Donnerstag, 05.12.2019
 
Seit 19:15 Uhr Dlf-Magazin
StartseiteDeutschland heuteMit Notfall-Apps und neuen Konzepten gegen Panik und Falschmeldungen22.12.2016

Nach dem Amoklauf von MünchenMit Notfall-Apps und neuen Konzepten gegen Panik und Falschmeldungen

Fünf Monate nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen am 22. Juli 2016 in München mit zehn Toten zieht die Polizei Bilanz. Panik oder das Aufkommen von Gerüchten sollen künftig vermieden werden. Unter anderem sollen Polizisten im Einsatz besser erkennbar sein. In München wurden etliche Polizisten in Zivil aufgrund ihrer Waffen für Terroristen gehalten.

Von Burkhard Schäfers

Die Blumensträuße, Kerzen und Trauersprüche nehmen kein Ende. Sie liegen und stehen am U-Bahneingang und am Eingang zum Olympia-Einkaufszentrum in München. (Deutschlandradio/Susanne Lettenbauer )
Nach dem Amoklauf in München gedachten die Menschen mit Blumensträußen, Kerzen und Trauersprüchen der Opfer. (Deutschlandradio/Susanne Lettenbauer )
Mehr zum Thema

Amoklauf in München Zweifel an der offiziellen Tatversion

Amoklauf Trauerfeier in München

Anschläge und Amoklauf Wie gehen wir mit zunehmenden Gewalttaten um?

Robert Kahr, Hochschule der Polizei "Nicht zu sehr auf den Täter fokussieren"

Medienkritik nach Amoklauf in München Journalisten als "Helfershelfer" von Attentätern

Reaktionen auf Amoklauf Von Waffen, Killerspielen und Soldaten

Es ist der 22. Juli, kurz nach 18 Uhr. Ein trüber Freitagabend mit leichtem sommerlichem Nieselregen, trotzdem sind in München viele Menschen unterwegs – das Wochenende hat gerade angefangen. Plötzlich verbreitet sich die Nachricht von einer Schießerei mit Toten am Olympia-Einkaufszentrum. Kurze Zeit später stellen U-Bahnen und Busse den Verkehr ein, die Stadt ist voller Polizei. Es gibt Gerüchte über einen großen Terroranschlag an verschiedenen Orten wie in Paris. Radio und Fernsehen berichten live.

"Insgesamt ist hier eine wirkliche Unruhe zu spüren, der oder die Täter scheinen noch auf der Flucht zu sein. Jedenfalls merkt man das auch an dem ungeheuren Auftrieb an Polizeibeamten, teilweise sehr schwer bewaffnet. Das ist im Moment die Lage, die ich hier beschreiben kann."

Auch wenn sich noch am Abend herausstellt, dass es sich um die Tat eines einzelnen Amokläufers handelt, bleiben Fragen. Etwa die, warum so viele Polizisten im Einsatz waren: 2.300 Beamte, etliche mit Maschinenpistolen. Fünf Monate später schaut Polizeisprecher Thomas Baumann zurück:

"Wir haben Konzepte für Terror, wir haben Konzeptionen für Amoksituationen. Und ein Erfahrungswert ist, dass man am Anfang einfach nicht unterscheiden kann."

Konsequenzen aus dem Amoklauf

Die Münchner Polizei diskutiert ihre Erkenntnisse aus dem Amoklauf und entwickelt neue Strategien. 15 Arbeitsgruppen hat das Präsidium dafür gegründet – deutlich mehr als bei anderen Großeinsätzen, sagt der Polizeisprecher. Eine solche Panik wie am 22. Juli soll sich nicht wiederholen. An mehr als 60 Orten gab es Gerüchte über mögliche Attentäter. Im Hofbräuhaus verletzten sich sogar Menschen, als sie panisch aus dem Fenster sprangen. Der Grund: In der Innenstadt waren etliche Polizisten ohne Uniform in Zivil unterwegs – mit gezückten Waffen. Nicht wenige Menschen hielten die Beamten offenbar für Terroristen.

"Natürlich ist es wichtig, als Polizist erkennbar zu sein. Natürlich ist es aber auch wichtig, sich zu schützen und nicht als Opfer einem möglichen Täter gegenüber zu treten. Die bessere Erkennbarkeit von Polizisten ist auch so ein Punkt, den wir jetzt nachträglich uns genauer anschauen."

Bessere Erreichbarkeit der Polizei

Ebenso wie die bessere Erreichbarkeit. Der noch relativ neue Digitalfunk hatte während des Großeinsatzes einige Aussetzer. Außerdem fehlte ein Messenger-Dienst zum Übertragen von Fotos, sagt Polizeisprecher Baumann.

"Es kann nicht sein, dass die Polizisten sich ein Bild des Täters von diversen Nachrichten-Apps herunterladen müssen, weil die Polizei nicht über das Equipment verfügt, Bilder an den einzelnen Beamten zu bekommen."

Die Gewalttat mit zehn Toten und mehr als 30 Verletzten hat Spuren hinterlassen in der Stadt. Am Olympia-Einkaufszentrum im Münchner Norden strahlt die Weihnachtsbeleuchtung – so hat es den Anschein – dieses Jahr besonders hell. Hier kaufen viele aus der Nachbarschaft ein.

"Es verändert schon einiges vom Gefühl her. Am Anfang bin ich nicht gern hierher gegangen, mittlerweile geht's wieder. Aber da durchzugehen und zu denken: Da könnte jemand gelegen haben – ist schon krass." - "Obwohl ich um fünf Uhr da war und um sechs ging's dann los, aber ich denk nimmer dran. Es ist traurig, aber es ist leider Gottes so. Ich find man kann nicht ständig Angst haben. Man weiß ja nicht, wo was passiert." - "Man hat schon ein mulmiges Gefühl, aber trotzdem ist dann der Alltag auch wieder eingekehrt. Auch wenn man mit Freunden drüber redet: Ist eigentlich genauso wie davor." - "Wenn man das hier jeden Tag sieht: Kann überall passieren. Ich denke, dass viele Leute das Shoppingcenter hier jetzt meiden."

Das bestätigt der Besitzer eines Imbissstandes, der kein Interview geben möchte: Seit dem Amoklauf sei deutlich weniger los, das gefährde Arbeitsplätze. Auch unter Reisenden hat Münchens Ruf offenbar gelitten: In den Wochen nach der Tat ging die Zahl der Hotel-Buchungen gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent zurück. Weniger Besucher hatten auch der Olympiapark und das Deutsche Museum. Dennoch: Einigermaßen optimistisch ist Maximilian To, stellvertretender Leiter der Footlocker-Filiale im OEZ:

"Im Großen und Ganzen ist es etwas ruhiger geworden. Allerdings wird's jetzt wieder besser. Also die Kunden kommen langsam wieder zurück ins OEZ um einzukaufen. Und ich hoffe, das bleibt auch so."

Neue technische Mittel nutzen

Alle hoffen, dass sich so etwas wie am 22. Juli nicht wiederholt. Dennoch bereiten sich die Sicherheitskräfte vor, um künftig den Menschen noch besser helfen zu können, sagt Polizeisprecher Thomas Baumann:

"Man muss sich neue technische Wege anschauen, eventuell Notfall-Apps einsetzen. Das System nutzen, das auf alle Handys, die in einen Masten eingeloggt sind, hier bestimmte Nachrichten gesendet werden können. Wir hoffen dadurch, dass wir diese psychologische Ausnahmesituation, die vielfach durch Gerüchte entstanden ist, abmildern können."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk