Sonntag, 14. August 2022

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Musiker und Politik
Rechtspopulismus in der Klassikszene

Welcher Partei oder politischen Gesinnung Akteure der Klassikszene angehören, wurde bislang kaum diskutiert. Doch gesellschaftliche Veränderungen und die sozialen Medien spielen auch dort eine Rolle. Ein Blog der "Neuen Musikzeitung" hat kürzlich rechtspopulistische Äußerungen der Klassikszene thematisiert.

Von Claus Fischer | 27.03.2017

    Detailaufnahme eines Cellos
    Wenn man sich als Musiker politisch äußert, dann werde man in dem Moment auch zu einer politischen Person, so Karsten Heins, Kontrabassist und Mitglied des Vorstandes im Leipziger Gewandhausorchester. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Nukari)
    Im Musikjournal äußerte sich der Musiker zu den Vorwürfen: Moosdorf zu den Vorwürfen
    "Die Klassikszene ist eine konservative Szene, aber sie empfindet sich eigentlich als eher links. Was ja auch irgendwie sympathisch und süß ist, aber halt auch ein bisschen unpolitisch und manchmal ziemlich naiv."
    Arno Lücker lebt und arbeitet als Dramaturg in Berlin und verantwortet unter anderen eine Konzertreihe. Außerdem schreibt er regelmäßig für den Internet-Blog der "nmz", der "Neuen Musikzeitung".
    "Weil wir eben eine kleine Szene sind – jeder kennt irgendwann wirklich jeden, – da ist es natürlich gefährlich, sich so radikal zu positionieren."
    "Der postet halt jeden Tag mehrere Artikel gegen Flüchtlinge"
    Vor einigen Monaten bereits stieß Arno Lücker auf das Facebook-Profil des Cellisten Matthias Moosdorf, Mitglied im renommierten Leipziger Streichquartett, und war irritiert:
    "Also der postet halt jeden Tag mehrere Artikel gegen Flüchtlinge, veröffentlicht angebliche Statistiken von gestiegenen Vergewaltigungszahlen von Flüchtlingen. Und das geht eigentlich gar nicht."
    Zitat Moosdorf:
    "Merkel, es reicht! Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt. Mit diesem Satz hat Angela Merkel eine rote Linie überschritten. Sie ist eine offene Feindin des Grundgesetzes."
    Das postete Matthias Moosdorf am 4. März. Nicht nur auf seinem Facebook-Profil veröffentlicht er solche Positionen, die deutlich dem Spektrum der AfD zuzuordnen sind, sondern auch in einem Brief an den ehemaligen Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff, den dieser dann veröffentlichte. Darin kommentiert der Cellist das Attentat auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.
    Zitat Moosdorf:
    "Diese Menschen könnten noch leben, wenn eine Kaste von idiotischen Gutmenschen an Europa vorbei ihren moralischen Imperativ für sich behalten hätte."
    Dass Matthias Moosdorf auch in seinen zahlreichen Facebook-Postings Geflüchtete, die in Deutschland Schutz fanden, pauschal zu potenziellen Attentätern erklärt, stört Arno Lücker. Und nicht nur das:
    "Also ich finde halt Sachen wie Rassismus, Homophobie, Chauvinismus absolut inakzeptabel."
    So machte Arno Lücker diesen Fall öffentlich - auf dem Webblog der "Neuen Musikzeitung".
    Politische Äußerungen von Musikern
    "Das ist ein schnelles Medium. Wo man auch jetzt auch nicht sozusagen auf eine Weise in die Tiefe gehen kann, sondern abbilden kann. Und was anderes hab ich auch nicht gemacht: Ich hab abgebildet, ich hab ein paar Screenshots gemacht, ein paar Kommentare dazugeschrieben. Ich sehe das jetzt auch nicht als journalistische Meisterleistung an, es war mir einfach ein inneres Bedürfnis."
