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Musiker Enno Bunger
"Wir weißen Hautfarbenträger müssen nicht politisch sein"

Es ist sein erster politischer Song: In "Wo bleiben die Beschwerden" singt der Singer-Songwriter Enno Bunger über den immer noch nicht aufgeklärten Tod des Oury Jalloh 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau. Die Geschichte habe ihn wütend und traurig gemacht, sagte er im DLF: "Und wenn ich was verändern will und wenn mir das so im Herzen brennt, dann muss ich bei mir selber anfangen."

Enno Bunger im Gespräch mit Anja Buchmann | 14.11.2015
    Der Hamburger Sänger und Liedermacher Enno Bunger zu Gast bei Deutschlandradio Kultur.
    Der Hamburger Sänger und Liedermacher Enno Bunger. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
    Anja Buchmann: Enno Bunger kommt aus Ostfriesland, lebt in Hamburg und war bisher als melancholischer, Klavier spielender, deutsch singender Songschreiber bekannt, der mit seinem Trio die deutschen Bühnen bereiste. Deutsch singt er immer noch und Klavier spielt er auch immer wieder - dazu sind aber noch einige weitere Stile gekommen. Synthesizer und dezente Elektronik finden sich auf seinem neuen Album "Flüssiges Glück" genauso wie dezenter Sprechgesang. Und: Er ist - zumindest in einem Song - sehr politisch: "Wo bleiben die Beschwerden" handelt vom rätselhaften Tod des Oury Jalloh 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau. Da sich der Tatort "Verbrannt" vor einigen Wochen genau mit diesem Thema beschäftigte, stellte sich zunächst die Frage, wie er den Krimi wahrgenommen hat.
    Enno Bunger: Ich fand das erst mal sehr gut, dass es dafür eine Plattform gab. Dass dieser Fall, der so wichtig ist, so medial endlich die Beachtung bekommt, die er haben muss. Das ist ein sehr lustiger Zufall, dass ich eine Woche vorher mein Lied veröffentlicht hab. Ich habe von Pagonis Pagonakis, der auch mit geschrieben hat an dem Tatort, mit dem ich auch korrespondiert habe, weil wir eventuell auch überlegt haben, beim Video zu dem Lied zusammen zu arbeiten - da habe ich eine Anfrage gestellt und er hat mich darauf hingewiesen, dass es beim Tatort das Thema gibt, was mich dann sehr gefreut hat.
    "Es ist sehr schwierig, so ein Lied zu schreiben"
    Buchmann: Das war Ihnen aber, als Sie das Lied geschrieben haben, noch in keinster Weise klar?
    Bunger: Nee, ich bin ja ein Jahr vorher damit angefangen und war da auch noch sehr fremd in der Thematik. Also ich habe einen Artikel gelesen, in dem das eben geschildert wurde, dass Oury Jalloh 2005 in Dessau im Polizeigewahrsam unter sehr mysteriösen Umständen in einer Sicherheitszelle, an Wand und Boden gefesselt, verbrannt ist. Und bis heute ist niemand dafür verurteilt worden. Also es gibt einen Prozess, da wurde jemand wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, aber nicht wirklich - es wurde nicht gesagt, was genau jetzt passiert ist und es ist nicht wirklich konsequent gewesen, fand ich.
    Buchmann: Auf jeden Fall ist das nun auch schon ein paar Jahre her, Sie haben vergangenes Jahr begonnen, diesen Song zu schreiben - was hat Sie da angetriggert, jetzt auf einmal einen sehr politischen Song zu schreiben?
    Bunger: Ja ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht, angefangen bei dem Fall. Ich habe privat begonnen, mich einzulesen und war so schockiert, dass in diesem Artikel ein ehemaliger Brandgutachter darstellt, dass das auf jeden Fall kein Selbstmord gewesen sein kann. Ein pensionierter Kriminologe stellt das dar und ich lese das und musste ihm zustimmen, auch wenn ich nicht die Ahnung davon habe, aber bin auch auf weitere Fälle rechter und rassistischer Gewalt gestoßen und habe mir die Frage gestellt: Ich bin nicht politisch, aber es gibt Menschen, die auch vielleicht gerne nicht politisch wären, sich das aber gar nicht aussuchen können. Wir als weiße Hautfarbenträger sage ich mal, die hier zufällig geboren sind, haben das Glück nicht politisch sein zu müssen. Es gibt aber Leute, die jeden Tag unter Rassismus leiden und sogar angegriffen werden, heute immer noch. Und das hat mich sehr nachdenklich gestimmt.
