"Die ungarische Revolution wollte nicht in einem blutigen Aufstand sich entarten. Wir hatten darauf gerechnet, wir haben damit gerechnet, dass wir einen friedlichen Übergang von einer Diktatur, von einer Einparteiherrschaft in eine Mehrpartei-demokratisches System übergehen können. Dass so viele Opfer, blutige Opfer der Einmischung der Sowjetarmee gewesen waren, das ist nicht unsere Schuld..."
So resümierte im Exil Anna Kethly, Führerin der ungarischen Sozialdemokraten und Ministerin der Nagy-Regierung, jene Wochen. Die Niederschlagung des Aufstandes war ein hoher Preis, den die Sowjetunion jedoch zur Aufrechterhaltung ihres osteuropäischen Imperiums zu zahlen bereit gewesen war. Über die Folgen war sie sich durchaus bewusst. Wie Ungarn mit den verschiedensten Strategien im gesamten Zeitraum nach 1945 in die sowjetische Einflusssphäre eingebunden und wie sehr dann die Bewältigung des Aufstandes für die politischen Führungen beider Länder bestimmend wurde, das ist das Thema einer informativen Abhandlung des ungarischen Historikers und Direktors des Instituts zur Erforschung des Jahres 1956, Janos Rainer. Bewusst wurde Ungarn zum Land des "Gulaschkommunismus" gemacht. Die Menschen erfuhren eine Reihe wirtschaftlicher Zugeständnisse, das Trauma von 1956 bestand als unterbewusste Drohung allerdings fort:
"Mit der zeitlichen (...) und räumlichen (...) Relativierung konnte das System eine vergleichsweise günstige Beurteilung seiner selbst erreichen sowie eine durch Errungenschaften gestützte Legitimität..."
...fasst Rainer die Entwicklung zusammen. - Doch wie in der Psyche kommen auch in der Politik alle Verdrängungen irgendwann zurück. Dies zeigt Árpád von Klimó anhand der Konfrontation der öffentlichen und der privaten Erinnerung an 1956 sowie deren Stellenwert, als sich das kommunistische System Ende der achtziger Jahre aufzulösen begann. Einerseits gab es bis dahin die offizielle These der "Konterrevolution", andererseits forderten die Familienangehörigen bereits, die Opfer der Repression zu rehabilitieren. Angesichts dieses Drucks begann der sich herausbildende Reformflügel der Partei die Ereignisse des Oktober 1956 neu zu deuten. Eine nationale Sicht wurde in den Vordergrund gerückt, der Kampf gegen die sowjetischen Panzer. Dahinter verschwand allerdings der Aufstand gegen die eigene Diktatur, der eigentlich den "ungarischen Oktober" 1956 ausgelöst hatte. Auf diese Weise hatten jetzt die ungarischen Reformer aus dem Staats- und Parteiapparat einen Weg gefunden, der Gemeinsamkeiten mit der Optik der Opposition aufwies -, und nun konnten sie zusammenwirken, um das post-stalinistische System im Land abzuschaffen. Dieser Konsens einer gemeinsamen Sicht auf 1956 sollte allerdings den Systemwechsel zu Beginn der neunziger Jahre nicht lange überleben:
"Das Auseinanderfallen von offizieller, geglätteter Erinnerungspolitik im Bezug auf die nationale Geschichtskultur und privaten, widersprüchlichen und gegensätzlichen Erinnerungen wurde spätestens dann offenbar, als die Öffentlichkeit sich mehr und mehr pluralisierte. Erst dadurch ergibt sich aber die Chance für die komplexe, vielstimmige und widersprüchliche Wahrheit der Geschichte, in der es nicht nur Sieger und Verlierer, Täter und Opfer gibt."
Neben Ungarn widmet sich der Band, wie schon angedeutet, auch den anderen Konflikten des Jahres 1956, einschließlich der Auswirkungen auf die DDR. Detailliert zeichnet Ilko-Sascha Kowalczuk die Bestürzung in der SED nach, die Chruschtschows Enthüllungen über Stalin auf dem 20. Parteitag der KPdSU ausgelöst hatten. Doch in der DDR-Gesellschaft - quer durch alle Schichten und Bereiche - wirkte noch immer die Lähmung nach, die dem niedergeschlagenen Aufstand des 17. Juni 1953 gefolgt war. Hinzu komme: Die SED und ihr Sicherheitsapparat ...
