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StartseiteLange NachtMut zu denken08.02.2014

Mut zu denken

Eine Lange Nacht über Ludwig Marcuse

Er wurde Ende des 19. Jahrhundert in das Berliner Großbürgertum hineingeboren. In der großspurig selbstverliebten Welt des Wilhelminismus verlebte der kleine Ludwig eine unbeschwerte Kindheit, umgeben von einer jüdischen Großfamilie, als einziger Sohn des Fabrikanten Marcuse maßlos verwöhnt, ein eigenwilliger Kronprinz, dem große Freiheiten zugestanden wurden.

Von Renate Eichmeier

Ein schwarz-weiß Porträt von Ludwig Marcuse. (picture-alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)
Der Philosoph, Kulturkritiker und Publizist Ludwig Marcuse im Jahre 1969. (picture-alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)

Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zerstörten das Kindheitsidyll nachhaltig. Nach dem Ersten Weltkrieg starb der Vater, das Vermögen verschwand in den Krisen der 20er-Jahre. "Was wird man, wenn man nicht gelernt hat zu parieren? Freier Schriftsteller!" Ludwig Marcuse schrieb Theaterkritiken und Essays, philosophische Bücher über Glück und Unglück, Porträts, Polemiken, Biografien über Heinrich Heine, Ignatius von Loyola, Richard Wagner, Ludwig Börne ... und auch zwei Autobiografien: Erstaunlich ehrlich behandelt er seine Stoffe inklusive sich selbst, eigensinnig im besten Sinne des Wortes.

Er war einer, der sich den Mut, selbst zu denken, nicht nehmen ließ, nicht von Freunden oder Feinden, nicht von Ideologien und Religionen, nicht von gesellschaftlichen Konventionen, dem sogenannten Zeitgeist oder politischen Notwendigkeiten. So sind spannende Werke voller provokanter Erkenntnisse und brillanter Aphorismen entstanden.

1933 floh er vor den Nazis zunächst nach Frankreich und dann weiter in die USA, wo er am Pazifik eine neue Heimat fand – wie viele seiner Freunde: Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Erika Mann, die Sängerin Fritzi Massary ... Nicht ganz freiwillig kehrte er 1962 nach Deutschland zurück, aber heimisch wurde er nicht mehr in diesem Land.

 

Links zum Thema

Dem jüdischen Großbürgertum entstammend, nahm Marcuse nach Beendigung der Schulzeit im Jahr 1913 ein Studium der Philosophie in seiner Heimatstadt auf. Weiterlesen bei Wikipedia:

Werken und Schriften von Ludwig Marcuse (und mehr): Bibliografie Ludwig Marcuse

Wer ist Ludwig Marcuse? "Die Zeit" am 2. September 1960

 Ludwig Marcuse - ein Anti-Intellektueller? 

Ludwig Marcuse über sich selbst: "Er war immer ein forscher Schreibtisch-Kämpfer, auf der guten Seite, bisweilen nicht unbegabt; aber wären seine Geschosse nicht abgefeuert worden, wir wären heute genau dort, wo wir sind."

"Herbert oder Ludwig?" Anfang der 1970er Jahre hat nicht nur die Zeitschrift "konkret" die beiden Marcuses verwechselt, die neben dem gleichen Familiennamen auch erstaunliche biografische Gemeinsamkeiten aufweisen: Beide sind promovierte Philosophen, stammen aus jüdischen Familien, haben als junge Männer zuerst begeistert am Ersten Weltkrieg, dann nicht minder begeistert an der Revolution teilgenommen, waren vor den Nazis in die USA geflohen und dort als Professoren an Universitäten untergekommen.

Ludwig Marcuse etablierte sich bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, schrieb u. a. für die renommierte "Zeit" und den Bayerischen Rundfunk, provozierte mit Themen wie "Das Obszöne in der Literatur" und griff den Nazimief an, der noch vielerorts herrschte. Als streitbarer Publizist war er präsent in der damals gut überschaubaren Medienlandschaft und lieferte mit seiner 1960 erschienen Autobiografie "Mein zwanzigstes Jahrhundert" einen Bestseller. Dann fegten die studentenbewegten 60er Jahre über die verstaubte Bundesrepublik. Als Philosoph der Frankfurter Schule avancierte Herbert Marcuse zum intellektuellen Guru der aufbegehrenden Studenten. Ludwig Marcuse hingegen war als bekennender Individualist skeptisch gegenüber allen politischen und sonstigen Bewegungen und befand sich schnell auf Kriegsfuß mit den jungen Linken. Er fühlte sich falsch verstanden und zitiert und zog sich gekränkt zurück: "Heutzutage sind nicht nur die Dramatiker politisch engagiert, sondern auch die Berichterstatter. Sie dichten Berichte. Man ist so engagiert, dass man falsch hört."

Das spannungsreiche Leben von Ludwig Marcuse spiegelt das 20. Jahrhundert in Europa wider - mit all seinen Höhenflügen, Brüchen und Brutalitäten. Marcuse wurde Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Großbürgertum geboren und verlebte in der selbstverliebten Welt des Wilhelminismus eine unbeschwerte Kindheit, umgeben von einer jüdischen Großfamilie, als einziger Sohn des Fabrikanten Marcuse "maßlos verwöhnt", ein eigenwilliger "Kronprinz", der große Freiheiten genoss und sich kaisertreu und kriegseuphorisch gab wie die ganze wilhelminische Welt im Vorfeld des Ersten Weltkrieges.

