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Müllflut ohne Ende

Umwelt. - Die Weltbevölkerung wächst, Mega-Cities boomen. Diese Entwicklung bedeutet aber auch: Es gibt immer mehr Siedlungsmüll. Eine Studie im Fachmagazin "Nature" beschäftigt sich mit der Frage, wann die Welt wohl den Gipfel der Müllproduktion erreichen wird. Voraussichtlich nicht mehr in diesem Jahrhundert, lautet das ernüchternde Ergebnis der Prognosen.

Von Lucian Haas | 31.10.2013

    Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Weltbank einen Bericht mit dem Titel What a waste. Der Report zeigt, wie sich angesichts des erwarteten Wachstums von Wirtschaft, Bevölkerung und Städten global betrachtet die Menge der festen Siedlungsabfälle bis zum Jahr 2025 entwickeln dürfte. Unterm Strich der Prognosen stehen 70 Prozent mehr Müll. Statt heute 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr sollen es dann weltweit 2,2 Milliarden Tonnen sein. Ein solcher Anstieg ist weitaus größer als bei anderen umweltschädigenden Faktoren wie beispielsweise den Treibhausgasen. Daniel Hoornweg, Umweltingenieur an der kanadischen Universität von Ontario und einer der Autoren des Berichtes, ließ dieses Ergebnis keine Ruhe. Wann, so fragte er sich, wird die Welt denn den Scheitelpunkt der Müllflut erleben? Gemeinsam mit Kollegen machte er sich auf die Suche nach dem Zeitpunkt, den er als Peak Waste bezeichnet.

    "Wir dachten uns, wir schreiben die Prognosen weiter in die Zukunft fort, bis wir sehen, wann die globale Müllproduktion ihr Maximum erreicht. Wir wissen, dass der Anstieg des Siedlungsmülls stark mit dem Wachstum von Städten zusammenhängt. Wir wissen aber auch, dass in vielen reichen Ländern die Müllmengen pro Kopf heute schon langsam wieder abnehmen. Es stellte sich die Frage, wie sich diese Entwicklungen global gesehen auswirken. Und wir waren schon überrascht, dass die Welt, wenn man ein Business-as-usual-Szenario durchrechnet, selbst bis ins Jahr 2100 den Gipfel der Müllproduktion nicht erreichen wird."

    Auf den ersten Blick mag es verwunderlich klingen, heute schon sagen zu können, wie viel Siedlungsmüll wohl in 100 Jahren anfallen wird. Daniel Hoornweg findet das aber gar nicht so schwer.

    "Wir haben ja die historischen Trends aus dem vergangenen Jahrhundert. Und wir haben recht genaue Zahlen aus den letzten 25 Jahren. Solange sich nichts Grundlegendes ändert an der Art und Weise wie wir leben, können wir die Größenordnung der Müllmengen schon in etwa abschätzen, basierend auf dem Wohlstand der Bevölkerung und der Zahl Menschen, die in Städten leben. Denn was die Müllflut maßgeblich antreibt ist die Urbanisierung. Das ist die wichtigste Einflussgröße."

    Heute lebt rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Im Jahr 2100 sollen es laut Hochrechnungen 70 bis 80 Prozent sein – bei dann erwarteten acht bis mehr als zehn Milliarden Erdenbürgern. Derzeit wachsen vor allem die Metropolen in Asien. Doch Experten rechnen damit, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Afrika zur Boomregion der Mega-Cities wird. Und das könnte noch einmal massiv zur Müllschwemme beitragen.

    "Zeitpunkt und Ausmaß von Peak Waste werden von den Städten in Afrika bestimmt. Allein schon wegen ihrer schieren Größe. Sie werden riesig sein. 2100 sollen von den zehn größten Städten der Welt allein sechs in Afrika liegen. Noch ist Afrika lange nicht so urbanisiert wie der Rest der Welt. Aber das wird etwas später in diesem Jahrhundert nachgeholt. Und so wie die Städte wachsen, wachsen dort auch Wirtschaft und Konsum, und so gibt es mehr und mehr Müll."

    Laut den Berechnungen könnte sich die jährlich anfallende Siedlungsmüllmenge bis zum Jahr 2100 auf rund vier Milliarden Tonnen mehr als verdreifachen im Vergleich zu heute. Durch ein gebremstes Bevölkerungswachstum, eine verdichtete Bebauung in den Städten, weniger Konsum und politische Maßnahmen wie höhere Preise für die Müllentsorgung ließe sich dieser Wert bestenfalls um etwa ein Viertel eindämmen. Doch auch dann wäre der Scheitel der Müllflut frühestens 2075 erreicht, so Daniel Hoornweg. Seiner Meinung nach ist es an der Zeit, dass die Welt die Augen öffnet für das Problem Peak Waste.

    "Es gibt möglicherweise keinen besseren Maßstab dafür, wie sehr wir Menschen auf die Erde einwirken. Das Ausmaß und der Zeitpunkt von Peak Waste sind wirklich wichtig. Sie bestimmen, wie viel Schaden wir dem Planeten zufügen."