"(...) hatten die Situation fest im Griff und konnten agieren, reagieren und waren kaum in der Situation, einer Entwicklung hinterher eilen zu müssen. Die sowjetischen Panzer in Ungarn festigten das Machtgefüge Ulbrichts."
Leider klammern in einem begleitenden Zeitzeugengespräch Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano den Komplex "Ungarn 1956" ganz aus. Sie gehen ganz allgemein der Frage nach, warum die Kommunisten blind an Stalin geglaubt hatten und wie dies durch den 20. Parteitag erschüttert worden war. Mentalitätsgeschichtlich ist dies zweifellos interessant, bleibt hier aber auch vergleichsweise abstrakt. Damit ist der Themenkreis des Jahrbuchs indes keineswegs erschöpft. Noch ein anderes, viel blutigeres Jubiläum wird angesprochen: Der erste Moskauer Schauprozess vom August 1936, der Auftakt zum Massenterror in Stalins Sowjetunion. Mehrere Beiträge analysieren und diskutieren, wie die Vernichtung aller in den Augen Stalins potentiell unzuverlässiger Gruppen zu neuen gesellschaftlichen Strukturen und Eliten führte. Bedauerlicherweise bleibt in allen Beiträgen diese Sicht auf den Hochstalinismus beschränkt. Bezüge zur Entwicklung nach Stalins Tod fehlen, obwohl sie sich aus dem anderen Schwerpunkt - dem Jahr 1956 - förmlich aufdrängen. Schließlich sind diese Parallelen und Herleitungen in der Realgeschichte jenes Jahres stets aufgetaucht und zitiert worden. Als Fazit insgesamt: Auch diese Ausgabe des Jahrbuchs garantiert mit ihrem internationalen Autorenkreis für ein breites Spektrum verschiedener Herangehensweisen und Interpretationen. Für die Auseinandersetzung mit dem historischen Thema "Kommunismus" liefert sie wieder zuverlässig wichtige Bausteine.
Rainer Tosstorff besprach: "Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006", herausgegeben u.a von Hermann Weber im Aufbau-Verlag, Berlin - 480 Seiten zum Preis von 75 Euro.
So resümierte im Exil Anna Kethly, Führerin der ungarischen Sozialdemokraten und Ministerin der Nagy-Regierung, jene Wochen. Die Niederschlagung des Aufstandes war ein hoher Preis, den die Sowjetunion jedoch zur Aufrechterhaltung ihres osteuropäischen Imperiums zu zahlen bereit gewesen war. Über die Folgen war sie sich durchaus bewusst. Wie Ungarn mit den verschiedensten Strategien im gesamten Zeitraum nach 1945 in die sowjetische Einflusssphäre eingebunden und wie sehr dann die Bewältigung des Aufstandes für die politischen Führungen beider Länder bestimmend wurde, das ist das Thema einer informativen Abhandlung des ungarischen Historikers und Direktors des Instituts zur Erforschung des Jahres 1956, Janos Rainer. Bewusst wurde Ungarn zum Land des "Gulaschkommunismus" gemacht. Die Menschen erfuhren eine Reihe wirtschaftlicher Zugeständnisse, das Trauma von 1956 bestand als unterbewusste Drohung allerdings fort:
"Mit der zeitlichen (...) und räumlichen (...) Relativierung konnte das System eine vergleichsweise günstige Beurteilung seiner selbst erreichen sowie eine durch Errungenschaften gestützte Legitimität..."