Die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts zerstörten das Kindheitsidyll nachhaltig. Nach dem Ersten Weltkrieg starb der Vater, das Vermögen verschwand in den Krisen der 20er Jahre. "Was wird man, wenn man nicht gelernt hat zu parieren? Freier Schriftsteller!" Ludwig Marcuse schrieb Theaterkritiken und Essays, philosophische Bücher über Glück und Unglück, Porträts, Polemiken, Biografien zu Heinrich Heine, Ignatius von Loyola, Richard Wagner, Ludwig Börne ... Erstaunlich ehrlich behandelt er seine Stoffe inklusive sich selbst, eigensinnig im besten Sinne des Wortes. Er war einer, der den Mut hatte, selbst zu denken, unabhängig von Freunden oder Feinden, von Ideologien und Religionen, von gesellschaftlichen Konventionen, dem sogenannten Zeitgeist oder politischen Notwendigkeiten. So sind spannende Werke voll provokanter Erkenntnisse entstanden: "Wer 1933 erwachsen war, ist nach 1945 bescheidener geworden als jeder Aufrechte, der die Vergangenheit seiner Eltern bewältigt, statt mit der eigenen Gegenwart fertig zu werden."

1933 floh er vor den Nazis zunächst nach Frankreich und dann weiter in die USA, wo er in Los Angeles eine neue Heimat fand - wie viele seiner Freunde: Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin, Thomas Mann, die Sängerin Fritzi Massary ... Nicht ganz freiwillig siedelte er 1962 wieder nach Deutschland über, nach Bad Wiessee, in ein Reihenhaus am Ende einer Sackgasse. Ein einsamer Zurückgekehrter. 1971 starb er und hinterließ Bücher, deren Frische und Aktualität ungebrochen ist. Am 8. Februar 2014 ist sein 120. Geburtstag. Höchste Zeit, ihn wiederzuentdecken.

Die Recherchen für die Lange Nacht über Ludwig Marcuse haben spannendes Material zutage gefördert: in den Archiven des Bayerischen Rundfunks und des Instituts für Zeitgeschichte in München, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und vor allem in der Feuchtwanger Memorial Library in Los Angeles, was möglich war dank eines Forschungsstipendiums der University of Southern California.

Die Zitate in der Langen Nacht stammen aus den Archivmaterialien oder aus folgenden Büchern:

Ludwig Marcuse:
Mein zwanzigstes Jahrhundert
Auf d. Weg zu e. Autobiographie.
Zürich 1975

Auf fast vierhundert zärtlichen, zornigen, wirklichkeitssatten Seiten geht er daran zu demonstrieren, was es eigentlich hieß, in sechzig Jahren deutscher Geschichte ein vom Hegelschen Weltbild und seinen linken und rechten Bewunderern missachteter einzelner zu sein. Zu den instruktivsten Partien dieser historischen Chronik wider Willen zählen die Porträts, die sich zu einer ganzen Galerie der Dreißigerjahre (und mehr) zusammenfügen. Jene Gestalten, die dem jüngeren Leser schon hinter der papierenen Mauer politischer Legenden zu verschwinden drohen oder von der Literaturgeschichte in glatten Marmorposen zurechtgerückt sind, leben hier noch einmal als Wesen von Nerv und Blut: Joseph Roth, Ernst Toller, Ernst Bloch, der junge Bert Brecht, Georg Lukacs, Heinrich Mann, Franz Werfel, Bruno Frank, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann.

Ludwig Marcuse
Nachruf auf Ludwig Marcuse
Zürich 1975
Ludwig Marcuse hat seinen ›Nachruf auf Ludwig Marcuse‹ 1969 zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. - Da versucht Marcuse ... endlich die Wahrheit über Marcuse zu sagen... Ein ›bejahrter Philosophiestudent‹, wie er sich mit siebzig Jahren titulierte, ein Kritiker, der eine ganze Zivilisation, sein ›zwanzigstes Jahrhundert‹, so lange witzig und kritisch kommentiert hat, bis er zuletzt sich selber auseinandergenommen hat: ein Kulturkritiker am eigenen Ich.

Ludwig Marcuse
Ludwig Börne
Aus der Frühzeit der deutschen Demokratie
Zürich 1977

Harold von Hofe (Hg.)
Briefe von und an Ludwig Marcuse.
Zürich 1975

Vom großbürgerlichen Kronprinzen zum Weimarer Journalisten

Marcuse über sich selbst: "Darin ähnle ich meinem Vater im Eigensinn und im Jähzorn, der in unserer Familie offenbar erblich war. Vater - gütig, rational, diszipliniert - schrie dennoch im Jähzorn so laut, dass auch die schnell geschlossenen Fenster nicht viel dämpfen konnten. Onkel riss im Anfall am Tischtuch der gut gedeckten Mittagstafel, sodass die pompöse, vollgefüllte Suppenterrine, die funkelnden Römer, viel Meißner Porzellan in Scherben auf dem echten Perser schwammen."

Auszug aus dem Manuskript:

Marcuse: Als einmal - ich war vielleicht elf - aus meiner Matrosen-Bluse ein Zehnpfennig-Heft fiel, mit dem Titelbild "Die tolle Lola" - sie hatte rote Haare und lag auf einem Diwan, die langen Flechten flossen bis auf den Boden hinab - fiel meine Mutter in eine ihrer echtesten Ohnmachten.

