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StartseiteCorso"Keine Lust, sich in einem Bunker zu verschanzen"09.05.2016

Nach den Pariser Anschlägen"Keine Lust, sich in einem Bunker zu verschanzen"

Der 13. November 2015 veränderte das Leben von Antoine Leiris und seinem kleinen Sohn: Die Anschläge von Paris machten ihn mit einem Schlag zum Witwer und alleinerziehenden Vater. Als Reaktion postete er auf Facebook einen Brief an die Attentäter, der um die Welt ging. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, wie er den Alltag mit seinem Sohn und ohne seine Liebe des Lebens bewältigt.

Von Kerstin Gallmeyer

Gedenken an der Konzerthalle Bataclan (picture alliance / dpa / Foto: Ian Langsdon)
Leiris' Frau wollte im Pariser Klub Bataclan ein Konzert besuchen - stattdessen fiel sie dem Terror zum Opfer. (picture alliance / dpa / Foto: Ian Langsdon)
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Am 13. November 2015 hatte der Pariser Antoine Leiris seinen 17 Monate alten Sohn allein ins Bett gebracht. Seine Frau Hélène war auf ein Konzert gegangen - ins Bataclan. Plötzlich kamen besorgte Nachfragen von Freunden und Verwandten. Antoine Leiris schaltete den Fernseher ein und sah, was passiert war. Nachdem er Hélène nicht erreichte, machte er sich auf die Suche nach ihr.

"Ich war mit meinem Bruder im Auto und wir haben die ganze Nacht alle Krankenhäuser nach Hélène abgesucht. Und auch obwohl wir irgendwann angezweifelt haben, dass wir sie finden würden, musste ich weitermachen. Ich musste etwas tun, in Bewegung bleiben."

Ein Post geht um die Welt

Einen Abend später bringt ein Anruf Gewissheit: Hélène ist von den Terroristen getötet worden. Erst am Montag, den 16. November, sieht Antoine seine tote Frau in der Gerichtsmedizin wieder. Noch am gleichen Tag postet er auf Facebook einen Brief an die Terroristen. Titel: "Meinen Hass bekommt ihr nicht."

Er schreibt darin: "Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr es darauf angelegt habt. Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen der Welt."

Worte, die um die Welt gingen.

"Natürlich habe ich Hass verspürt. Von Anfang an. Der Brief sagt: Ich habe dieses Gefühl gehabt. Aber ich tue euch nicht den Gefallen, mich davon leiten zu lassen. Das war für mich eine Notwendigkeit. Die Terroristen haben mir meine Frau genommen, die Liebe meines Lebens. Aber es gab eben meinen kleinen Sohn. Und ich habe mir gesagt, wenn ich ihm ein Leben voller Hass und Groll anbiete, dann wird er nicht heiter aufwachsen können."

Den Alltag leben

Als Antwort auf seinen Post bekommt Antoine unzählige Nachrichten, Briefe und Hilfsangebote, wird für viele zu einem der Helden dieser Tage, zu einem, der den Terroristen die Stirn bietet. Doch für ihn zählt nur eines - er will für seinen Sohn da sein. In seinem Buch erzählt der junge Vater wie er versucht, alles genau so zu machen, wie Melvil es gewohnt war: Kinderkrippe, Spazierengehen, Mittagessen, Einkaufen, Spielen, Baden. Nur dass sie jetzt eben zu zweit sind. Das hat auch ihm wichtigen Halt gegeben.

"Diese Tagesstruktur und dass ich mir vorgenommen hatte, an seiner Seite zu sein und ihm zu zeigen, dass ich ihn liebe und für ihn da sein werde, hat vielleicht verhindert, dass ich mich selbst gehen lasse."

Antoine Leiris lebt weiterhin mit seinem Sohn Melvil in Paris. Die Stadt habe sich für ihn nicht verändert, sagt er. Es sei gut, dass der Alltag zurückgekehrt sei:

"Alle Städte, die Opfer von Attentaten waren, in Europa, aber auch woanders in der Welt, haben sich sehr schnell wieder aufgerichtet. Und ich freue mich auch darüber, dass ich sagen kann: Ich bin nicht der Einzige, der ihnen nicht seinen Hass, sein Misstrauen zum Geschenk macht. Der keine Lust hat, sich in einem Bunker zu verschanzen."

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