experten an. Der Wissenschaftsjournalist Michael Lange fasst die Sitzung im Gespräch mit Uli Blumenthal zusammen.

03.03.2008

Uli Blumenthal: Naturwissenschaftler, Mediziner, Juristen und Ethiker waren heute vor den Forschungsausschuss geladen, fünf Stunden lang dauerte die Anhörung in Berlin. Michael Lange, Sie haben sie durchgängig für Forschung aktuell verfolgt, gab es in der Diskussion um embryonale Stammzellen noch neue Argumente?

Michael Lange: Nein, Überraschungen gab es nicht, die waren auch nicht zu erwarten. Das gestaltete sich eher als ein fünfstündiges Schaulaufen von zwölf Sachverständigen, die die Fachleute auch alle schon kannten, und man merkte auch den Rückfragen der Abgeordneten an, dass sie die Antworten teilweise schon wussten beziehungsweise fest mit bestimmten Antworten gerechnet haben - also ein richtiges Ritual, was da jetzt in Berlin abläuft.

Blumenthal: Inzwischen scheint festzustehen, dass weder eine Freigabe des Stammzellen-Imports, noch ein totales Verbot zu erwarten sind. Es läuft also erneut auf einen Kompromiss hinaus. Wie könnte der nach Ansicht der heute befragten Experten aussehen?

Lange: Es wird auf jeden Fall klar, dass von den vier Anträgen, die existieren zur Änderung des Gesetzes, die beiden Kompromissvorschläge vorne stehen. Und um die wurde auch mehr diskutiert. Also das völlige Verbot der Stammzellforschung und auch die völlige Freigabe beziehungsweise die Aufhebung des Stichtages scheinen aus dem Rennen zu sein. Es gibt zwei Kompromissvorschläge: der eine Kompromiss ist eigentlich keiner, denn er besagt, dass alles beim Alten bleibt. Das heißt, es darf weiter mit den alten Stammzellen von vor 2002 geforscht werden, so wie es heute in den Labors stattfindet. Es dürfen aber keine neuen Stammzellen nach Deutschland importiert werden. Der andere Kompromiss besagt, dass der Stichtag geändert werden soll. Das heißt, es sollen nicht nur Stammzellen von vor 2002 importiert werden dürfen, sondern Stammzellen bis zu einem neuen Stichtag. Und als neuer Stichtag ist vorgeschlagen worden von den Abgeordneten der 1. Mai 2007. Und das scheint die Richtung zu sein, auf die sich viele Abgeordnete jetzt einstellen. Und auch viele der Experten haben diesen Kompromiss als gangbar bezeichnet, und zwar sowohl Moraltheologen wie etwa Konrad Hilpert von der Universität München, als auch Juristen wie Jochen Taupitz aus Heidelberg.

Blumenthal: 2002 wurde ja schon einmal im Bundestag über Stammzellen beraten. Was hat sich denn in den Augen der angehörten Wissenschaftler seit 2002 geändert?

Lange: In der Wissenschaft hat sich einiges geändert. Zwar sind wir den Therapien mit embryonalen Stammzellen, die ja einst diskutiert wurden, nicht näher gekommen. Aber die embryonalen Stammzellen spielen heute in der Forschung eine wichtige Rolle, das sagte auch der Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums, Otmar Wiestler, auch wenn wir die Therapie nicht in den nächsten zehn Jahren bekommen, in der Forschung brauchen wir immer mehr Ansätze, wo wir durch die embryonalen Stammzellen mehr verstehen. Und das ist auch der Grund, warum viele Wissenschaftler sagen, mit den alten Stammzellen, deren Qualität immer schlechter wird, kommen wir nicht weiter, können wir nicht konkurrenzfähig bleiben. Ein oft gehörtes Argument, wurde auch heute wiederholt von Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin in Münster.

Blumenthal: Vom 1. Mai ist die Rede bei einem der Vorschläge. Wie kommt dieses Datum zustande?

Lange: Die Wissenschaftler können mit diesem 1. Mai recht wenig anfangen. Hans Schöler aus Münster sagte bei der Anhörung, bei der Wissenschaft kann immer etwas ganz Überraschendes passieren, und bis zu diesem beliebigen Datum kriegen wir etwas bessere Stammzellen als wir jetzt haben, aber wir können im nächsten Jahr die noch viel besseren Stammzellen haben und plötzlich brauchen wir wieder einen neuen Stichtag. Der 1. Mai hat ausschließlich politische Gründe, dahinter steckt die Idee, dass von Deutschland kein Anreiz geschaffen werden soll, neue Stammzellen herzustellen, die dann importiert werden. Und der ganze Gesetzgebungsprozess, der ja damals auch mit einer Anhörung vor dem Bundestag begonnen hat, das war im Mai 2007. Man will einen Stichtag wählen, der vor diesem Beginn dieses Prozesses lag, der aber gleichzeitig noch nicht allzu weit in der Vergangenheit liegt, so dass die Forscher eben an ihre neuen Zellen kommen können.