Henni: Entsetzt über das Titelbild: Entsetzt darüber, dass du unsere gemeinsame Kasse bestohlen hast, sehe ich Mutter noch weinend mit hochrotem Kopf bei Großmutter an dem Fenster sitzen, das auf den Hof führt. Unsere Eltern waren blind für unser Heranwachsen. Als ich noch nicht 13 war, bekam ich meine erste Periode. Ich überlegte hin und her, wie das Mutter beizubringen. Mutter reagierte so: "Hätte ich das gewusst, hätte ich dich nicht auf die Eisbahn für vier Stunden gelassen." Ausnahmsweise hatten die Eltern Theater-Karten für den Abend. Mutter wollte durchaus nicht gehen. Ich drang darauf, "da es ja keine Krankheit ist." So wurde Tante Franziska beauftragt, an meinem Bett zu sitzen und mir Binden zu nähen. Franziska versuchte mich auszuhorchen. "Woher hast du denn das gewusst? Erzähle nur nichts Luuuuudwig. Bei manchen kommt es früher, bei manchen später. Vielleicht ist er noch nicht so weit." Ich verzog keine Miene. Kaum aber war die gute alte Jungfer fort, lachten wir beide aus vollem Hals.

Erzählerin: Sommer 1914. Ludwig war zum Studium in Freiburg

Marcuse: Einen Monat vor Ferienbeginn kam der Kompagnon meines Vaters und lud uns zu einem solennen Mahl in den Zähringer Hof. Er hieß Katz und war an jenem Abend leichenblass: ‚Der Thronfolger Franz Ferdinand ist in Sarajewo ermordet worden.’ Uns erschütterte diese Nachricht mitnichten. Am nächsten Tag erkundigten wir uns bei den Gleichaltrigen: ob dies Sarajewo wirklich so wichtig sei. Alle meinten: Viele alte Leute interessieren sich eben für Politik.

MUSIK: Drescherlied

Und nun wollen wir sie dreschen,
ihre Niedertracht zu löschen,       
den Kosaken in die Lausejacken, 
den Franzosen auf die roten Hosen,     
und den ganz perfiden Briten       
nehmen wir in uns're Mitten
und verhaun mit blankem Säbel  
ihm den frechen Bullenschädel.

Refrain:    
Kaiser Wilhelm hoch, Kaiser Wilhelm hoch!    
Dreschen, dreschen, dreschen, dreschen,     
klapp, klapp, klapp, klapp, klapp, klapp, klapp!     
Kaiser Wilhelm hoch!  

Marcuse: Ende Juli traf ich einen meiner respektabelsten Seminar-Genossen, Helmuth Falkenfeld, in der Goethestraße. Er sagt verzweifelt: "Haben Sie schon gehört, was passiert ist?" Ich sagte voll Verachtung und gottergeben: "Weiß schon, Sarajewo." Er sagte: "Nein, morgen fällt das Rickert-Seminar aus." Ich sagte erschrocken: "Ist er krank?" Er sagte: "Nein, wegen des drohenden Krieges." Ich sagte: "Was hat das Seminar mit dem Krieg zu tun?" Er zuckte schmerzlich die Achseln. Er war der Hauptleidtragende, denn er sollte das Referat halten. Das war damals eine hohe Auszeichnung.

Erzählerin: Die kaiserliche Show war zu Ende. Die politische Unbedarftheit und der nationale Überschwang rächten sich.

Marcuse (leise): Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande!

Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt! Zu Großem sind wir noch bestimmt und herrlichen Tagen führe ich Euch entgegen!

(dann laut) Ich verstand nicht, was vorging.

Erzählerin: Der Sommer 1914 war heiß. Die Menschen hockten in Biergärten oder sonnten sich in Strandbädern, weniger träge als die Jahre vorher, nervös, manche besorgt, viele erwartungsvoll, kampfbereit: die deutsche Flotte, die preußische Armee, ein großes deutsches Kolonialreich, ein Platz an der Sonne. Ende Juli Anfang August stürzte Europa rasend schnell in den Ersten Weltkrieg. Österreich-Ungarn, Serbien, Russland, Frankreich, das Deutsche Reich, Großbritannien: Mobilmachung erfolgte auf Mobilmachung und Kriegserklärung auf Kriegserklärung. In den europäischen Städten taumelten die Massen vor Begeisterung, in Paris, Wien, London, Sankt Petersburg ... In Berlin kam der Verkehr zum Erliegen. Tausende zogen bei strahlendem Sonnenschein durch die Straßen, sangen "Heil dir im Siegerkranz", füllten die Straßen und Plätze, sammelten sich Unter den Linden, am Dom und vor dem Schloss. Wilhelm II. zeigte sich seinen jubelnden Untertanen im mittleren Fenster der ersten Etage, an seiner Seite die Kaiserin. Im Reichstag verkündete er später: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Die Massen waren ekstatisch, Männer, Frauen, Kinder, Arbeiter und Bürger, Intellektuelle und Nicht-Intellektuelle, Künstler und Künstlerinnen wir Fritzi Massary und Max Pallenberg, Geistesgrößen wie Thomas Mann und Max Weber, Katholiken, Protestanten, Juden.

Marcuse: Es gibt ganz gewiss auch gemeinsame Stunden im Leben einer Gesellschaft, wo sie zu einer Person zu gerinnen scheint; der Ausbruch des Kriegs ist gewöhnlich solcher Art.

