Montag, 23. Mai 2022

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Museum in Washington
Die Bibel in bunt

In Washington entsteht ein gewaltiges Bibelmuseum - unter der Verantwortung eines Heidelberger Theologen, finanziert vom evangelikalen Milieu. Themen wie Homosexualität bleiben außen vor, dafür werden biblische Geschichten in Disney-Manier erzählt. Geht es um Information oder um Mission?

Von Susanne Güsten | 04.10.2016

Luther-Bibel "Biblia Teutsch" von 1545 im Kloster zum Heiligen Kreuz in Rostock
Im "Museum of the Bible" soll die Bibel den Menschen auf verschiedenen audiovisuellen Ebenen näher gebracht werden. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Die erste Überraschung ist der Sammlungsleiter selbst, denn der ist kein Missionar aus Oklahoma, sondern ein Theologe aus Heidelberg. David Trobisch, Sohn eines deutschen Vaters und einer amerikanischen Mutter, hat an der Universität Heidelberg studiert, promoviert und habilitiert und an der renommierten amerikanischen Yale Universität gelehrt. Nun kuriert er die Sammlung des neuen Bibel-Museums und wählt mit seinem Mitarbeiterstab die Artefakte aus, die auf acht Stockwerken und 42.000 Quadratmetern gezeigt werden sollen - eine gewaltige Ausstellung wird es, sagt Trobisch:
"Wenn man alles sehen wollte, dann müsste man dort neun Tage lang acht Stunden Zeit verbringen. Also es ist wirklich ein enormes Projekt, sowas ist vorher nie versucht worden."
Aus rund 140.000 biblischen Schriften und Artefakten kann Trobisch dabei auswählen. Schon die Sammlung des Milliardärs Steve Green, die dem Museum zugrunde liegt, galt mit 40.000 Stücken als weltgrößte ihrer Art; inzwischen haben noch weitere Sammler ihre Kollektionen beigesteuert. Aus dieser Schatztruhe wird die Ausstellung im vierten Stock des Museums schöpfen, wo es um die Geschichte der Bibel geht - erzählt in alten Handschriften und Bibeln. Als Liebhaber von Handschriften liegt dem Sammlungsleiter diese Ausstellung besonders am Herzen:
"Es beginnt also mit einem Fragment aus dem Gilgamesch Epos - das wurde geschrieben Jahrtausende bevor jemand wusste, wie man Israel buchstabiert und hat Geschichten drin wie die Arche Noah und andere Sachen, die sehr an die Schöpfungsgeschichten erinnern, die in die alttestamentliche Literatur und in die hebräische Bibel Eingang gefunden haben. Es geht dann weiter über Fragmente von den Qumranfunden, wir haben hebräische Handschriften, die bis nach China gegangen sind und die wir aus China wieder zurück gebracht haben in die Museumswelt, und dann über Syrisch, Koptisch, Griechisch, Latein bis hin durchs Mittelalter, illuminierte Handschriften."
Es sind durchweg Originale, die hier gezeigt werden.
"Wir haben Erstausgaben der King James Bible natürlich, aber auch einen ganzen Raum voll King James Bibeln mit Druckfehlen - thou shalt commit adultery, oder auch: man soll die Kinder schlagen. Oder Sachen die der Drucker reingeschrieben hat, der dafür dann ins Gefängnis gegangen ist - das sind so Geschichten, die wir da auch erzählen. Aber dann auch weiter in die Neuzeit bis heute. Wir haben Zugriff auf die größte Sammlung von Bibelübersetzungen in der Welt, das sind ungefähr 45.000 Ausgaben Bibeln. Wir haben auch eine Bibel, die auf dem Mond war. Wir haben die Bibel von Elvis Presley."
Disney erklärt die Bibel
Während es hier um die Geschichte der Bibel geht, befasst sich eine andere Ausstellung ein Stockwerk tiefer mit den Geschichten aus der Bibel:
"Weil mit der Veränderung der kulturellen Situation viele Leute oft Sachen nicht mehr wissen, die man bei der Bibel als Grundwissen verstehen müsste: Abraham, oder wer ist Isaak, dass Jesus zwölf Jünger hatte, aber Paulus keiner dieser zwölf Jünger ist - das sind so Sachen, die hätte man vor einer Generation nicht erklären müssen, aber heute wissen es viele nicht."
Statt mit alten Handschriften und Artefakten wird dieses Stockwerk mit neuen Medien in Szene gesetzt, mit Film, Farben und viel Action. 40 Minuten dauert der Rundgang durch das Alte Testament, wo der Besucher etwa Noah, Abraham und Moses begegnet und ihre Abenteuer miterlebt, 20 weitere Minuten geht es durch das Neue Testament. Realisiert wird das alles von Disney-Animateuren - ein kontroverser Kunstgriff, räumt Trobisch ein:
"Ich gebe gerne zu, dass das schwierig ist, wenn man in Deutschland Professor war, zu sehen, mit welcher Freude und Hingabe das hier gemacht wird, aber als pädagogisches Konzept weiß ich, dass es funktioniert und dass es stimmt. Und wenn wir wirklich mit der Öffentlichkeit in Verbindung treten wollen, sollten wir auch mit den Leuten zusammenarbeiten, die das hingekriegt haben, und Disney, da kann man sagen was man will, diesen Bezug zur Öffentlichkeit haben die hinbekommen, etwa mit den Neuinterpretationen von Märchen und sowas."
