
Der Straßenverkehr rauscht, die Trambahn bimmelt, Passanten hasten durch die Maximilianstraße in München - Glamour in Boutiquen, Haute Cusine an allen Ecken. Im MaximiliansForum wird es sinnlich.
Türkisblau gekachelte Wände, hin und wieder flackert ein Neonlicht, 70er-Jahre-Schick auf 200 Quadratmetern. Auf den Treppen, hinunter in die kulturell genutzte Fußgängerunterführung, verhallen Schritte und Gesprächsfetzen, es riecht nach regennassem Beton.
"Geruch und Klang. Das ist das, was man vielleicht erst gar nicht so doll wahrnimmt, aber was einen schon sehr beeinflusst, wenn man sich in einem öffentlichen Raum aufhält."
Lisa Hörstmann vom Kulturreferat München steht an diesem Abend mit etwa zwei Dutzend anderen Besuchern vor einer achteckigen Kabine: ein Holzgerüst, verkleidet mit transparenter Kunststoff-Plane - die "Pasta Sauna".
"Pasta-Sauna" provoziert die Frage nach der richtigen Ernährungsweise
In der "Pasta Sauna" der niederländische Künstlerin Marije Vogelzang stehen zwei aufgeklappte Holzstaffeleien, auf der obersten Stufe die Nudelmaschinen - umfunktioniert zu einer Spieluhr. Twinkel, Twinkel, Little Star. In weißen Overalls gekleidete Assistentinnen drehen den Teig durch die Maschine. Unter der Staffelei blubbert das Nudelwasser, die Wände aus Kunststoff-Plane sind mit perlendem Kondenswasser beschlagen, es riecht nach Holz und Salzwasser.
"Man kann nicht alleine diesen Nudelteig in der 'Pasta Sauna' bearbeiten lassen, sondern man braucht erst mal einen Pasta-Partner und damit einen Essens-Partner."
Mit einer Zange holt Erinn Carstens von der städtischen Kultureinrichtung Plattform die Nudeln aus dem Topf. In einem Glasschälchen reicht sie den ersten Pasta-Partnern die handflächengroßen Nudeln.
"Das ist ja auch die Frage: Wie wird das in Zukunft sein? Setzt man sich noch zusammen? Hat man noch genug Zeit? Nimmt man sich Zeit zum Essen?"
Auf solche Fragen der urbanen Rastlosigkeit gibt die Künstlerin Marije Vogelzang mit ihrer "Pasta Sauna" mögliche Antworten. Gemeinsam kochen, zusammen essen - gegen den Gesundheitswahn, Pasta macht glücklich. Ein ironischer Seitenhieb auf Filipp Tommaso Marinettis Manifest der futuristischen Küche. 1930 postulierte er: Pasta macht träge.
"Jetzt muss ich die erst mal zerlegen, diese Riesen-Nudel. Ich beiß jetzt einfach mal rein. Total lecker."
"Es schmeckt hervorragend! Und das Erlebnis hier, mit den anderen das zusammen zu zubereiten, macht echt Spaß."
"Wie wollen wir leben?" Mit dieser Frage beschäftigt sich die achteilige Veranstaltungsreihe unter dem Motto Transforming Cities diesen Sommer über im MaximiliansForum. Den Auftakt gab es schon am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. Der Münchner Musikschaffende Salewski inszenierte seine anarchistische Klang-Performance Wider die Verherrlichung der Arbeit.
"Ein Leben ohne Arbeit war auf jeden Fall vor ein paar Jahrzehnten mehr denkbar als heute. Heute ist ja alles über die Arbeit definiert. Wenn tatsächlich niemand merkt, dass die Arbeit verherrlicht wird, dann steht es noch schlimmer als ich gedacht habe."
Hypnotisierendes Klangkonzert
Ein zwölfstündiges, hypnotisierendes Klangkonzert spielte Salewski mit befreundeten Gastmusikern aus der Münchner Subkultur im hallenden Beton-Gemäuer des MaximilianForums.
"Normalerweise bemühen sich alle immer diesen Raum halbwegs zu dämpfen, damit Musik, die normale Hörgewohnheiten bedient nicht im Hall verloren geht. Dieser Raum klingt aber wahnsinnig toll. Und wenn die Straßenbahn oben drüber fährt über den Beton, dann hat das natürlich einen wahnsinnig schönen Klang, der per se schon Musik ist."
Food Sound Underground - der Titel der Veranstaltungsreihe verdeutlicht es schon, wo die Impulse im tatsächlichen Stadtwandel der Metropolen entstehen - in den Essensgewohnheiten der Stadtbewohner, im Klang der Subkultur. Beides spricht die Sinne an, kommuniziert die Veränderung im Urbanen - versinnbildlicht im sinnlichen Prozess des entschleunigten Essens in der "Pasta Sauna", mit einem Konzert-Marathon gegen die Hochstilisierung der Arbeitswelt.