Literatur

Michael Epkenhans, Andreas von Seggern
Leben im Kaiserreich.
Deutschland um 1900.
Stuttgart 2007
Kruppstahl und Jugendstil, Otto von Bismarck, Kaiser Wilhelm II. und Rosa Luxemburg, mondäne Seebäder und armselige Arbeiterwohnungen, neue Berufe und alter Adel: Das wilhelminische Deutschland war eine Welt von eigentümlichem Charme, eine Welt voll spannungsgeladener Gegensätze, im Aufbruch begriffen und rückwärtsgewandt zugleich, romantisches Idyll und nervöse Großmacht in einem.
Zwei renommierte Historiker porträtieren in diesem Band jene berauschende Epoche, in der Deutschland mit schwindelerregendem Tempo ins Zeitalter der Moderne raste.
Die zahlreichen, hier erstmalig veröffentlichten Fotografien, Plakate, Gemälde und Postkarten beleuchten Politik und Gesellschaft, Kunst und Wissenschaft, Mode und Lebensstil im deutschen Kaiserreich, und lassen den Leser eintauchen in die unvergleichliche Atmosphäre der "Belle Epoque".

Ruth Glatzer (Hsg.)
Das Wilhelminische Berlin
Panorama einer Metropole.
Berlin 1997

Carola Stern
Die Sache, die man Liebe nennt
Das Leben der Fritzi Massary.
Berlin 1998
Eine junge Soubrette kommt an das Berliner Metropol-Theater. Schön ist sie nicht, ein wenig zu klein, ein wenig zu füllig. Aber wie sie geht, ihre Grazie und ihr Charme, ihre Disziplin und Präzision machen Fritzi Massary zur berühmtesten Operettendiva der goldenen Zwanzigerjahre. Sie begegnet ihrer großen Liebe, dem Schauspieler Max Pallenberg. Doch zur Zielscheibe antisemitischer Propaganda geworden, müssen beide aus Deutschland fliehen. In Hollywood gewinnt Massary neue Freunde: die Werfels und die Manns, Ernst Lubitsch und Ludwig Marcuse.

Philipp Blom
Der taumelnde Kontinent.
Europa 1900 - 1914
München 2009
Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine atemlose Zeit: Sigmund Freud erforschte die dunklen Seiten der Seele. Die Physik entlockte der Materie das Geheimnis der Atome. Albert Einsteins Relativitätstheorie transformierte Raum und Zeit. Frauen forderten das Wahlrecht. In den Jahren zwischen der Weltausstellung 1900 in Paris und dem Beginn des Ersten Weltkrieges, bisweilen als Zeit der Ruhe vor dem Sturm verklärt, entstand das moderne Europa. Philipp Blom entfaltet anschaulich und unterhaltsam das facettenreiche Bild einer bewegten Epoche.

Christopher Clark
Die Schlafwandler
Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
München 2013

Bahnbrechende neue Erkenntnisse über den Weg in den Ersten Weltkrieg 1914

Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass das deutsche Kaiserreich wegen seiner Großmachtträume die Hauptverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug. In seinem bahnbrechenden neuen Werk kommt der renommierte Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark (Preußen) zu einer anderen Einschätzung. Clark beschreibt minutiös die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen und zeichnet das Bild einer komplexen Welt, in der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen zu einer Situation führten, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen, dessen verheerende Folgen kaum jemand abzuschätzen vermochte. Schon jetzt zeigt sich, dass "Die Schlafwandler" eine der wichtigsten Neuerscheinungen zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sein wird.

Als Schriftsteller ins französische Exil

Marcuse über sich selbst: "Der Zwanzigjährige steht mickrig da, obwohl es während des Ersten Kriegs auf dem Gut seines Onkels im ostpreußischen Drugehnen, Butter und Fleisch gegeben hatte: Er steht mickrig vor einer Brandmauer, als sollte Er in der nächsten Minute erschossen werden; schlotternd in seiner Landwehr-uniform, der Helm zog den bleichen, mageren Langschädel noch in die Länge. Er war kaum da, zum Umpusten. Zehn Jahre später ist ein fetter Bourgeois im väterlichen Nerz zu besichtigen, aufgetrieben von Gemüse, in Butter gedünstet, und von zahllosen Torten, die unter Bergen aus Schlagsahne lagen."

Auszug aus dem Manuskript:

Erzählerin: Die Goldenen Zwanzigerjahre in Berlin. Theatermacher, Künstler, Literaten waren in Hochform. Die wirtschaftliche und politische Situation hatte sich stabilisiert, und der rundliche Bourgeois Ludwig Marcuse war erfolgreicher Journalist und Publizist. Die Berliner Luft knisterte vor Kreativität und Arbeitswut. Marcuse kannte die zukünftig Großen und schon Etablierten des Literaturbetriebs: Bertolt Brecht, Georg Kaiser, Oskar Maria Graf, Toller und Hasenclever, er hing in den Kaffeehäusern ab und hatte die Liebe seines Lebens gefunden: die junge lustige Sascha.

Marcuse: Sie war ein kleiner bunter Kreisel, der seine Farben oft wechselte - und trug, als ich sie eines Abends auf dem Bahnhof Savignyplatz traf, ein grünes Hütchen. Sie war schon verlobt, der Verlobte hatte weiße Glacé-Handschuhe, war bei N. Israel angestellt und sehr für Bildung. Er folgte uns im Auto, wenn wir ausgingen.

Sascha: M. droht, aber ich will nichts mehr von ihm wissen.

Marcuse: Er war ein Angestellter, ein Angeketteter - und ich ein Mann, der so frei war, mit dem Kind bis nach Frankfurt auszuweichen, wohin zu folgen dem Gehalts-Empfänger nicht möglich war.

(...)

