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Nach dem Brexit"Sehr schlimm, was passiert ist, für den europäischen Hochschulraum"

Der Brexit werde negative Konsequenzen für das akademische System und die britische Hochschullandschaft haben, sagte Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, im DLF. Vor allem dürfe es keine Mobilitätseinschränkungen für Studierende und Akademiker geben, betonte Wintermantel im Hinblick auf künftige Verhandlungen.

Margret Wintermantel im Gespräch mit Benedikt Schulz | 12.01.2017

Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD)
Macht sich Sorgen über die Auswirkung des Brexits auf die europäische Hochschullandschaft: Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Benedikt Schulz: Der Brexit wird Folgen haben für die britische Hochschullandschaft. Wir haben hier im Programm darüber mehrfach berichtet, auch darüber, dass der EU-Austritt Großbritanniens nicht gerade beliebt ist unter britischen Akademikern. Zum Beispiel die Vorsitzende der britischen Rektorenkonferenz, Julia Goodfellow:
Julia Goodfellow: Es wäre fürchterlich für junge Briten, wenn sie keinen Zugang zu Europa mehr hätten, wie sie ihn heute haben.
Schulz: Auch im Rest der akademischen EU sind die Befürchtungen groß, zum Beispiel bei Margret Wintermantel, Präsidentin des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Sie war gestern in Oxford, um diese Befürchtungen zu formulieren. Sie hat dort vor dem Bildungsausschuss des britischen Parlaments gesprochen, als Expertin für wissenschaftlichen Austausch. Und jetzt ist sie am Telefon. Hallo, Frau Wintermantel!
Margret Wintermantel: Hallo, Herr Schulz!
"Wichtige Netzwerke sind im europäischen Hochschulraum entstanden"
Schulz: Sie waren gestern vor Ort. Wie haben Sie denn die Stimmung dort erlebt unter britischen Akademikern?
Wintermantel Ja, das war eine Befragung im Bildungsausschuss des britischen Parlaments gestern. Es gab eine Reihe von Wissenschaftlern, die angehört wurden, und die Parlamentsmitglieder wollten wissen, wie in der Wissenschaft und in den wissenschaftlichen Institutionen die Folgen des Brexit einzuschätzen sind, was man jetzt tun muss oder tun sollte, um sozusagen einen intelligenten Brexit zu gestalten.
Was mich wirklich überrascht hat, war, dass doch aufseiten der Wissenschaft ganz klar ist – ich glaube, es sind sogar 90 Prozent des akademischen Personals, die einfach sagen, dass der Brexit negative Konsequenzen auf das System, auf die Universitäten, auf das Higher Education System in Großbritannien haben wird.
Schulz: Also herrscht unter den Akademikern, würden Sie sagen, eher Panik oder eher Optimismus, dass es trotzdem noch einen intelligenten Brexit geben kann?
Wintermantel: Es ist Besorgnis, würde ich sagen. Es ist keine Panik, nein. Aber doch, man betont vonseiten der Wissenschaft, und das habe ich ja auch getan, wie wichtig die Netzwerke sind, die im europäischen Hochschulraum entstanden sind in den letzten Jahren durch die Förderprogramme. Wir haben einen lebendigen europäischen Hochschulraum, und die Briten spielen eine wichtige Rolle, in der European University Association, aber auch insgesamt in diesen Netzwerken. Die Qualität der wissenschaftlichen Forschung und die Qualität der akademischen Ausbildung ist dadurch ganz klar gestiegen.
"Weder Panik noch Optimismus, man macht sich einfach Sorgen"
Und wenn das jetzt irgendwie beschränkt werden sollte, dann muss man sich fragen, wie können wir damit umgehen. Also wie gesagt, weder Panik noch Optimismus, sondern einfach, man macht sich Sorgen, und man fragt sich, was können wir tun. Was muss in Verhandlungen, was muss in Austrittsverhandlungen eigentlich klar sein für diesen Bereich, also für den Bereich der Verhandlungen, wenn es um die Wissenschaft und ihre Institutionen geht.
