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StartseiteForschung aktuellKein Grund zu Alarmismus09.11.2020

Mutierte Coronaviren aus NerzfarmenKein Grund zu Alarmismus

In Dänemark kursiert seit Wochen eine mutierte Variante von SARS-CoV-2. Ihr Ursprung sind Nerzfarmen, wo das modifizierte Virus von Tieren auf Menschen übersprang. Nach aktuellem Kenntnisstand sei der neue Erreger aber nicht besonders gefährlich, sagte der Virologe Richard Neher im Dlf.

Richard Neher im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Dänemark, Gjoel: Nerze stehen ihren Käfigen in einem Bauernhof in Gjoel in Nordjütland. (Ritzau Scanpix/AP/Mads Claus Rasmussen)
Brutstätten für Viren: Nerzfarm in Dänemark (Ritzau Scanpix/AP/Mads Claus Rasmussen)
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In Dänemark werden Millionen Nerze für die Herstellung von Pelzen gezüchtet. Auf engstem Raum zusammengepfercht sind die Tiere eine Brutstätte für Viren aller Art. Als kürzlich publik wurde, dass in den Zuchtfarmen eine mutierte Variante von SARS-CoV-2 kursiert, die bereits wiederholt auf Menschen übergesprungen ist, beschloss die dänische Regierung, sicherheitshalber die kompletten Bestände zu keulen, um zu verhindern, dass sich die neue Virusvariante weiter verbreitet.

Aus Sicht des Virologen Prof. Richard Neher von der Universität Basel ist die Gefahr, die von dem neuen Virus ausgeht, überschaubar. Dass Viren im Laufe der Zeit mutieren, sei nicht ungewöhnlich, sagte er im Deutschlandfunk. Das Risiko, dass sich der mutierte Erreger schnell verbreite und die Wirksamkeit potenzieller Impfstoffe beeinträchtige, sei aber eher gering. Man müsse die Entwicklung genau beobachten, doch Alarmismus sei zum derzeitigen Zeitpunkt nicht angebracht. 

Forscher in Schutzkleidung arbeiten an einem Medikament gegen Covid-19 (picture alliance / Zoonar.com / Robert Kneschke) (picture alliance / Zoonar.com / Robert Kneschke)Wie gefährlich sind Mutationen des Coronavirus?
Bei der Suche nach Medikamenten und einem Impfstoff gegen das SARS-CoV-2 untersuchen Forscher auch verstärkt die Mutationen. Nach ersten Studien können bestimmte Virus-Varianten besser in Zellen eindringen. Dass sie aber auch gefährlicher für den Menschen sind, gilt als unwahrscheinlich.

Uli Blumenthal: Mehr als 200 Menschen haben sich in Dänemark mit einer bei Nerzen aufgetretenen Variante des neuartigen Coronavirus infiziert. 1,9 Millionen der etwa 15 Millionen Nerze in Zuchtanlagen sind inzwischen getötet worden. Neben Dänemark sei SARS-CoV-2 auch bei Nerzen in den Niederlanden, Italien, Spanien, Schweden und den USA nachgewiesen worden, erklärte die Weltgesundheitsorganisation am Wochenende. Für Besorgnis sorgt in Dänemark allerdings der Umstand, dass sich zwölf Menschen mit einer "Cluster 5" genannten Mutation des Coronavirus infiziert haben, während die anderen weltweit beobachteten Coronaviren in den Tieren weitgehend "ähnlich" zu anderen verbreiteten Varianten von SARS-CoV-2 sind. Professor Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien am Biozentrum der Universität Basel: Was weiß man bislang über die von Nerzen übertragene Virusmutation "Cluster 5"?

Richard Neher: Wir wissen tatsächlich noch nicht so richtig viel über diese Variante. Wir wissen allerdings, dass einige der Mutationen, die in diesem Cluster aufgetreten sind, auch schon vorher beobachtet worden sind. Zum Beispiel die Mutation an der Position 453: Die ist auch in niederländischen Nerzbeständen schon beobachtet worden. Nun sind in diesem Cluster jetzt zwei zusätzliche Mutationen gefunden worden - auch in Spike-Proteinen. Aber über deren Bedeutung ist noch nicht genug bekannt.

Blumenthal: Und was weiß man bereits über die Übertragungsmöglichkeit dieses mutierten Virus von Nerzen auf den Mensch und dann auch von Mensch zu Mensch, gibt es da erste Erkenntnisse?

Neher: Na ja, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch hervorragend überträgt, das wissen wir ja bereits. Es scheint sich innerhalb der Nerzpopulation sehr gut zu übertragen und durchaus auch von Nerz auf Mensch. Wie sich die Übertragungsrate jetzt hier mit der Übertragungsrate von Mensch zu Mensch vergleicht, ist, glaube ich, nicht wirklich klar. Man muss dann auch immer sehen, dass die Exposition, das heißt die Konzentration an Viren, eine große Rolle spielt für die Übertragungsrate. Und die mag jetzt in einer Nerzfarm mit Hunderttausenden von Tieren dann auch um einiges größer sein als im typischen Mensch-zu-Mensch-Kontakt. Da würde ich keine voreiligen Schlüsse ziehen wollen, wie viel diese Virusvariante übertragbar ist zwischen Mensch und Mensch, Nerz und Mensch und so weiter.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Blumenthal: Kann es sein, dass Dänemark - wenn es nicht gelingt, diese Übertragung Nerz auf Mensch zu stoppen - mit einem veränderten Virustyp einen neuen Hotspot hat?