Erzählerin: Die Wirtschaftskrise machte Hunger auf Unterhaltung. Die Theater, Lichtspielhäuser und Varietés waren voll, "Die drei von der Tankstelle", "Der blonde Traum", Stars wie Heinz Rühmann und Lilian Harvey waren begehrt. In den Etablissements rund um Potsdamer Platz, Ku'damm und Friedrichstraße drängelten sich die Vergnügungswilligen. Im Sportpalast fanden internationale Wettkämpfe statt und Joseph Goebbels, Reichspropagandaleiter der NSDAP, testete hier sein Rednertalent vor versammelten Massen. Täglich wurden die Warteschlangen vor den Arbeitsämtern länger und die Obdachlosen in den Parks mehr. Auf den Straßen herrschte weitgehend Chaos und in den Köpfen Ratlosigkeit. Die Kommunisten organisierten Demonstrationen. Die Schlägertrupps der SA marschierten und randalierten. Die Schließung von Banken führte zu Massenanstürmen verzweifelter Menschen. Und die NSDAP erfreute sich reicher Spenden von Großindustriellen und eröffnetedas BrauneHaus in München als Parteizentrale.

Marcuse: Was bis dahin Mob gewesen war, hatte nun eine respektable Position; viele konnten nicht davon abgebracht werden, dass ein Prolet auf einem feinen Platz keiner mehr ist - oder sich wenigstens nicht so benehmen wird. Philosophen begannen bereits von nationalsozialistischer Weltanschauung zu sprechen und sie akademisch-vornehm mit der Goetheschen zu vergleichen.

(...)

Erzählerin: Frankreich war neben der Tschechoslowakei und der Schweiz eines der Hauptziele der Flüchtlinge aus Nazideutschland. In den Monaten April bis November 1933 kamen circa 40.000 Deutsche, 7.000 davon allein nach Paris, darunter viele Intellektuelle und Künstler: Sie hatten von einem Tag auf den anderen ihre bürgerliche Existenz verloren. Besitz und Vermögen wurden größtenteils beschlagnahmt, Staatsangehörigkeiten früher oder später entzogen. Geschockt, ohnmächtig, ohne Arbeit und Geld saßen sie in den Cafés von Montparnasse und wohnten in billigen Pensionen, während so mancher Kollege, der im Reich geblieben war, geradezu euphorisch seine nationale Ergriffenheit kundtat oder sich zumindest regimekonform gab: Martin Heidegger, Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler, sogar Theodor W. Adorno hat in der Zeitschrift "Musik" NS nahe Artikel veröffentlicht, lobte das Verbot des "Negerjazz" und die Vertonung von Gedichten des NS Jugendführers Baldur von Schirach. Und der große Dichter Gottfried Benn schwadronierte im Rundfunk:

Zitator: Über die deutschen Vorgänge kann man nur mit denen sprechen, die sie auch innerhalb Deutschlands selbst erlebten. Nur die, die durch die Spannungen der letzten Monate hindurchgegangen sind, die von Stunde zu Stunde, von Zeitung zu Zeitung, von Umzug zu Umzug, von Rundfunkübertragung zu Rundfunkübertragung, alles dies fortlaufend aus unmittelbarer Nähe erlebten, Tag und Nacht mit ihm rangen, selbst die, die das alles nicht jubelnd begrüßten, sondern es mehr erlitten, mit diesen allen kann man reden, aber mit den Flüchtlingen, die ins Ausland reisten, kann man es nicht. Diese haben nämlich die Gelegenheit versäumt, den ihnen so fremden Begriff des Volkes nicht gedanklich, sondern erlebnismäßig, nicht abstrakt, sondern in gedrungener Natur in sich wachsen zu fühlen.

(...)

Marcuse: Man ist sehr freigebig, wenn es los zu wettern gilt gegen die Hersteller von Lampenschirmen aus Menschenhaut. Man ist sehr wenig geneigt, das Furchtbare zu durchdenken, das viel unsensationeller ist: die unwahrscheinliche Rückgratlosigkeit der talentiertesten deutschen Gelehrten und Künstler, wie sie 1933 zum Vorschein kam und bis heute nicht zugegeben wird.

(...)

Erzählerin: Viele prominente und auch weniger prominente Exilanten tummelten sich ab 1933 in Sanary und Umgebung: Bertolt Brecht, Bruno Frank, Katja und Thomas Mann plus Familie, Egon Erwin Kisch und Alfred Kerr, Lion und Marta Feuchtwanger, Franz Werfel, Robert Neumann, Bruno Frank und Ernst Toller. Bevorzugter Treffpunkt waren zwei Cafés an der Hafenpromenade.

Marcuse: Bisweilen war ein guter Teil der besten deutschen Literatur im Dorf und saß im "Marine" oder bei der "Witwe Schwab". Sanary war ein sehr umfangreiches romanisches Café, mit Marmor-Tischen und Badehosen. Namentlich im Sommer wurde das Nest überfüllt von literarischen Kaisern.

Erzählerin: Marcuse fühlte sich wohl. Die Weimarer Intellektuellen-Szene war an der Riviera gelandet; und er selbst mit Sascha in einem sehr einfachen, aber idyllischen Häuschen mit kleinem Garten und Blick auf das Meer.

