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StartseiteForschung aktuellMythos Desertifikation28.12.2006

Mythos Desertifikation

Ökologen gehen von einer begrenzten Erholung der Pflanzendecke im Mittelmeerraum aus

Seit der Jungsteinzeit, also seit über 10.000 Jahren, prägt der Mensch die Landschaft rund um das Mittelmeer. Seit dieser Zeit haben die Menschen das Land auf jede nur erdenkliche Weise genutzt: freie Flächen als Felder und Weiden, den Wald als Lieferanten für Bau- und Feuerholz. Die Pflanzendecke verkümmerte. Noch vor wenigen Jahren galt daher als Konsens in der Wissenschaft: Die Landschaft rund um das Mittelmeer wird zur Wüste. Forscher aus ganz Europa haben vor kurzem noch einmal genauer hingeschaut.

Von Joachim Budde

Im Frühjahr grün, im Sommer braun: Bergland an der Grenze zwischen der spanischen Exklave Melilla und der algerischen Grenze. (Rüdiger Maack)
Im Frühjahr grün, im Sommer braun: Bergland an der Grenze zwischen der spanischen Exklave Melilla und der algerischen Grenze. (Rüdiger Maack)

"Der Trend, den wir beobachtet haben: Entlang der gesamten Nordküste des Mittelmeeres – teils auch in Israel und der Türkei – erholt sich die Pflanzendecke. An der Südküste des Mittelmeers wird sie hingegen dünner."

Zu diesem Ergebnis kommt Stefano Mazzoleni, Ökologie-Professor an der Universität Federico II in Neapel. Zusammen mit Kollegen aus anderen Mittelmeer-Anrainerstaaten hat er die Entwicklung der Pflanzendecke rund um das Mittelmeer anhand von Luftbildern aus den vergangenen 70 Jahren untersucht.

Die Vegetation hänge hauptsächlich davon ab, wie das Land genutzt werde, sagt der Wissenschaftler. Über Jahrhunderte haben die Menschen dieser Region jedes Fleckchen Land, das dazu geeignet war, für die Landwirtschaft gerodet. Vom Wald blieb kaum etwas übrig.

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts änderte sich die Bewirtschaftung auf der europäischen Seite des Mittelmeers nach und nach. Maschinen lösten die traditionellen Methoden in der Landwirtschaft ab. Die alten Terrassen oder hoch gelegene, steile Flächen lohnten sich nicht mehr – Felder und Weiden fielen brach, verbuschten und verwaldeten.

"Vermutlich lag in der Vergangenheit die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf der Degeneration von Flächen mit natürlicher Vegetation. Wir haben hingegen zusätzlich die landwirtschaftlich genutzten Flächen einbezogen, darum zeichnen unsere Szenarien einen Erholungsprozess."

Denn die meisten bisherigen Studien zu diesem Thema im Mittelmeerraum kranken Mazzoleni zufolge daran, dass sie Beobachtungen auf einer kleinen Fläche oder über kurze Zeit auf ganze Landschaften und längere Perioden übertragen. Der Mythos Desertifikation, wie Mazzoleni ihn nennt, habe sich für das Mittelmeer so lange gehalten, weil es auch in der Wissenschaft Moden gebe.

Die Entwicklung an der afrikanischen Mittelmeerküste sieht anders aus: In diesen trockenen Regionen bestehe noch immer die Gefahr, dass die Pflanzendecke auf weiten Flächen dünner werde und sich schließlich eine Steppe oder Wüste bilden könne.

"Denn in diesen Gebieten machen weiterhin die traditionelle Überweidung und großer Populationsdruck der Vegetation zu schaffen."

Dieser Teil von Mazzolenis Ergebnissen ist allerdings umstritten: Denn zumindest für die Maghreb-Staaten kommt Christophe Neff vom Institut für Geographie und Geoökologie der Universität Karlsruhe zu einem anderen Ergebnis:

"In Nordtunesien haben wir den Prozess, […] der auch in anderen Maghreb-Ländern so langsam beginnt: Wir haben Zunahme von Wald- und Buschland."

Der Geograph arbeitet an einer Studie im Auftrag der "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" über die Folgen des Klimawandels für Tunesien mit und hat das nordafrikanische Land in den vergangenen Monaten mehrfach bereist. Auch hier ändert sich das Verhalten der Menschen. Als Beispiel nennt Neff Beobachtungen im Mogod-Bergland, einer der ärmsten Regionen Tunesiens. Dort lebten die Menschen noch vor 20 Jahren von Ziegenherden, die alles kahl fraßen.

"Wenn Sie heute in diese Gegend fahren, dann müssen Sie erst einmal lang nach diesen Ziegen suchen. Es gibt natürlich noch Ziegenherden, aber so ein massives Problem wie es damals war, ist es nicht mehr, und was natürlich extrem zugenommen hat, das Mogod-Bergland ist jetzt ein richtiges Waldland geworden. […] Ich war da selber auch sehr erstaunt, weil man in der Literatur teilweise andere Dinge liest […] Sie können sagen, dass von Bizerte bis an die algerische Grenze Sie einen […] 100 bis 200 Kilometer breiten Streifen haben, der mehr oder weniger aus dichtem Wald besteht. Ich denke, dass Tunesien […] mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat."

Nach Ansicht des Karlsruher Forschers wächst mit der Pflanzendecke die Waldbrandgefahr. Und die bringt neue Probleme mit sich – das hat dieser Sommer auf der iberischen Halbinsel gezeigt.

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