    "Wenn man als Musiker sich eben explizit auch öffentlich äußert zu politischen Ansichten – in dem Moment wird man auch eine politische Person", sagt Karsten Heins, Kontrabassist und Mitglied des Vorstandes im Leipziger Gewandhausorchester.
    Und weitere Recherchen über Matthias Moosdorf bestätigen dessen politischen Aktivitäten. So schreibt er auch für eine Internetpublikation der AfD und pflegt intensiveren Kontakt mit der Parteivorsitzenden Frauke Petry. Auch deren Hochzeitsfest mit dem nordrhein-westfälischen Parteikollegen Marcus Pretzell hat er organisiert. Stattgefunden hat es am 22. Dezember letzten Jahres im Leipziger Mendelssohnhaus. Das Wohnhaus des assimilierten Juden Felix Mendelssohn Bartholdy als Ort, an dem sich Vertreter einer Partei das Jawort geben, in der nachweislich antisemitische Positionen vertreten werden – für liberale Geister ist das ein eindeutiger Affront.
    Die Ansichten von Matthias Moosdorf sind nicht die einzigen, die Dramaturg und Blogger Arno Lücker veröffentlicht hat. Auch beim Österreicher Hubert Paul Kuchar fand er rechtspopulistische Äußerungen:
    "Ein Künstleragent, der ganz viel mit Menschen zu tun hat, auch Coachings anbietet – also erstmal sehr sympathische Sachen: Sängerinnen- und Sängercoachings, und auch Veranstaltungen macht. Aber der macht es genauso: Er schadet sich selber, indem er eine Meinung herausbläst, die – ich sag's ganz klar – politisch vernünftige Menschen einfach nicht goutieren können."
    Positiven Reaktionen aus der Klassikszene
    Dramaturg Arno Lücker war durchaus im Zweifel, ob die Veröffentlichungen zu Kuchar und Moosdorf nicht auch als Denunziation gesehen werden könnte. Doch die überwiegend positiven Reaktionen aus der Klassikszene bestärkten ihn darin, dass er richtig gehandelt hat:
    "Ich hab sehr viele private Zuschriften bekommen, auch von ganz bedeutenden Kollegen, die ich vorher gar nicht persönlich kannte."
    Der Münchner Komponist Moritz Eggert, der den "nmz"-Musikblog redaktionell verantwortet, stellt sich hinter seinen Autor. Für ihn sind Fälle wie Matthias Moosdorf oder Hubert Paul Kuchar auch nicht überraschend, sondern eine Zeiterscheinung. Im Zuge der immer stärker werdenden Individualisierung der Gesellschaft durch die sozialen Medien werden auch Stimmen hörbar, die sich früher die Öffentlichkeit eher gescheut haben.
    "Es geht eben darum, dass jeder Mensch so irgendwie seine spezielle Meinung haben will, und haben darf – und das sind dann eben auch mal solche Meinungen. Man traut sich mehr, heute das zu äußern. Ich glaube, dass das, was so an rechter Gesinnung in der klassischen Musikszene hochschwappt momentan nicht unbedingt was komplett Neues ist. Wenn wir uns erinnern: Es gab ja schon vor vielen Jahren mal diesen berühmten Vorfall mit Musikern eines deutschen Orchesters, die mit Hitler unterschrieben haben."
    Dass ausgerechnet Musiker derartige Positionen vertreten, kann Kontrabassist Karsten Heins überhaupt nicht nachvollziehen. Denn durch ihre Tourneetätigkeit lernen sie ja Menschen unterschiedlichster Kulturen kennen und genießen deren Gastfreundschaft. Im Umkehrschluss, so betont das Vorstandsmitglied im Leipziger Gewandhausorchester, sei dessen hohes Niveau nur auf eine bestimmte Weise zu halten:
    "Dass wir von der ganzen Welt die besten Musiker zu uns nach Leipzig kriegen. Nur dadurch befindet sich das Gewandhausorchester da, wo wir sind."