Marcuse: In dieser kleinen Bucht an einem der ausrangiertesten Gleise des Weltgeistes vergaß ich an den glücklichsten Tagen, dass ich nicht hier geboren war. Neben Eichkamp ist Sanary meine heimatlichste Heimat gewesen. Riviera und Côte d’Azur klingt viel zu großspurig für unser unscheinbares Asyl. Das Gartenhäuschen war so klein, dass ich mit ihm zusammenwachsen konnte. Der Winter war kurz und leicht - mit Rosen, weißem Thymian, frühen Mimosen und Nelken. Es war kein Winter, wenn man aus dem Norden kam. Im Januar wurde es schon wieder Frühling. Wir wanderten ins Land hinein; die Narzissen-Felder betäubten uns so schmeichelnd, dass ich noch in den trübsten Stunden zum Leben verführt wurde.

Literatur

Michael Bienert, Elke Linda Buchholz
Die Zwanziger Jahre in Berlin.
Ein Wegweiser durch die Stadt. Mit Weltkulturerbe-Guide.
Berlin 2013
Dreigroschenoper, Bubikopf, Dada, Bauhausarchitektur, Metropolis, Straßenkämpfe - der Mythos der Zwanziger Jahre prägt bis heute das Bild Berlins in der ganzen Welt. Er zieht Touristen in die Stadt und inspiriert die Berliner Stadtplanung und Architektur, das Theater, das Kino und die Literatur. An manchen Orten ist der Geist der Weimarer Republik noch greifbar: an Baustellen wie dem Alexanderplatz, auf S-und U-Bahn-Strecken oder in Wohnanlagen der Zwanzigerjahre, die in jüngster Zeit sorgfältig restauriert wurden. Die Umgestaltung der Museumslandschaft seit der Wiedervereinigung hat neue Anlaufpunkte geschaffen, an denen man sich über Film, Malerei, Design, Geschichte und Stadtentwicklung zwischen 1918 und 1933 informieren kann. Zum ersten Mal liegt nun ein Stadtführer vor, der hilft, die Zwanzigerjahre mit all ihren Facetten im wiedervereinigten Berlin wiederzuentdecken. Zahlreiche Abbildungen, Register und ein Serviceteil erleichtern die Orientierung.

Frank Berninger (Hrsg.)
Ulrike Voswinckel (Hrsg.)
Exil am Mittelmeer.
Deutsche Schriftsteller in Südfrankreich von 1933-1941.
München 2005 Bereits vor 1933 war die südfranzösische Küste Anziehungspunkt für Intellektuelle und Schriftsteller. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland wurde sie zu Arbeitsort und Exilstation für viele Emigranten. Dieses Buch zeichnet anhand bisher zum großen Teil unveröffentlichter Briefe und Dokumente aus den Nachlässen von Klaus und Erika Mann, Anette Kolb, Alfred Neumann und Hermann Kesten zahlreiche Schicksale deutscher Schriftsteller nach. Erstmals vollständig veröffentlicht wird dabei das Tagebuch von Alfred Neumann aus den Jahren 1940/41, das auf beeindruckende Weise den Alltag eines Exilanten schildert. Einen Alltag, der geprägt war von "Papierkriegen" und dem Kampf um Ausreisegenehmigungen, dem alle Emigranten im chaotischen und ihnen feindselig gestimmten Frankreich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ausgesetzt waren.
Das Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung in der Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek in München vom 12. Mai bis 18. November 2005.

Magali Laure Nieradka
Die Hauptstadt der deutschen Literatur
Sanary-sur-Mer als Ort des Exils deutschsprachiger Schriftsteller.
Göttingen 2010
Zwischen 1933 und 1941 lebten in Sanary-sur-Mer, einer kleinen Mittelmeergemeinde zwischen Marseille und Toulon, rund fünfzig deutsche Intellektuelle im Exil. Die bedeutendsten Schriftsteller der Weimarer Republik, darunter Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Bertolt Brecht und Franz Werfel, hielten sich in der "Hauptstadt der deutschen Literatur" Wochen, Monate oder Jahre auf, bevor sie meist nach Übersee emigrierten. Doch lang war der Weg vom Migrations- und Emigrationsort über den Erinnerungs- und den Gedächtnisort zum Gedenkort.
Inwiefern in Sanary, einem Paradebeispiel für den prozessualen Zusammenhang dieser verschiedenen Konzepte, alle vier Stufen durchlaufen werden, untersucht dieser Band. Die Autorin stützt sich bei ihrer akribisch recherchierten Darstellung auch auf bisher unveröffentlichtes Material sowie auf Interviews mit Zeitzeugen. Theoretisch bezieht sie sich dabei vor allem auf eine Kombination der Ansätze von Pierre Nora ("Les lieux de mémoire") und Etienne François / Hagen Schulze ("Deutsche Erinnerungsorte") und entwickelt diese weiter.

Klaus Uwe Fischer:
Ludwig Marcuses schriftstellerische Tätigkeiten im französischen Exil 1933-1939. Regensburg 1976

Los Angeles und die Bonner Republik

Ludwig Marcuse über sich selbst: ""Da gibt es ein Passbild aus Los Angeles. Er war in höchster Eile gewesen, das Büro war nur wenige Minuten offen, es stürmte, Er war lange Zeit nicht beim Friseur gewesen, die regennassen Haarsträhnen hingen tief ins aufgeregte Gesicht hinein ... Er fürchtete dann bei jeder Kontrolle angehalten zu werden - als Wahnsinniger? Als Verzweifelter? So muss Er oft im Jähzorn ausgesehen haben."

Studenten und Studentinnen der University of Southern California über Marcuse:

"Er erschien oft etwas verwirrt im Klassenzimmer. Meistens kam er gerade von zuhause und war nervös quer durch Beverly Hills gefahren. Er war ein unberechenbarer Autofahrer. Einmal hatte er ja einen schweren Unfall. Wenn er dann vor der Klasse stand, hatte man das Gefühl, er fragte sich: Was zum Teufel mache ich hier?"

