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StartseiteHintergrundNach dem tödlichen Anschlag auf Scheich Jassin25.03.2004

Nach dem tödlichen Anschlag auf Scheich Jassin

Folgt auf den Schock die Rache der Hamas?

Seit dem tödlichen Anschlag auf Ahmad Jassin, den Begründer und Führer der palästinensischen Widerstandsorganisation Hamas, am vergangenen Montag, sind die besetzten palästinensischen Gebiete in Aufruhr. Hunderttausende erboster Palästinenser haben in Gaza gegen die Besatzung demonstriert und Vergeltung angedroht. Auf der israelischen Seite dagegen herrscht Genugtuung. Zwei Drittel der Israelis unterstützen Umfragen zufolge die gezielte Tötung des fünfundsechzigjährigen, gelähmten Klerikers, der nach Ansicht der Israelis das Leben hunderter Landsleute auf dem Gewissen hat. Hamas gilt den Israelis als gefährlichster Feind im palästinensischen Lager.

Autor: Heiko Wimmen

Palästinenser tragen den Sarg des getöteten Scheich Jassin (AP)
Palästinenser tragen den Sarg des getöteten Scheich Jassin (AP)
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Sprechchöre gegen die Politik von Ariel Scharon. Auf den Demonstrationen nach Jassins Tod drohen aufgebrachte Palästinenser dem israelischen Ministerpräsidenten mit dem Tode. Nicht immer war die Feindschaft so unversöhnlich. Ende der siebziger Jahre tolerierte Israel den wachsenden Einfluss islamischer Gruppen in Gaza als willkommenes Gegengewicht zur säkularen und politisch links stehenden Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Unter den Augen der Israelis pumpte vor allem Saudi-Arabien Millionenbeträge in den Aufbau islamischer Wohlfahrtsorganisationen. Sogar die Gründung einer islamischen Universität in Gaza wurde zugelassen. Diese Strukturen boten radikalen Islamisten eine perfekte Basis, Glaubwürdigkeit und neue Anhänger zu gewinnen. Ähnlich wie der 1979 von Islamisten ermordete ägyptische Präsident Anwar El-Sadat und die amerikanische Politik in Afghanistan leistete Israel so politische Geburtshilfe für zukünftige Todfeinde. Mit dem Beginn der ersten Intifada im Jahre 1987 gründete Ahmad Jassin, Absolvent der berühmten Azhar-Universität in Kairo, die "Bewegung des islamischen Widerstandes". Die arabische Abkürzung HAMAS bedeutet zugleich soviel wie "Begeisterung" oder "heiliger Eifer" - Gefühle, an denen es Palästinensern aus allen Schichten und Altersgruppen heute weniger mangelt als je zuvor. "Piraten und Diebe" - das sind noch die freundlichsten Worte, die diese weit über siebzigjährige Demonstrantin für Israelis über hat.

Den Friedensprozess von Oslo lehnte die Hamas ab, zunächst jedoch noch ohne ihn aktiv zu bekämpfen. Mit dem Zusammenbruch des Oslo-Prozesses Ende der neunziger Jahre und dem zunehmenden Autoritätsverfall der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah wuchs der Einfluss der Organisation mehr und mehr. Selbst säkulare und politisch links stehende Palästinenser respektieren heute die Effizienz und Integrität der Hamas - besonders im Kontrast zu der Gruppe um Arafat, dessen Vertraute und Funktionäre mehrheitlich als korrupte Opportunisten gelten. Der Angriff auf Scheich Jassin, einen scheinbar wehrlosen Schwerstbehinderten auf der Schwelle einer Moschee, symbolisiert für sie das Verhältnis vom übermächtigen Besatzer und rechtlosen Besetzten. Hunderttausende gaben ihm sein letztes Geleit, an der Spitze der Bruder des Getöteten.

Ein Märtyrer habe sein Bruder sein wollen, sagt Nassim Jassin, und Gott habe seinen Wunsch erfüllt. -- Drei Tage nach dem Anschlag herrscht in Gaza nervöse Spannung und Angst, was die nahe Zukunft bringen wird. Salah Abdel Shafi, Direktor des Gaza Community Mental Health Program, einer Initiative in Gaza-Stadt, die sich um traumatisierte Kinder und Jugendliche kümmert:

Die Stimmung ist sehr deprimierend: Die Menschen sind traurig, sie wollen auch Rache. Es gibt einen Generalstreik im Gaza-Streifen, man hört ständig Schüsse fallen, Explosionen. Es sieht so aus, dass die Menschen mit allen Mitteln versuchen wollen, sich zu rächen. Für die Menschen das ist ein Signal, dass Scharon keinen Frieden will, dass Scharon, auch wenn er Gaza evakuieren will, erst zerstören, Menschen töten will. und deswegen wollen die Menschen nur Rache haben.