Wir haben viele deutsche Studierende, die gern nach England gehen, nach Großbritannien gehen, weil die Qualität auch gut ist, aber natürlich auch wegen der Sprache. Man weiß, dass es wichtig ist, sich in Englisch ausdrücken zu können. Das sind ja unterschiedliche Motive. Und wenn das sozusagen mit viel höheren Kosten verbunden sein würde, dann ist es – natürlich wird die Zahl derer sinken, die da hingehen.
"17 Prozent des akademischen Personals in Großbritannien sind EU-Bürger"
Schulz: Jetzt ist es ja so, in der Schweiz, ebenfalls kein EU-Mitglied – man hat ja irgendwie Mittel und Wege gefunden, Austausch stattfinden zu lassen, in gewissem Sinne auch über Erasmus. Haben Sie denn Hoffnung, dass man mit Großbritannien irgendwie über vielleicht bilaterale Verträge zumindest das gegenwärtige Niveau wird halten können?
Wintermantel: Das hängt wirklich – ja, ich denke, die Verhandlungen müssen geführt werden, und es geht da natürlich auch um finanzielle Mittel. In der Schweiz sind ja schon auch finanziell Mittel dann aufgebracht worden, um die Bedingungen positiv zu gestalten. Wir wissen nicht, wie sehr die Mobilität eingeschränkt werden wird.
Es geht jetzt darum, Verhandlungen zu führen, in denen die Mobilitätsmöglichkeiten aufrechterhalten werden, sowohl, was den Studierendenaustausch betrifft, also auch, was die Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen und auch die Professoren und Professorinnen betrifft. Sehen Sie, 17 Prozent des akademischen Personals in Großbritannien sind EU-Bürger und EU-Bürgerinnen.
Schulz: Aber Verhandlungen gut und schön, aber man wird doch wahrscheinlich sicher sagen können, das Ganze wird Geld kosten, was jetzt die britische Regierung wird aufbringen müssen, oder?
Wintermantel: Ja, so würde ich das schon sehen.
"Ich bin nicht besonders optimistisch"
Schulz: Auf Horizon 2020 wird man in Großbritannien ziemlich sicher demnächst verzichten müssen. Derzeit bekommt Großbritannien aus diesem Förderprogramm mehr Geld, als es einzahlt. Wie hart wird dieser Einschnitt sein für die britische Hochschullandschaft?
Wintermantel: Das kann man im Augenblick nicht beziffern. Also das ist auch gestern nicht in Zahlen gefasst worden. Wie gesagt, die Frage gestern war, und ich fand die Atmosphäre doch sehr konstruktiv in diesem Bildungsausschuss. Man wollte wissen von der Seite der Wissenschaft, was ist wichtig in den Verhandlungen, und da war klar, wichtig für künftige Verhandlungen ist eben, dass es keine Mobilitätseinschränkungen geben sollte. Wichtig ist, dass die Netzwerke nicht kaputtgemacht werden, und wichtig ist, dass eben die Briten sich beteiligen können an den europäischen Forschungsprogrammen.
Schulz: Jetzt habe ich vorhin nach Panik und Optimismus gefragt – sind Sie denn optimistisch?
Wintermantel: Es ist sehr schlimm, was da passiert ist, für den europäischen Hochschulraum. Ich denke, es ist sehr viel nötig, sehr viel Aufwand, sehr viel kluge Überlegungen, sehr viel Diskussion. Und hoffen wir, dass das tatsächlich gelingt, die schlimmen Folgen für die Wissenschaft einfach zu handhaben, also derer Herr zu werden – ich bin nicht besonders optimistisch, das hören Sie, glaube ich, aus meinen Worten.
Schulz: Aber Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben.
Wintermantel: Nein.
Schulz: Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, DAAD. Sie war gestern in Oxford vor dem Bildungsausschuss des britischen Parlaments und hat dort über mögliche Folgen des Brexit gesprochen. Frau Wintermantel, Danke Ihnen!
Wintermantel: Bitte!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.