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StartseiteForschung aktuellMusik als Droge27.01.2011

Musik als Droge

Belohnungszentrum reagiert auch auf Mozart und Co.

Neurologie. - Kanadische Neurowissenschaftler konnten zum ersten Mal nachweisen, dass das Anhören von Musik im Gehirn die Ausschüttung von Dopamin – gemeinhin als Glückshormon bezeichnet – auslöst. Damit setzt Musik im Belohnungszentrum die gleichen Prozesse in Gang wie Essen, Sex oder Drogen.

Von Tomma Schröder

Löst Glücksgefühle aus: Wolfgang Amadeus Mozart. (AP / Mozarthaus Wien)
Löst Glücksgefühle aus: Wolfgang Amadeus Mozart. (AP / Mozarthaus Wien)

"Es dauert nur zwanzig Sekunden: wenn die Musik spielt und gerade der schönste Moment kommt. Du weißt, dass dieser Moment gleich kommt, und du erwartest ihn schon und dann… Wenn du den Höhepunkt erreichst, zeigt sich diese starke physiologische Reaktion."

Ein Schauer läuft den Nacken hinunter, an den Armen stellen sich winzige Härchen auf und sorgen für ein angenehmes Prickeln. Gänsehaut bekommen fast alle Versuchspersonen, wenn Robert Zatorre ihnen ihre selbst mitgebrachten Gänsehautklassiker vorspielt. Er schaut dann allerdings nicht auf die aufgestellten Härchen an den Armen, sondern direkt in das Gehirn. Denn während die Musik läuft, liegen die Probanden im Tomographen. Und der zeigt kurz vor und während eines Gänsehaut-Moments Erstaunliches an: Im Gehirn der Versuchspersonen wird Dopamin ausgeschüttet. Dabei hat das so genannte Glückshormon eigentlich ganz andere Aufgaben. Zatorre:

"Dopamin scheint dazu da zu sein, herausragende Ereignisse, die sehr positiv und wichtig für das Überleben sind, zu kennzeichnen. Denn woher weiß ich denn, dass etwas, das ich erfahre oder tue, gut für mich ist? Dass weiß ich, weil Dopamin mir signalisiert, dass etwas Gutes und Wichtiges passiert. Wenn man etwa hungrig ist und Essen bekommt, dann ist das gut und man versucht, mehr davon zu bekommen."

Beim Essen, beim Trinken und beim Sex ist das durchaus einleuchtend. Diese Dinge sind überlebenswichtig und werden durch das Dopamin als positiv gekennzeichnet. Das Gleiche passiert auch bei Drogen, die durch ihre chemische Zusammensetzung für eine Ausschüttung von Dopamin sorgen. Aber wie ist das bei der Musik? Sind etwa Mozart und Co. für uns auch überlebenswichtig?

"Ich denke nicht, dass wir Musik im wörtlichen Sinne zum Überleben brauchen, denn im Gegensatz zu Essen oder Wasser können wir auf Musik ja verzichten. Aber die Tatsache, dass sie die gleichen Hirnregionen aktiviert, deutet vielleicht darauf hin, dass wir doch ähnlich viel davon haben wie von Substanzen, die überlebenswichtig sind."

Denn immerhin sorgt Musik nicht nur dafür, dass Dopamin ausgeschüttet wird. Sie aktiviert dabei auch die gleichen Hirnregionen, die beim Essen, Trinken oder Sex für die Abgabe des Hormons verantwortlich sind. Schon während etwa der Chor aus Mozarts Lacrimosa immer lauter wird und auf den Höhepunkt zugeht, wird im so genannten nucleus caudatus Dopamin ausgeschüttet. Ein Bereich der eng mit der Region für das vorausschauende Denken verknüpft ist. Damit passiert das Gleiche wie bei einem Hungrigen, der etwas Leckeres riecht, oder bei einem Drogensüchtigen, der dem nächsten Schuss näher kommt. Erst danach, wenn der Höhepunkt der Musik, das Essen, die Drogen erreicht sind, wird das Dopamin im nucleus accumbens ausgeschüttet. Diese Region ist mit dem limbischen System, also dem Gefühlszentrum, verbunden. Damit können die Forscher nicht nur den doppelten Charakter der Musik, die Intellekt und Gefühl anspricht, erklären. Sie finden auch eine zentrale Theorie der Musikwissenschaft in ihren Resultaten bestätigt.

"Es gibt die Idee, dass die Musik mit Hilfe von bestimmten Motiven und Mustern eine Spannung erzeugt, die am Ende gelöst werden muss. Der Grund für die Wirkung der Musik liegt also darin, dass sie unser Gehirn veranlasst, diese zwei verschiedenen Mechanismen zu nutzen. Nämlich den einen, der dafür zuständig ist, Vorhersagen zu treffen, und den anderen, der mit dem Erleben von Gefühlen zusammenhängt. Also zwei Bereiche, die sich für vollkommen andere Zwecke herausgebildet haben, nämlich für das reine biologische Überleben."

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