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StartseiteTag für Tag"Die Militanz ist nicht besonders hoch"11.02.2015

Muslime in Indien"Die Militanz ist nicht besonders hoch"

Indien ist ein Land mit einem gewaltigen religiösen Pluralismus, in dem auch rund 180 Millionen Muslime als Minderheit leben. Ihre Situation ist wirtschaftlich und sozialökonomisch schlechter als die der hinduistischen Mehrheit, sagte Jan Ross, Korrespondent der "Zeit" in Neu Delhi, im DLF. Dennoch gebe es kaum eine Radikalisierung.

Jan Ross im Gespräch mit Andreas Main

Indische Muslime sitzen auf dem Boden in Reihen hintereinander und beten, viele in bunten Gewändern. (TAUSEEF MUSTAFA / AFP)
"Die muslimische Community in Indien hat fast geschlossen gegen Modi gestimmt. Nun haben alle kollektiv die Erfahrung gemacht, dass ihre Stimme gewissermaßen nichts gezählt hat," sagt Jan Ross. (TAUSEEF MUSTAFA / AFP)
Weiterführende Information

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(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 02.07.2013)

Indiens Islamistenkrieg
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 29.11.2008)

Andreas Main: In ein paar Wochen ist es so weit: Dann jährt sich der Amtsantritt des indischen Premierministers Modi zum ersten Mal. Als er antrat, haben viele Beobachter das Schlimmste befürchtet. Ein Hindu-Nationalist an der Spitze dieser multireligiösen Riesendemokratie - das kann nicht gut sein für Minderheiten, vor allem für Muslime und Christen. Und Minderheit in Indien, das bedeutet, dass wir von gigantischen Zahlen reden. Rund 13 Prozent der Inder, also rund 180 Millionen sind Muslime. Wären die entflammbar für islamistischen Terror, hätte Indien ein Problem.

Jan Ross ist Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit" in Neu Delhi, und er beschäftigt sich regelmäßig mit der Religion. Er hat ein Buch geschrieben über, wie er meint, grassierende Religionsfeindschaft und religiösen Analphabetismus. Und jetzt wollen wir mit ihm über die religiöse Landschaft Indiens sprechen.
Guten Tag Herr Ross.

Jan Ross: Guten Tag.

Main: Sie haben Indiens Muslime, also Bürger einer pluralistischen, nicht-westlichen Demokratie, in einem ihrer Artikel als Testfall für die Zukunft des Islams bezeichnet. Wie ist es bestellt um die Militanz muslimischer Inder?

Ross: Also, die Militanz ist nicht besonders hoch. Das ist das Erste, was man feststellen muss. Natürlich sind die Zahlen, zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, wie viele Inder bei ISIS dabei sind und mitkämpfen, nie verlässlich. Aber man hat schon den Eindruck, dass es weniger sind als aus Europa kommen. Also, wenn man bedenkt, dass dies eine riesenhafte, wir reden hier von 180 Millionen, eine riesenhafte Menge von Muslimen ist, die zum Teil auch nicht in den besten Lebensverhältnissen leben, denn die Situation der Muslime in Indien ist wirtschaftlich, sozialökonomisch schlechter als die der hinduistischen Mehrheit. Dann ist es eigentlich bisher beruhigend und erfreulich, wie wenig Radikalisierung man sieht.

"Eine Art xenophobe Abwehr von monotheistischen Religionen"

Main: Mit Blick auf die indischen Muslime - womit haben Hindus, 80 Prozent der Bevölkerung, die größten Probleme?