Vergeltung war auch das offizielle israelische Motiv für die Tötung Scheich Jassins, nachdem ein Hamas-Mitglied vor zehn Tagen bei einem Anschlag in der israelischen Hafenstadt Ashdod zehn Israelis tötete. Nur um Haaresbreite konnten die aus Gaza dorthin entsandten Selbstmordattentäter daran gehindert werden, sich neben umfangreichen Chemikalientanks in die Luft zu sprengen und so eine weitaus größere Katastrophe auszulösen. Viele Beobachter vermuten jedoch darüber hinaus einen Zusammenhang zu dem seit Monaten angekündigten Teilrückzug der israelischen Armee aus Gaza. Mohamad Ali Khalidi vom Institut für Palästinastudien in Beirut.


Israel will den Palästinensern zeigen, dass es sich nicht aus Schwäche zurückzieht. Sie sollen gedemütigt werden, ihnen soll klar sein, dass Israel verheerende Schläge durchführen kann. Wie es der israelische Verteidigungsminister gesagt hat: Wir müssen es in ihr Bewusstsein einbrennen, dass sie eine besiegte Nation sind. Wenn die Israelis das Militär abziehen und die Siedlungen auflösen, wird Gaza immer noch umzingelt sein und keine volle Souveränität haben. Deshalb fürchten sie, dass die Palästinenser die Souveränität umso entschlossener anstreben werden; und davon können sie sie nur abhalten, wenn sie ihnen klar machen, dass niemand immun ist, dass sie ihre Führer einen nach dem anderen beseitigen können. Die Beseitigung von Scheich Jassin hat daher eine enorme symbolische Bedeutung.

Die gesamte Führung der Hamas, angeblich bis zu achtzig Personen, sollen auf der Todesliste des israelischen Militärs stehen. Die Infrastruktur des Terrors soll zerschlagen werden, so hat es Ariel Scharon seinen Wählern immer wieder versprochen - bislang mit zweifelhaftem Erfolg. Zerschlagen haben die Angriffe der israelischen Armee stattdessen vor allem die Infrastruktur der palästinensischen Autonomiebehörde. So haben sie den Islamisten die Möglichkeit eröffnet, sich selbst als die einzig glaubwürdige Institution zu präsentieren. Immer wieder hat Ministerpräsident Ariel Scharon Palästinenserführer Yasser Arafat und dessen Unterstützung der Terroranschläge als das hauptsächliche Hindernis für eine Lösung des Konflikts attackiert. Doch jeder Versuch der zunehmend machtlosen Autonomiebehörde, die Gewalt einzudämmen, stärkt nur die Position der Hamas und ihrer Verbündeten.

Hamas ist stark und Hamas wird stärker jetzt nach dem Anschlag auf Scheich Jassin, weil Hamas genießt jetzt Sympathie. Alle Menschen sympathisieren jetzt mit Hamas - und Hamas wird das ausnutzen, diese Situation.


Selbst Yassir Arafat, der schärfste Rivale der islamistischen Hamas-Führung, sah sich genötigt, dem prominenten Opfer durch eine explizit religiöse Wortwahl Tribut zu zollen:

Gott werde der heiligen Erde immer neue Märtyrer geben, verkündete der einst eher für einen freizügigen und säkularen Lebensstil bekannte Arafat in einer mit wohlgesetzten Koranzitaten ausgeschmückten Erklärung in Ramallah. Hinter den Kulissen waren die Beziehungen freilich eisig. Noch kurz vor seinem Tod beschuldigte Jassin die Autonomiebehörde öffentlich, seine persönliche Sicherheit zu unterminieren. Sicherheitskräfte Arafats hätten versucht, ihn an der Benutzung getarnter Fahrzeuge zu hindern. So werde es für palästinensische Kollaborateure möglich, dem israelischen Militär Informationen über seinen Aufenthaltsort zu geben.

Nach dem Tod Jassins wurden Büros der Autonomiebehörde in Gaza mit Steinen angegriffen. Beobachter glauben, dass Arafat nun auch noch den letzten Rest seines Einflusses in Gaza verlieren werde. Teile der Al-Aksa-Brigaden, des militärischen Flügels seiner Fatah-Bewegung, seien bereits zur Hamas übergegangen. Und die Position des palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmad Qurei, der für neue Gespräche mit den Israelis eintritt, werde unterminiert. Schon vor dem Anschlag war die Situation in Gaza angespannt, erklärt der Sprecher der Hamas in Beirut, Osama Hamdan.