    Buchmann: Vermissen Sie solche Aufrufe bei Kolleginnen und Kollegen von Ihnen, Musikerkollegen?
    Bunger: Ich hab einfach gedacht, wenn ich was verändern will, dann ist das kein Vorwurf gewesen an andere, dass die das nicht machen. Weil es ist auch sehr schwierig, so ein Lied zu schreiben. Aber wenn ich was verändern will und wenn mir das so im Herzen brennt, dann muss ich selber anfangen, selber etwas verändern an meinem Schaffen. Ich habe sonst immer sehr autobiografisch geschrieben über Liebe und über Selbstverwirklichung und nicht so sehr gesellschaftlich. Und ich habe aber gleichzeitig gemerkt, dass ich da genauso viel bei empfinde beziehungsweise noch wütender und noch trauriger bin als bei meiner eigenen Geschichte, weil es noch viel extremer ist, diese Fälle über die ich da schreibe, auch die NSU-Fälle. Und ich dachte: Ja, da braucht es jetzt auch mal ein Lied aus der, ich nenne es mal "popmusikalischen Mitte", die nicht so extrem musikalisch krass ist, wie Hip-Hop oder Punk. Und habe einfach für mich einen Bedarf gesehen, das zu tun.
    "Ich finde es sehr gut, dass es eine Willkommenskultur gibt"
    Buchmann: War das für Sie vom Gefühl her eine andere Herangehensweise, als wenn Sie autobiografisch über Ihr Inneres erzählen?
    Bunger: Ja, ich musste sehr viel mehr recherchieren und genauer schreiben und näher an der Thematik bleiben und konnte mir auch nichts aus den Fingern saugen, sondern bin Fall für Fall vorgegangen und habe mich sehr eingelesen. Mein Schreibtisch Zuhause sah ein bisschen so aus wie in Tatort-Filmen, wo diese typische Wand ist, wo man irgendwie die Fälle zusammen schreibt.
    Buchmann: Mit Strichen, wer mit wem verbunden ist, ja. In Hamburg leben Sie schon seit längerer Zeit, haben auf dem Album auch eine Liebeserklärung an Hamburg. Um noch mal kurz an die Flüchtlingsthematik anzuknüpfen - wie beobachten Sie in Hamburg die Situation?
    Bunger: Ich finde erst mal sehr gut, dass es eine Willkommenskultur gibt, auch in Hamburg. Es gibt sehr viele Menschen, auch aus meinem direkten Umfeld. Man versucht da viel zu bewegen. Ich bin im Moment zwar beruflich viel unterwegs, versuche aber, in meiner Freizeit da zu spenden und mit anzupacken. Und ich finde generell wichtig, dass man sich dazu entscheidet, dass es wichtig ist generell, da zu helfen. Denn die Flüchtlinge sind so oder so da, sie fliehen nicht, weil sie fliehen wollen, sondern weil sie fliehen müssen. Es gibt gar keine Entscheidung, ob wir das wollen oder nicht, die sind sowieso da. Und wenn wir möchten, dass ein Zusammenleben funktioniert, dass Integration gelingen soll, sind wir in der Pflicht, die auch entsprechend willkommen zu heißen, damit es keine Parallelgesellschaften gibt, damit wir diese Gefahr einfach nicht zulassen, dass das geschieht, was diese Sarrazzins die ganze Zeit ankündigen.
    Buchmann: Sie sind ja jetzt nicht nur der "politische Botschafter"...
    Bunger: Das ist auch sehr neu für mich; ich bin da auch selber ganz verwundert, dass ich beim Deutschlandfunk sitze und über Politik korrespondiere...
    Buchmann: Ja, da hat man einmal ein Lied geschrieben, was durchaus eine politische Botschaft drin hat und zack, wird man schon vereinnahmt und ist dann auf einmal der politische Popsänger...
    Bunger: Naja, ich habe mich ja dazu entschieden, deswegen muss ich nun damit umgehen.