Ross: Man kann schwer sagen, dass die Hindus insgesamt Probleme hätten. Es gibt sehr viele, die gar keine Probleme haben. Das ist, glaube ich, das Erste, was man vorweg schicken muss. Es gibt innerhalb der Mehrheitsbevölkerung manche, die den Islam als eine Art fremde Religion empfinden.
Man muss sich dabei vor Augen führen: Indien ist ein Land mit einem gewaltigen religiösen Pluralismus. Es gibt neben den Muslimen auch Sikhs, es gibt Parsen, es gibt Jain. Viele dieser Religionen, obwohl sie nicht im strengen Sinne zur Familie des Hinduismus gehören, sind aber einheimisch. Das ist beim Christentum und beim Islam anders. Das sind Religionen, die gewissermaßen aus der Fremde kommen. Und daher gibt es bei indischen Nationalisten manchmal eine Art xenophobe Abwehr dieser monotheistischen Religionen. Das spielt eine Rolle, unterschiedlich stark, in der politischen Welt, aus der Modi, der gegenwärtige, noch relativ neue Ministerpräsident stammt. Da spielt es eine große Rolle.

Main: Modi, Sie sprechen ihn an, er gehört einer offen islamfeindlichen Bewegung an. Inwieweit hat sich das bisher umgesetzt in Regierungshandeln?

Ross: In Regierungshandeln hat es sich nicht umgesetzt. Er achtet sehr streng darauf, keine Religionspolitik zu machen als Premierminister. Was es allerdings gibt, sind teilweise islamophobe, teilweise richtig hetzerische Stimmen aus seiner eigenen Partei. Diese Stimmen werden nicht ermutigt, die werden sogar zurechtgewiesen, sie werden aber auf eine sehr eigentümliche Weise zurechtgewiesen. Es wird ihnen gesagt: Lenkt mal bitte nicht ab von unserer politischen Agenda, die auf wirtschaftliche Entwicklung geht. Es wird also nicht direkt gesagt: Was ihr da sagt, ist falsch und verwerflich. Und diese fehlende Direktheit der Konfrontation mit den islamophoben Kräften in seiner eigenen politischen Bewegung, das ist schon etwas, was man ihm vorhalten muss.

Main: Umgekehrt: Dass ein Hindu-Nationalist das Land regiert, hat das wiederum Muslime angestachelt?

Ross: Was ich spüre, ist eine Art politische Entfremdung vom Mainstream unter den Muslimen. Sie müssen sich vorstellen, die muslimische Community in Indien hat fast geschlossen gegen Modi gestimmt. Nun haben alle kollektiv die Erfahrung gemacht, dass ihre Stimme gewissermaßen nichts gezählt hat. Das führt natürlich dazu, dass man sich mit dem politischen System, in dem man lebt, in dem man bisher eigentlich auch ganz gut und friedlich gelebt hat, dass es eine Art Identifikationskrise gibt. Die Frage, ob aus dieser Identifikationskrise mehr Gewalt hervorgehen könnte, die kann man noch nicht wirklich beantworten. Dazu sind diese ganzen Entwicklungen einfach zu jung. Aber das ist natürlich etwas, worüber man sich als Beobachter und worüber sich auch die indischen Sicherheitskräfte Sorgen machen.

Main: Es ist ja oft so, dass extreme Stimmen gehört werden. Wie laut sind denn die Stimmen gemäßigter Inder, egal ob Muslime oder Hindus, also jene, die sich offen zu Vielfalt in Indien bekennen, zu einer Art Verfassungspatriotismus?

Ross: Das ist eigentlich die indische Normaltemperatur, würde ich mal sagen. Der Regelfall ist der einer funktionierenden multireligiösen Gesellschaft. Funktionierend in dem nicht gerade perfektionistischen Rahmen, in dem in Indien Dinge funktionieren. Also, es nicht die Schweiz. Aber der Grundtenor ist der eines friedlichen Zusammenlebens. Was ich beobachte oder zu beobachten meine, ist, das es bei vielen Hindus einen stärkeren Wunsch nach Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln oder Orientierung über die eigene Identität gibt.

Main: Woher kommt das?