Die Israelis wollen Gaza destabilisieren, sie wollen erreichen, dass nach ihrem Rückzug die Palästinenser aufeinander losgehen, anstatt weiter gegen Israel zu kämpfen. Während der letzten sechs Wochen wurde ziemlich offensichtlich versucht, solche Gegensätze aufzustacheln, zum Beispiel in Presseartikeln und durch Äußerungen von Experten, die sagen, Hamas wolle nach dem Rückzug die totale Kontrolle in Gaza übernehmen. Scharon weiß ganz genau, dass Scheich Jassin eine Integrationsfigur war, die solche Zusammenstöße immer verhindert hat.

Zu Lebzeiten vermittelte der Scheich zwischen den lokalen Fraktionen der Hamas in Gaza, die die Folgen von Aktionen gegen Israel direkt vor der Bevölkerung zu vertreten haben, und den zumeist deutlich radikaleren Auslandskadern in Beirut und Damaskus. Im Sommer 2003 unterstützte Jassin einen dreimonatigen Waffenstillstand, den prominente israelische Militärs prompt als Zeichen für ihren Sieg über den Terror feierten. Nach seinem Tod befürchten viele Beobachter, dass nun die radikalsten Kräfte innerhalb der Hamas die Oberhand gewinnen könnten. Mohamad Ali Khalidi vom Institut für Palästinastudien in Beirut:

Die Hamas vertritt zwar auf rhetorischer Ebene die Forderung nach "dem ganzen Palästina", aber wenn wir uns ihre Aktionen bis heute anschauen, dann sehen wir, dass ihr praktisches Ziel Selbstbestimmung in der Westbank und Gaza ist. Dieser Anschlag macht es aber wahrscheinlicher, dass sich Hamas radikalisiert und zu dem Schluss kommt, dass ein Ausgleich mit Israel nicht möglich ist. Und vielleicht wird die Hamas jetzt auch international aktiv. Genau das haben sie bisher sehr sorgfältig vermieden, sie haben der Versuchung widerstanden, sich etwa mit El Kaida oder anderen Teilen des globalen Netzwerks der Islamisten zusammen zu tun. Aber nach diesem Anschlag könnten sie versucht sein, israelische Ziele im Ausland anzugreifen, oder vielleicht sogar amerikanische Ziele.

Offiziell hat die Hamas nie von ihrem Anspruch auf ganz Palästina abgelassen. Ihre Religion verbiete es, auch nur eine Handbreit islamischen Bodens aufzugeben, betonen die Sprecher der Organisation immer wieder. Pragmatische Kompromisse schließt man jedoch nicht aus: Zuletzt im Januar 2004 erklärte sich die Bewegung bereit, die Grenzen von 1967 zwar nicht im Grundsatz, wohl aber in der Praxis anzuerkennen. Hamas-Sprecher Osama Hamdan:

Wenn Sie mich persönlich fragen - ich will ganz Palästina. Ich erkenne Israel nicht an. Aber wir haben diesen Vorschlag gemacht: Wenn sich die Israelis auf die Grenzen von 1967 zurückziehen, und dazu gehört auch Ost-Jerusalem, wenn sie die Siedlungen auflösen, uns Palästinensern das Selbstbestimmungsrecht einräumen und das Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr akzeptieren - dann sind wir zu einem langfristigen Waffenstillstand bereit. Zehn, vielleicht 15 Jahre. Und wenn die Israelis Angst um die Sicherheit ihrer Grenzen haben, können internationale Truppen deren Schutz übernehmen. Die einzige wirkliche Lösung ist ein vollständiger israelischer Rückzug ohne Vorbedingungen.

Doch die Chancen, dass der im Friedensprozess von Oslo angestrebte historische Kompromiss Wirklichkeit wird, schwinden stetig. Tag für Tag verschlingt der von Israel errichtete "Trennungswall" Teile der Territorien, auf denen ein palästinensischer Staat entstehen könnte. Sicherheitszonen um israelische Siedlungen tief in der Westbank, allein für Israelis reservierte Straßen und hunderte von Checkpoints zerteilen die palästinensischen Gebiete in isolierte Enklaven - vier bis fünf Mini-Gazas, in denen heute knapp vier Millionen Palästinenser zusammengepfercht leben, hinter Stacheldraht und elektronischen Überwachungsanlagen. Sprecher der Palästinenser ziehen den Vergleich zu Südafrika, wo das weiße Apartheidregime in den achtziger Jahren versuchte, die schwarze Bevölkerungsmehrheit in formal unabhängige Reservate, so genannte Bantustans abzuschieben, um so den Rest des Landes unter ihrer Kontrolle zu behalten.