Aber ist das nicht genau der Vorwurf - dass die Bibel hier von Disney-Animateuren interpretiert wird? David Trobisch argumentiert, dass die Animateure nur umsetzen, was die Wissenschaftler des Museums ihnen vorgeben:
"Wenn man die ersten Versionen gesehen hat von den Skripten und Entwürfen - da sind wir nur dagesessen und haben uns gefürchtet und gesagt, das ist ja schrecklich und schlimm. Die Künstler meinen, ihren Auftraggeber zufriedenstellen zu müssen, die übertreiben da so grenzenlos in Naivität. Das würde man nicht einmal einem Fünfjährigen so darstellen wollen."
Die Bibel zu illustrieren, sei deshalb auch für die Disney-Profis eine neue Herausforderung, erzählt der Sammlungsleiter:
"Die Bibel ist voller Sex und Gewalt und den ganzen Geschichten: Zwei Töchter machen ihren Vater besoffen, damit sie schwanger werden - das ist nicht für Kinder gemacht, das ist Erwachsenenzeug. Und wir müssen auch darstellen, dass Jesus da gefoltert und nackt stirbt - wenn das in Abu Gharib war, haben sich die Magen umgedreht."
Vorwurf der politischen Agenda
Wie diese Szenen mit Disney-Techniken angemessen umgesetzt werden können, darüber zerbrechen sich die Animateure derzeit noch den Kopf - ein Jahr haben sie ja noch Zeit. Inzwischen geht auch die Arbeit am zweiten Stock voran, wo es um die gesellschaftliche Wirkung der Bibel gehen soll, etwa um ihren historischen Einfluss auf Hochschulen und Krankenhäuser.
"Aber auch auf soziale Konflikte, die nicht schön waren, wo die Bibel auf beiden Seiten verwendet wird. Für amerikanische Geschichte wäre das zum Beispiel die Sklaverei, wo auf beiden Seiten die Bibel verwendet wurde - wir wollen das darstellen, wollen das zeigen. Aber auch das civil rights movement, neuere Sachen. Bei ganz hochaktuellen Sachen, etwa den Umgang mit Homosexualität, da nehmen wir uns zurück. Das ist dann halt doch ein Museum, man möchte dann mit Ruhe auf etwas schauen, das zu einem gewissen Abschluss gekommen ist."
Oder sind es andere Gründe, die das Museum vor dem Thema Homosexualität zurückscheuen lassen? Das würden jedenfalls die Kritiker des Projektes vermuten, denen der Milliardär Steve Green suspekt ist. Denn Green ist in den USA vor allem dafür bekannt, dass er beim Obersten Gerichtshof durchsetzte, dass sein Familienunternehmen aus religiösen Gründen nicht für Krankenversicherungen von Angestellten aufkommen muss, die bestimmte Arten von Empfängnisverhütung bezahlen. Liberale Kritiker befürchten, dass Green mit dem Museum in Washington politische Ziele verfolgt. David Trobisch hat diesen Vorwurf schon oft gehört:
"Der Vorwurf, dass das alle so rechtsaußen politische Sachen sind, das ist wirklich so schwer etwas dazu sagen. Dass das nur gekauft worden ist, weil es so nahe am Kongress ist, um da die Agenda der Evangelikalen zu betreiben, was die Schwulenpolitik angeht. Also, jeder der mich auch nur bisschen recherchiert hat. Als Deutscher ist das kein Thema, war es nie in meinem Leben."
Dennoch wird das Museum weiter mit dem Verdacht zu kämpfen haben, weiß er:
"Eines unserer großen Probleme ist es, das öffentliche Bild klarzustellen. Das sind so Vorurteile, die man hat, vor allem gegen Evangelikale, weil es da auch diese extremen Gruppen gibt, und man denkt dann, die sind alle gleich. Zum Beispiel Steve Green persönlich, das ist genau sein Auftrag gewesen, das nicht missionarisch zu machen. Wir sind ganz klar in unseren Statuten: Wir wollen mit allen tanzen, mit den Katholiken und mit den Pfingstlern - aber auch mit denen, die unheimlich kritisch sind."
Facettenreiche Ausstellungsstücke
Die Katholiken tanzen jedenfalls mit. In dem Museumsbau in Washington haben die Vatikanischen Museen und die Vatikanische Bibliothek ein ganzes Stockwerk belegt, in dem sie ihre eigenen Ausstellungen zeigen werden - Schätze, für die auf dem engen Raum der Vatikanstadt kein Platz ist. Ein ähnliches Abkommen besteht bereits mit der Antiquitätenbehörde von Israel, die im Museum der Bibel ebenfalls ein eigenes Stockwerk erhält. David Trobisch hofft, dass nach der Eröffnung im kommenden Jahr Menschen aller Überzeugungen ins Bibel-Museum kommen werden.
"Es ist ein Museum: Leute, die noch nie in einer Kirche waren und etwas wissen wollen von der Bibel oder die sie sehr gut kennen und sehr dagegen sind - die sind alle willkommen, um sich ein Bild zu machen. Wenn die nachher rausgehen und sind nur bestärkt in ihrer Ansicht, dass sie das richtig gesehen haben, dann ist das absolut in Ordnung. Aber unsere Hoffnung ist wie in jedem Museum, dass man hingeht wie in jedem Museum: 'Das wusste ich schon, das auch, und: Mensch, das sehe ich das erste Mal! Aber dann auch: Das habe ich nicht gewusst, dass man das so sehen kann'."