"Von seinen beiden Berufen Lehrer und Schriftsteller, hat sein Herz sicher dem letzteren gehört. Er schien immer froh zu sein, das Klassenzimmer verlassen und an seinen Schreibtisch zurückkehren zu können."

"Ich glaube, es war 1949. Wir waren beide für ein paar Tage in New York. Er nahm mich mit zu einer Party in einem luxuriösen Penthouse. Am nächsten Tag rief er mich an und fragte mit einer aufgewühlten Stimme, ob es möglich sei, dass ich sofort in sein Hotelzimmer komme. Als ich ankam, saß er auf seinem Bett, bleich, seine widerspenstigen Haare sahen noch wirrer aus als sonst. Klaus Mann hatte Selbstmord begangen. Er sollte einen Nachruf schreiben. Er wollte nicht, musste aber wegen Thomas Mann. Ob ich ihm helfen würde? Ich war entgeistert. Ich war ein junger Student, hatte gerade meinen Abschluss gemacht und noch nie was veröffentlicht ... Wir saßen an einem kleinen Tisch in seinem Raum. Er begann Notizen zu machen und gab sie mir. Zwei oder drei schmerzhafte Stunden später waren wir fertig."

Auszug aus dem Manuskript:

Erzählerin: Anfang 1960 reisten Marcuses in die Bundesrepublik mit der Option, eventuell zu bleiben. Wie schon früher verbrachten sie einige Zeit am Tegernsee, in der Privatklinik Jägerwinkel, die ihnen Fritzi Massary, ihre Freundin und Nachbarin in Kalifornien, empfohlen hatte. Die Arbeit für den Bayerischen Rundfunk lief gut. Im Sommersemester hatte Marcuse eine Gastprofessur an der Frankfurter Universität. Sein alter Freund Max Horkheimer hatte sie ihm besorgt. Er war Anfang der 50er Jahre mit dem Institut für Sozialforschung nach Frankfurt zurückgekehrt. Marcuse gab ein Seminar zu Heinrich Heine, trank Wein mit Horkheimer, mischte sich in universitäre Intrigen ein, überwarf sich mit Horkheimers Kollegen Theodor W. Adorno und bereitete eine brisante Sendung für den Bayerischen Rundfunk vor.

Marcuse: Lese nur unanständige Romane, weil ich Ende Mai ein Rundfunkgespräch habe über das Obszöne. Meine These: Man soll Pornografie auch dann nicht verbieten, wenn sie nicht künstlerisch gestaltet ist. Weshalb den armen Leuten ihr Vergnügen nehmen? Niemand kann soviel vögeln, wie er möchte. Da ist ein Ersatz ganz wichtig. Das werde ich sagen. Lese die Rochefort, Henry Miller - das Wort Penis ist mir geläufiger als Brot.

Erzählerin: Für Juni 1960 plante Gerhard Szczesny eine Sendung zum Thema "Das Obszöne in der Literatur", damals hochaktuell: Schund oder Kunst? International sahen sich Schriftsteller wie D. H. Lawrence, Jean Genet oder Henry Miller mit dem Vorwurf der Pornografie konfrontiert und teilweise auch juristisch verfolgt. In der Bundesrepublik verbot § 184 Strafgesetzbuch die "Verbreitung unzüchtiger Schriften", ein Paragraf, mit dem nicht nur Produzenten von Pornoheftchen belangt wurden, sondern auch renommierte Verlage wie Rowohlt oder Merlin. Die Sendung rührte an den Nerv der Zeit. Marcuse schrieb einleitende Überlegungen zum "Obszönen in der Literatur", an die sich eine Studio-Diskussion anschloss.

Szczesny: Wir hatten zunächst daran gedacht, eine Dame an diesem Colloquium teilnehmen zu lassen -

Erzählerin: - so Gerhard Szczesny -

Szczesny: - aber es ist uns dann doch niemand eingefallen, der den Anforderungen gewachsen wäre.

Erzählerin: So blieben die intellektuellen Herren unter sich und lieferten eine unterhaltsame Diskussion, die den Geist ihrer Zeit widerspiegelte.

Neben Ludwig Marcuse waren beteiligt: Rudolf Walter Leonhardt, Feuilleton-Chef der "Zeit", der evangelische Pfarrer und Publizist Eberhard Stammler und Heinz Maria Ledig-Rowohlt, Chef des Rowohlt-Verlages, der unter anderem Henry Miller verlegte, sexuelle Darstellungen in der Literatur verteidigte und sich gegen Marcuses provokante These wehrte, die Darstellung von Sexuellem sei ein menschliches Bedürfnis und gerechtfertigt unabhängig von ihrer künstlerischen Form.

Zuspielung / Ausschnitt aus der Sendung:

Ledig-Rowohlt: Professor Marcuse, ist es wirklich so, dass man einen Freibrief ausstellen sollte für jede Form, sprachliche und literarische Form? Der Meinung bin ich doch nicht. Es gibt doch Schmutz und Schund.

Marcuse: Sehen Sie, Herr Ledig, wenn Sie sagen: Es gibt doch Schmutz und Schund, dann kommen wir wirklich ins Grenzenlose. Denn wer kann das definieren? Die einen halten dies Buch für Schmutz und Schund, die anderen jenes für Schmutz und Schund.