Ross: Ja, das kommt, glaube ich, daher, dass die indische Staatsideologie, wenn man das mal so sagen kann, nach der Unabhängigkeit des Landes 1947, fast religionsfern, wenn nicht religionsfeindlich gewesen ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass in den Schulen die religiösen Texte der eigenen Überlieferung gelesen werden. Das versucht man jetzt, sich neu zu erschließen. Im Grunde genommen ein heilsamer und vernünftiger Prozess, der aber teilweise diese aggressive islamophobe Form annehmen kann. Das ist eine ambivalente Geschichte. Es ist sehr zu hoffen, dass das im Rahmen einer friedlichen kulturellen Selbstvergewisserung im Wesentlichen geschehen kann. Aber man sieht eben auch diese aggressiven Ausreißer.

"Hinduismus ist eine spirituell und kultisch andere Welt"

Main: Es gibt ja immer wieder auch Berichte über Übergriffe gegen Christen. Die Täter seien immer extreme Hindus, heißt es. Welche Rolle spielt das in der indischen Öffentlichkeit?

Ross: Das wird wahrgenommen, zumal hier in Delhi, wo ich lebe, wird das stark wahrgenommen. Es hat nicht die quantitativen Dimensionen, die die Problematik der Muslime hat. Einfach weil es sehr viel weniger sind. Es sind einfach nur ein Paar Millionen Christen, die hier in Indien leben. Es sind einfach sehr viel weniger. Es gibt das Terrorismus-Problem nicht. Die Sache ist ein ganzes Stück weniger brisant. Aber dieses Misstrauen, das ich am Anfang skizziert habe gegenüber einer fremden Religion, einer Religion, die aus einer anderen Weltgegend kommt, das ist beim Christentum auch vorhanden, womöglich noch verschärft dadurch, dass es eben die Religion der ehemaligen britischen Kolonialherren war. Also, die Religion von Fremdherrschaft. Diesen Vorbehalten begegnet man manchmal.

Main: Bestimmte christliche Kreise, etwa Ordensleute, vor allem Jesuiten, die solidarisieren sich stark mit Muslimen in Indien. Gilt dies auch für andere christliche Konfessionen - und woraus resultiert das?

Ross: Ich kann es nicht quantitativ beschreiben. Aber woraus es resultiert, ist relativ klar: Man befindet sich in einer vergleichbaren Situation, in der man von diesen hindunationalistischen Kräften verdächtigt und belästigt wird. Das ist eine Gemeinsamkeit. Es kommt aber noch etwas anders hinzu: Wenn sie beispielsweise als Christ in Indien leben - Sie erkennen natürlich wie nah, was die religiöse Praxis angeht, Christentum und Islam sind, wenn sie es mit den ganz anderen religiösen Vorstellungen und auch der ganz anderen rituellen Welt des Hinduismus vergleichen. Das, was bei uns oft nur Gerede ist, sozusagen die drei abrahamitischen Religionen, wie es auf allen möglichen Podien immer bequasselt wird, das erlebt man hier als eine sehr konkrete Realität. Und im Verhältnis dazu ist der Hinduismus eine spirituell und kultisch andere Welt.

Main: Abschließend: Ein Jahr Premierminister Modi - mit Blick auf die Religionspolitik - sind Sie eher positiv oder eher negativ überrascht?

Ross: Ich bin nicht überrascht. Es ist genauso bedenklich, aber nicht katastrophal, wie ich es erwartet hatte. Die Tendenzen sind eher unerfreulich; aber sie sind nicht so unerfreulich, dass man jetzt sagen müsste, die Religionsfreiheit in Indien steht vor dem Zusammenbruch. Man spürt, dass man es mit Leuten zu tun hat, denen das Bekenntnis zur Religionsfreiheit nicht leicht fällt.

Main: Jan Ross, Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit" in Neu Delhi, über die religiöse Vielfalt in Indien knapp ein Jahr nach der Amtsübernahme durch den hindunationalistischen Premier Modi. Danke Ihnen ganz herzlich für diese Eindrücke.

 

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