    "Ich möchte versuchen, meine eigene Lieblingsmusik herzustellen"
    Buchmann: Das ist dann eine Veränderung, dass Sie sich auch mal in den politischen Bereich begeben, zumindest mit diesem einen Song. Eine andere Veränderung, die ich sehr deutlich wahrgenommen habe: Es geht sehr viel Synthie-lastiger und elektronischer zu. Wie kam das?
    Bunger: Ich höre selber unheimlich unterschiedliche Musik. Meine Lieblingskünstler reichen von Bob Dylan, Bruce Springsteen bis zu Sohn, Apparat, The Notwist oder The Acid und ich höre schon immer sehr gerne sehr viel elektronische Musik und habe jetzt kein verpflichtendes Bandgerüst mehr, das ist aufgelöst, ich habe früher zwei Alben in Trio-Konstellation gemacht, dieses Trio besteht so nicht mehr, das heißt nur noch zu zwei Dritteln Dritteln
    Buchmann: Der Schlagzeuger ist noch dabei...
    Bunger: Genau. Ich bin jetzt aber so frei, dass ich machen kann, was ich schon immer machen wollte und dass ich das auch ausprobiere und daran Spaß habe, dass mir irgendwelche Sachen noch besser gefallen als vorher. Wo ich selber manchmal noch schmunzeln muss, dass ich jetzt so klinge, weil das auch noch neu und ein bisschen fremd ist, aber ich mag's total und finde das auch spannend.
    Buchmann: Also entspricht das natürlich Ihrem persönlichen Geschmack und nicht "ich muss irgendwo aufspringen, um..." - geschäftlich denkend...
    Bunger: Nein nein. Das ist ein künstlerischer Ansatz. Ich habe ein Album gemacht, auf dem sind zehn Stücke drauf und jedes Stück behandelt ein anderes musikalisches Genre. Ich glaube, dass Platten, die homogener sind, sich besser verkaufen würden als das. Und das ist halt eher: Ich möchte versuchen, meine eigene Lieblingsmusik herzustellen und die ist nun mal sehr breit. Und für mich wollte ich da einfach mal in neue Gewänder schlüpfen und mir selber als Autor neue Rollern schreiben.
    "Man lebt nur einmal und hat nur eine Jugend"
    Buchmann: "Am Ende des Tunnels" ist ja ein sehr klassisches Piano-Gesangsstück, so was musste dann auf jeden Fall auch noch drauf? Erinnert mich ein bisschen an Billy Joel...
    Bunger: Genau, das war auch ein bisschen das Vorbild, ich war ja früher selber Barpianist und das ist dann der Klassiker, den Pianoman musste man immer spielen. Und ich habe Lust gehabt, auch mal einen ganz klassischen Folksong zu schreiben. Ich habe vorher immer melancholische Klavierballaden gemacht, aber nie einen, der so richtig zynisch ist und wo man so richtig schunkeln kann. Auch um den Albumtitel noch mal anders zu spiegeln - also der Albumtitel soll durch jedes Lied einen anderen Anstrich bekommen, und hier ist es ganz klar der Alkohol, was dann da gemeint ist mit "flüssiges Glück".
    Buchmann: Sind Sie noch Barpianist?
    Bunger: Ich mach das manchmal noch so aus Spaß, aber nicht mehr beruflich.
    Buchmann: Wie ist der Song "Neonlicht" entstanden? Der wirkt vom Text her ein bisschen eskapistisch auf mich: "Wir denken nicht an morgen, wir suchen keinen Sinn, ertränken unsere Sorgen..." - in diesem Sinne: singen Sie dort. Was war das für ein Hintergrund?
    Bunger: Das hat vielleicht auch mit dem Kapitalismus zu tun: Jeder muss sich selbst verwirklichen, jeder will Karriere machen, jeder hetzt durch die Zeit, will ganz viel erreichen und schaffen. Und das ist ein Gegenentwurf, dass man mal zur Ruhe kommen muss und einen schönen Abend verbringen muss, mit den Menschen, die man mag. Und durch die Nacht zieht und Spaß hat, weil man lebt nur einmal und hat auch nur eine Jugend! Das ist auch für mich so ein Song, der auch mein Coming of age thematisiert. Denn ich gehe jetzt auf die 30 zu und natürlich möchte ich auch noch ein paar wilde Abende und Nächte erleben. Das ist auch selbstmotivierend geschrieben, so was noch zu leben und zu machen und nicht nur Karriere fokussiert zu sein.