Wenn ein so ungeheures Bedürfnis in der Welt da ist, eine bestimmte Gattung von Gedrucktem zu lesen: Woher kommt das? Und was tut diese Gattung? Ist das wirklich schädlich? Ich kann aus meiner Jugend sagen, dass ich sehr viele Groschenhefte gelesen habe - zum Beispiel erinnere ich mich besonders an die tolle Lola - und dass ich nicht Schaden gelitten habe, sondern es war für mich eine Erleichterung und eine Erlösung. Und ich freue mich, dass ich einen Mann wie Havelock Ellis auf meiner Seite habe, der ganz klipp und klar sagt, die Erwachsenen brauchen das genauso wie die Kinder Märchen brauchen.

Pfarrer Stammler: Nun, Herr Marcuse, würde ich meinen, dass nicht alle Kinder Marcuses sind.

Erzählerin: Pfarrer Stammler hat Bedenken: Leser könnten mit der Darstellung sexueller Inhalte überfordert sein und sich der Orgie hingeben. Ledig-Rowohlt findet den Gedanken abwegig. Leonhardt von der "Zeit" sieht diese Gefahr nur bei Schundheftchen, nicht aber bei Literatur. Und Ludwig Marcuse verficht wie eh und je die Freiheit des Einzelnen.

Zuspielung / Ausschnitt aus der Sendung:

Marcuse: Jeder ist für sich verantwortlich und nicht irgendeine Zensur oder irgendein Staat oder so etwas. Wer es nicht will, kann es weglegen und braucht es nicht zu lesen, wer dagegen ist, möge dagegen sein, wem es etwas gibt, dem mag es etwas geben.

Erzählerin: Die Sendung provozierte. Dutzende Briefe landeten auf dem Schreibtisch von Gerhard Szczesny. Einige wenige Hörer waren angetan von der Offenheit der Diskussion, das Gros der Schreiber aber war empört.

Zitatorin: Was gestern geboten wurde, war ein Skandal. Was Herr Marcuse äußerte, war jenseits jeder Moral.

Zitator: Ich wünsche Herrn Marcuse in der nächsten Zeit einen (sanften) Schlag auf den Kopf von einem lieben Mitmenschen, damit sie verstehen, dass nicht alles auf der Welt erlaubt sein kann.

Zitatorin: Warum laden Sie Herrn Marcuse immer wieder vor Ihr Mikrofon?

Zitator: Entscheidend scheint mir, dass Sie einem Mann von den Ansichten Marcuses in Zukunft keine Gelegenheit mehr geben, an Ihrem Sender zu Wort zu kommen.

Literatur

Holger Gumprecht
New Weimar unter Palmen
Deutsche Schriftsteller im Exil in Los Angeles.
Berlin 1998
Anfang der vierziger Jahre hatte sich in Los Angeles eine deutsche Emigrantenkolonie gegründet, die heute als -Weimar am Pazifik- legendär geworden ist. Thomas Mann fand hier für ein Jahrzehnt seine Wahlheimat, die Auflagenmillionäre Emil Ludwig, Erich Maria Remarque und Hans Habe ließen sich am Pazifik nieder. Es folgten Leonhard Frank, Curt Goetz, Alfred Döblin, Bertolt Brecht, Bruno Frank, Alfred Polgar, Walter Mehring. Auf abenteuerlich-gefährliche Weise gelangten Lion Feuchtwander, Golo und Heinrich Mann, Franz Werfel über die Pyrenäen und Portugal in die Neue Welt.

Monika Boll
Nachtprogramm.
Intellektuelle Gründungsdebatten der frühen Bundesrepublik.
Münster 2004
Die geistige Neuorientierung nach 1945 führte von der Kulturnation zur bundesrepublikanischen Gesellschaft. Allmählich erst setzte sich gegen die anhaltenden Kassandrarufe rechter wie linker Kulturkritiker die Einsicht durch, dass man der fortschreitenden Vergesellschaftung allein durch die Anerkennung ihrer unhintergehbaren Faktizität würde begegnen können. Namentlich die reetablierte Soziologie hat in der frühen Bundesrepublik dazu beigetragen, diese Wende publik zu machen. Das hierfür nötige Forum fanden Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen, Rene König, Helmut Schelsky, u. a. in den ambitionierten Kulturredaktionen des Rundfunks.

Barbara Schäfer, Antonio Pellegrino (Hsg)
Nachtstudio.
München 2008
Mit Beiträgen von Monika Boll, Silvia Bovenschen, Hans Magnus Enzensberger, Mathias Greffrath, Gert Heidenreich, Tina Klopp, Jürgen Kolbe, Peter Laemmle, Christoph Lindenmeyer, Antonio Pellegrino, Leonhard Reinisch, Christian Schüle.

 Ludwig Marcuse - Zitate

 "Welche Realität ist real? Es gibt mehr Realitäten, als die Realisten ahnen."

"Liebe macht blind, aber nur die Blinden, nie die Sehenden."

 "Ich glaube an die Macht des Vorbildes, an den beispielgebenden Einzelnen, der zur Selbständigkeit erzieht, zum Mut, zu denken, was man denkt, zu fühlen, was man fühlt, zu wollen, was man will. Der beste Weg zum Selbst ist die Faszination durch ein anderes Selbst."

"Mit vielem rechnen Gescheite nicht, weil sie sich ein solches Maß an Dummheit nicht vorstellen können."

"Nur wer im Wohlstand lebt, schimpft auf ihn."

"Denken ist eine Anstrengung, Glauben ein Komfort."

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