...fasst Rainer die Entwicklung zusammen. - Doch wie in der Psyche kommen auch in der Politik alle Verdrängungen irgendwann zurück. Dies zeigt Árpád von Klimó anhand der Konfrontation der öffentlichen und der privaten Erinnerung an 1956 sowie deren Stellenwert, als sich das kommunistische System Ende der achtziger Jahre aufzulösen begann. Einerseits gab es bis dahin die offizielle These der "Konterrevolution", andererseits forderten die Familienangehörigen bereits, die Opfer der Repression zu rehabilitieren. Angesichts dieses Drucks begann der sich herausbildende Reformflügel der Partei die Ereignisse des Oktober 1956 neu zu deuten. Eine nationale Sicht wurde in den Vordergrund gerückt, der Kampf gegen die sowjetischen Panzer. Dahinter verschwand allerdings der Aufstand gegen die eigene Diktatur, der eigentlich den "ungarischen Oktober" 1956 ausgelöst hatte. Auf diese Weise hatten jetzt die ungarischen Reformer aus dem Staats- und Parteiapparat einen Weg gefunden, der Gemeinsamkeiten mit der Optik der Opposition aufwies -, und nun konnten sie zusammenwirken, um das post-stalinistische System im Land abzuschaffen. Dieser Konsens einer gemeinsamen Sicht auf 1956 sollte allerdings den Systemwechsel zu Beginn der neunziger Jahre nicht lange überleben:
"Das Auseinanderfallen von offizieller, geglätteter Erinnerungspolitik im Bezug auf die nationale Geschichtskultur und privaten, widersprüchlichen und gegensätzlichen Erinnerungen wurde spätestens dann offenbar, als die Öffentlichkeit sich mehr und mehr pluralisierte. Erst dadurch ergibt sich aber die Chance für die komplexe, vielstimmige und widersprüchliche Wahrheit der Geschichte, in der es nicht nur Sieger und Verlierer, Täter und Opfer gibt."
Neben Ungarn widmet sich der Band, wie schon angedeutet, auch den anderen Konflikten des Jahres 1956, einschließlich der Auswirkungen auf die DDR. Detailliert zeichnet Ilko-Sascha Kowalczuk die Bestürzung in der SED nach, die Chruschtschows Enthüllungen über Stalin auf dem 20. Parteitag der KPdSU ausgelöst hatten. Doch in der DDR-Gesellschaft - quer durch alle Schichten und Bereiche - wirkte noch immer die Lähmung nach, die dem niedergeschlagenen Aufstand des 17. Juni 1953 gefolgt war. Hinzu komme: Die SED und ihr Sicherheitsapparat ...
"(...) hatten die Situation fest im Griff und konnten agieren, reagieren und waren kaum in der Situation, einer Entwicklung hinterher eilen zu müssen. Die sowjetischen Panzer in Ungarn festigten das Machtgefüge Ulbrichts."
Leider klammern in einem begleitenden Zeitzeugengespräch Wolfgang Leonhard und Ralph Giordano den Komplex "Ungarn 1956" ganz aus. Sie gehen ganz allgemein der Frage nach, warum die Kommunisten blind an Stalin geglaubt hatten und wie dies durch den 20. Parteitag erschüttert worden war. Mentalitätsgeschichtlich ist dies zweifellos interessant, bleibt hier aber auch vergleichsweise abstrakt. Damit ist der Themenkreis des Jahrbuchs indes keineswegs erschöpft. Noch ein anderes, viel blutigeres Jubiläum wird angesprochen: Der erste Moskauer Schauprozess vom August 1936, der Auftakt zum Massenterror in Stalins Sowjetunion. Mehrere Beiträge analysieren und diskutieren, wie die Vernichtung aller in den Augen Stalins potentiell unzuverlässiger Gruppen zu neuen gesellschaftlichen Strukturen und Eliten führte. Bedauerlicherweise bleibt in allen Beiträgen diese Sicht auf den Hochstalinismus beschränkt. Bezüge zur Entwicklung nach Stalins Tod fehlen, obwohl sie sich aus dem anderen Schwerpunkt - dem Jahr 1956 - förmlich aufdrängen. Schließlich sind diese Parallelen und Herleitungen in der Realgeschichte jenes Jahres stets aufgetaucht und zitiert worden. Als Fazit insgesamt: Auch diese Ausgabe des Jahrbuchs garantiert mit ihrem internationalen Autorenkreis für ein breites Spektrum verschiedener Herangehensweisen und Interpretationen. Für die Auseinandersetzung mit dem historischen Thema "Kommunismus" liefert sie wieder zuverlässig wichtige Bausteine.
Rainer Tosstorff besprach: "Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006", herausgegeben u.a von Hermann Weber im Aufbau-Verlag, Berlin - 480 Seiten zum Preis von 75 Euro.