Die Israelis versuchen zur Zeit, die Zwei-Staaten-Lösung unmöglich zu machen. Der Rückzug aus Gaza bedeutet nicht, dass die Palästinenser Selbstbestimmung erreichen - ganz im Gegenteil. Es geht vielmehr darum sicherzustellen, dass die Palästinenser niemals vollständige Selbstbestimmung oder einen Staat bekommen, sondern in diesen isolierten Enklaven leben müssen.
Ich glaube nun wirklich nicht, das Jassin ein Mann des Ausgleichs war, der sehr bald eine Einigung mit Israel erreicht hätte. Aber wenn man irgendwann einmal zu einer Lösung kommen will, dann beseitigt man nicht die Leute, die darüber verhandeln könnten. Und es besteht die echte Gefahr, dass damit ein neuer Kreislauf der Gewalt in Gang gesetzt wird, wie wir ihn bisher noch nicht gesehen haben.

Abdelaziz Rantisi, der die Nachfolge Jassins in Gaza antritt und als Hardliner gilt, hat bereits massive Gegenschläge angekündigt.

Der Tag werde kommen, drohte der gelernte Kinderarzt, an dem das "Krebsgeschwür Israel" mit Gottes Hilfe aus der Region beseitigt werde. Hamas-Sprecher Osama Hamdan:

Während des Begräbnisses von Scheich Jassin hat das Volk auf der Straße Schläge gegen Spitzenpolitiker des israelischen Staates gefordert, und ganz besonders gegen Scharon. Es ist Sache der militärischen Führung, über solche Operationen zu entscheiden. Aber diese Stimmung bestärkt die Führung natürlich darin, solche Angriffe gegen israelische Politiker zu unternehmen. Denn die Israelis haben ja auch keine Hemmungen, palästinensische Führer zu attackieren.

Vor den Kameras der internationalen Medien schwören die maskierten Fußsoldaten der Hamas blutige Rache. An Rekruten für Selbstmordattentate wird es der Bewegung nicht mangeln. 1,3 Millionen Palästinenser leben allein in Gaza, einem der am dichtesten bevölkerten Gebiete dieser Erde - die überwältigende Mehrheit ohne Arbeit oder Perspektive. Eine ganze Generation wächst in einer Welt auf, in der Panzer, Raketenangriffe, zerstörte Häuser und plötzlicher Tod den Rhythmus des Alltags bestimmen, berichtet Salah Abdul Shafi, dessen Gesundheitszentrum sich um traumatisierte Kinder bemüht. Hier haben religiöse Eiferer und Extremisten mit ihren Parolen Erfolg.

Das Leben der Kinder besteht momentan aus Gewalt. Die erleben Bombardierungen, die erleben Assassinationen, ihr Leben besteht aus Gewalt. Also, es entsteht eine ganze Generation, die durch Hoffnungslosigkeit gezeichnet wird und die den Tod nur als Ziel sehen. Nach unseren Studien wollen mindestens 25 Prozent der Kinder in Gaza Märtyrer sein. Sie wollen nicht Ärzte oder Ingenieure werden, sondern sie wollen Märtyrer sein.

Mit dem tödlichen Anschlag auf Scheich Ahmad Jassin hat Israel der islamistischen Bewegung in Palästina einen weiteren, besonders prominenten Märtyrer beschert und die Autorität der Hamas weiter gestärkt. Initiativen, durch die sich die beiden Völker aus dem Strudel von Gewalt und Gegengewalt befreien könnten, erscheinen dagegen nur noch als bloße Illusion. Zuletzt im Dezember 2003 publizierten israelische und palästinensische Oppositionelle und Intellektuelle in Genf einen Entwurf für eine friedliche Lösung des Konflikts. Auf der Basis der vor vier Jahren gescheiterten Verhandlungen in Camp David schlägt die Genfer Übereinkunft Kompromisse für die Fragen der Flüchtlinge, des Grenzverlaufs, der Siedlungen und Jerusalems vor - für jene Probleme eben, an denen bislang alle Versuche eines Ausgleichs gescheitert sind. Salah Abdel Shafi, der an der Vorbereitung des Genfer Papiers beteiligt war, fühlt sich heute als einsamer Rufer in der Wüste.

Es ist so, dass die Menschen unter diesen Umständen die Hoffnung verlieren. Sie bezeichnen uns als Träumer und sagen: Schaut, was Scharon macht. Scharon will doch keinen Frieden. Aber das ist auf israelischer Seite genauso, dass die Menschen die Hoffnung verloren haben. Wenn sie Selbstmordanschläge erleben, dann ist das genau so eine Reaktion in Israel.

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