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Musiker-Podcasts Politik und Nabelschau

Kraftklub, Casper und Drangsal und jetzt auch Peter Fox: Immer mehr deutsche Musikerinnen und Musiker moderieren eigene Podcasts. Manche sind reine Ego-Shows, andere wollen die Welt verbessern. Am Ende wirken alle Formate ein bisschen bemüht.

Von Christoph Möller

(picture alliance / dpa)
Schon immer an Politik interessiert, jetzt auch als Podcaster: Peter Fox (picture alliance / dpa)
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"Politricks, der Radio-Eins-Podcast mit Pierre Baigorry"

Mit großem Brimborium beginnt "Politricks", der neue Politikpodcast von Pierre Baigorry alias Peter Fox, der noch ein bisschen unsicher ist.

"Ich bin kein Journalist und ich gestehe, dass ich ungefähr 800 Versuche gebraucht habe, um dieses Intro hier aufzunehmen ..."                

Über die politische Lage sprechen, ohne unnötig kompliziert zu sein, einfache Fragen stellen – das ist die Idee. In der ersten Folge spricht Baigorry mit dem Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Thema: "Gerechtigkeit und Steuerpolitik". Ziemlich trocken. Eine Stunde lang geht es um Erbschaftsteuer, Transaktionssteuer, Finanzausschusssitzungen.

"Da kommt der Staatssekretär, meist kommt der Staatssekretär, aber im Grunde genommen hören die dann nur zu, die sagen gar nichts."                

Ein Musiker stellt große Fragen      

Baigorry hat "Politricks" gestartet, weil er genervt ist, wie in den Medien über Politik gesprochen wird. Vor allem in Talkshows.

Baigorry: "Es ist immer so ein bisschen wie Schattenboxen. Es wird eher der Unterhaltsamkeit wegen gemacht, aber nicht unbedingt, um Lösungen voranzubringen."     

In "Politricks" stellt der Seeed-Frontmann große Fragen. Und hofft auf große Antworten. In Folge zwei geht es um "Grünes Wachstum" und wie eine Wirtschaft verantwortungsvoll wachsen kann.

"Also, wenn schon Wachstum, dann doch wenigstens in grün. Denn dass wir die Belastbarkeit unserer Mutti Erde in Sachen Luft, Wasser, Anbauflächen bei steigender Weltbevölkerung nicht einfach weiter nach oben schrauben können, sondern reduzieren müssen, ist einfach Fakt."                 

So cool und lässig wie die Musik von Peter Fox ist der Podcast nicht. Trotzdem hofft Baigorry Menschen zu erreichen, die Politik normalerweise nicht interessiert.

Baigorry: "Leute, die vielleicht über die Musik oder dadurch, dass sie mich als Musiker kennen, auf den Podcast stoßen und hoffentlich auch viele jüngere Leute, die ansonsten sich gar nicht damit beschäftigen würden."         

Ein Podcast mit Bildungsauftrag. Kompetent und angenehm trotzig moderiert. Baigorry versucht, Aussagen seiner Gesprächspartner zu vereinfachen. Trotzdem ist "Politricks" zwischenzeitlich extrem kompliziert und ohne Hintergrundwissen fällt es schwer, dranzubleiben.

Baigorry: "Es ist halt kein Fun-Faktor dabei, das muss man ganz klar sagen, also es ist auch ein bisschen anstrengend."

"Berlin ist der Ort, wo das Laugengebäck hingeht zum Sterben."

Völlig ohne Politik: Der Podcast der deutschen Musiker Casper und Drangsal. Produziert von "Diffus", einem Online-Magazin für Musik.

"Casper: Mit Verachtung – Podcast, Folge 3, Folge 2"

Drangsal: Ben.

Casper: Du bist ja gerade viel beschäftigt, du bist ja immer viel unterwegs.

Drangsal: Das stimmt.

Casper: Schön, dich wiederzusehen, ich finde das ja gut.

Drangsal: Ich habe mich sehr gefreut heute."            

"Mit Verachtung" – so heißt der Podcast. Eine Ego-Show. Casper und Drangsal reden vor allen Dingen über sich selbst. Man erfährt, was sie gerne essen, was sie für Musik hören und welche Städte sie gerade bereist haben.

"Ich war ja jetzt gerade vier Tage auf Radiopromo. Unter anderem in München. In Berlin kriegt man keine gute Brezen. Berlin ist der Ort, wo das Laugengebäck hingeht zum Sterben. Und deswegen esse ich hier so übermäßig viel Salzstangen, um das zu kompensieren."                  

Sagt Max Gruber alias Drangsal. Der Podcast ist stellenweise witzig, aber auch banal. Interessant vor allem für Fans. In langen, 50-minütigen Episoden bekommen sie Geschichten aus dem Alltag ihrer Idole. Kurze Beiträge auf Facebook oder Instagram können da nicht mithalten, hier zeigt sich die Qualität des Audioformats. "Mit Verachtung" stand kurzzeitig sogar auf Platz Eins der deutschen iTunes-Podcast-Charts – die Nachfrage ist also groß.

Alltagsplaudereien unter Kumpels

"Natürlich muss man auch sagen, wenn Casper dabeisitzt, der hat eine riesen Fanbase, und dass die sich das reinziehen, ist klar."               

Meint Gruber. Sie seien eben zwei Kumpels und sprächen über ganz alltägliche Dinge.

Gruber: "Ich würde das auch gerne dabei belassen, ehrlich gesagt. Weil ich glaube, das ist cool, wenn man durch so etwas dann auf neue Filme oder neue Musik kommt. Oder, ja, vielleicht aber doch tatsächlich auch, um den persönlichen Kosmos, den man nach außen trägt, ein bisschen zu erweitern."                   

Casper: niest

Drangsal: Gesundheit!

Casper: Danke!

Drangsal: Ich hasse übrigens Leute, die kein Gesundheit sagen, wie findest du das? (Casper niest)

Gesundheit!

Casper: Oijoijoi, das klingt ja wie ein guter Snare-Schlag, sage ich mal."                

Podcasts sind für Musiker ein gutes Medium, um Seiten zu zeigen, die Fans normalerweise nicht sehen. Wer hätte etwa gedacht, dass Peter Fox politikinteressiert ist – und fast mithalten kann mit professioneller Politikberichterstattung? Noch wirken "Politricks" und "Mit Verachtung" ein bisschen gekünstelt. Man merkt, dass die Musiker in Mikrofone lieber reinsingen, als reinsprechen. Und zumindest "Mit Verachtung" ist für Menschen, die keine Fans von Casper oder Drangsal sind, ziemlich langweilig.

"Und jetzt schlägt die Bimmelglocke auch schon, wir sind jetzt bei fast 50 Minuten ..."             

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