Neher: Das ist sicherlich das, was die dänischen Behörden hier als einen der Hauptgründe angeführt haben. Ich denke aber nicht, dass die Angst vor einem neuen Virustyp, der andere Eigenschaften hat, wirklich zu groß sein muss zum gegebenen Zeitpunkt.

Kein Grund für Alarmismus

Was wir wissen: Es sind sehr, sehr viele unterschiedliche SARS-CoV-2-Varianten am Zirkulieren. Manche haben Mutationen wie diese jetzt hier im Nerz beobachteten Viren. Auch für andere Mutationen sehen wir eine Reduktion der Erkennung durch existierende Antikörper. Also was hier in Nerzen passiert, das ist nicht per se sehr, sehr außergewöhnlich, wenn man sich nur die Mutationen anschaut, die diese Viren tragen. Da ist der Grund für Alarmismus eigentlich nicht in dem Maße gegeben, wie wir das jetzt in den vergangenen Tagen bemerkt oder erfahren haben.

Blumenthal: Besteht die Gefahr, dass diese veränderten Viren, die wir jetzt in den Nerzen nachgewiesen haben, dann zu einer durch Tiere übertragbaren Krankheit wird und sich viel stärker auch im Infektionsgeschehen manifestiert?

Neher: Ich denke, das ist zum gegebenen Zeitpunkt schwer abzuschätzen. Ich meine, es ist sicherlich richtig, dass diese Variante sich in der Nerzpopulation recht rasant verbreitet hat und dass wir Übertragungen von Nerz auf Mensch beobachtet haben.

"Tiere müssen derzeit nicht unsere Hauptsorge sein"  

Aber inwiefern das jetzt aus den Nerzen in Wildtiere und so weiter geht, ist zum gegebenen Zeitpunkt Spekulation. Ich denke, das ist eine Möglichkeit. Aber ich meine: Es gibt so viel menschliches SARS-CoV-2 im Moment, dass einige Beobachtungen in Tieren – Katzen, Haustieren, was auch immer – nicht wirklich unsere Hauptsorge sein müssen.

Blumenthal: Verändert dieser Nachweis der veränderten Viren vom Typ SARS-CoV-2 bei Nerzen jetzt irgendwie unser Herangehen und unseren Umgang mit der gegenwärtigen Pandemie und dem gegenwärtigen Infektionsgeschehen bei den Menschen?

Neher: Ich denke, dass diese Ausbrüche in Nerzen jetzt deutlich gemacht haben, dass es in Nutztierpopulationen, die ja doch in großer Zahl auf engem Raum gehalten werden, eine wirkliche Gefahr gibt, dass es SARS-CoV-2-Ausbrüche gibt, die dann auch ein Reservoir bilden können und auch ein bisschen eine Brutstätte für veränderte Varianten. Das ist was, was wir sicherlich auf dem Schirm haben müssen. Aber ich gehe nicht davon aus, dass es die Dynamik der Pandemie in irgendeiner Weise verändert zum jetzigen Zeitpunkt.

Blumenthal: Die neue Mutation namens Cluster 5, die man bei Nerzen nachgewiesen hat, welche Auswirkungen, welche Folgen und Konsequenzen hat das eigentlich auf die Diagnostik und die Therapie von SARS-CoV-2 bei Menschen? Was kann oder muss man daraus lernen?

Neher: Auf die Diagnostik haben diese Mutationen erst mal keinen wirklichen Einfluss. Sowohl die PCR- als auch die Antigentests werden diese Cluster-5-Variante als auch die anderen Varianten problemlos nachweisen können.

Antikörper erkennen die neue Virusvariante weniger gut

Was man wohl festgestellt hat – und das sind jetzt nur Aussagen, die ich aus der Pressekonferenz der Gesundheitsbehörden von Dänemark habe – ist: Die Neutralisation, das heißt die Erkennung dieser Virusvariante durch Antikörper in menschlichen Sera, die mit SARS-CoV-2-Varianten vom Frühjahr dieses Jahres infiziert waren, funkioniert bei dieser Cluster-5-Variante weniger gut. Das ist allerdings nicht die einzige Variante, die solche Signaturen zeigt. Es gibt andere zirkulierende Varianten mit anderen Mutationen, wo es auch eine solche leichte Reduktion der Erkennung des Virus durch Antikörper gibt. Das ist eine Sache, die muss man studieren, muss man sich genau anschauen. Aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jetzt Impfstoffe oder Antikörper nicht mehr vor diesem Virus schützen.

Blumenthal: Das heißt, es gibt keine Rückkopplung jetzt auf die gegenwärtig laufenden Entwicklungen von potenziellen Impfstoffen?

Neher: Ich meine, das ist eine Sache, die sehr genau beobachtet wird. Wir kennen das von den Grippeviren, wo ja die Impfstoffe immer wieder angepasst werden müssen an die zirkulierenden Viren, gerade aus dem Grund, weil sich das Virus verändert und dadurch die Impfstoffe weniger wirksam werden nach einer Zeit.

Eine Einzelmutation beeinträchtigt die Impfstoffeffizienz selten dramatisch

Aber es ist selten, dass eine einzelne Mutation die Impfstoffeffizienz dramatisch beeinflusst. Typischerweise – zumindest was wir von Grippe wissen – braucht es mehrere Mutationen an unterschiedlichen Stellen im Virus, dass wirklich für das Gros der Population dann die Antikörper oder die Impfung nicht mehr funktioniert. Das ist ein Prozess, der dauert – zumindest von dem, was wir aus der Historie von Grippe wissen – ein bisschen länger, als einfach nur mit einer Mutation schwarz-weiß den Impfstoff quasi abzuschalten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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