Das ist so ein Badewanneneffekt, das Wasser ist von oben reingelaufen, so haben wir es geschafft, in einer unglaublichen Aktion in langen Reihen von Mitarbeitern, Polizei, Feuerwehr, Minister alles bei Taschenlampen- und Kerzenlicht rausgetragen. Zuerst war's noch trocken, zum Schluss mehr als knietief – es ist kein einziges Objekt zu Schaden gekommen.
Sieg auf der ganzen Linie also im Wettlauf mit der Zeit; manch Alter Meister konnte allerdings nur gerettet werden, weil man ihn per Flaschenzug unter die Kellerdecke hievte. Der Erleichterung folgte doch noch der Schock: 20 Millionen Euro braucht allein Dresden, um die Flutschäden an den historischen Kultureinrichtungen beheben zu können. Sachsens Kultusminister Matthias Rößler weiß das noch nicht, als er eine erste Schadensbilanz durchgibt, mit Hubschrauberlärm im Hintergrund, der Minister kämpft und koordiniert an mehreren Fronten:
Wir pumpen ja immer noch ab, wir pumpen und pumpen... Wir haben gewaltige Schäden an der Bausubstanz, unzumutbare Bedingungen für Klimatisierung der Räume, wo die Bilder jetzt stehen; wenn jetzt noch die Hitze kommt, ist die Luftfeuchtigkeit höllisch. Die Semperoper, Bühnentechnik im Keller steht vollständig unter Wasser. Es dauert noch 6-8 Wochen, bis wir dort wieder spielen können; auch das Staatsschauspiel steht 9 Meter unter Wasser. Drücken Sie uns die Daumen, dass wir den Höhepunkt des Hochwassers überstehen, dann haben wirs geschafft.
Wenn die Katastrophe naht, ist das Fernsehen nicht weit; doch während die Nachricht "Land unter" lautete, zeigten die Bilder eine fast unwirklich schöne Seenlandschaft: Deutschland am Meer. Da war dann auch der Medienkritiker gefragt, der mit Intellekt im Beiboot die steigenden Pegelstände des Krisenbewusstseins begutachtet und die Stromschnellen des gefluteten Medienbetriebs souverän umschifft. Dietrich Leder analysierte, was das Hochwasser in den Köpfen anrichtet:
Zum einen registrieren wir, dass wir die Natur nicht im Griff haben – jeder, der schon mal eine Sandburg gebaut hat, weiß, das das nicht hält! Es gab absurde Live-Reportagen, die immer nur den Pegelstand des Wassers meldeten. Das waren die Fehler, die gemacht worden sind, bis jetzt gibt es aber nur Krisengewinnler unter den Sendern: Pfarrer Fliege spricht mit praktisch noch feuchten Opfern, und irgendwelche Sänger, die sowieso kein Geld verdienen, spenden jetzt das Geld, was sie nicht verdienen.
Die Wassermassen erwiesen sich als Herausforderung, mit der der Kulturbetrieb praktisch mühelos fertig wurde. Für eine kurze Zeit verwandelte sich sogar das hässliche Entlein Bundeskulturstiftung in einen schönen Schwan - als Julian Nida-Rümelin schnell ein Spendenkonto und ein paar Millionen Euro zur Rettung der Kunst bereit stellte. Die lang erwarteten Förderpläne der Bundeskulturstiftung gingen demgegenüber regelrecht unter, nicht nur, weil Benefizveranstaltungen besser zu vermitteln sind als ambivalent-interkulturelles Crossover. Vor allem war heiße Phase im Wahlkampf, mit zwei als "historisch" bezeichneten Fernsehduellen von Kanzler und Herausforderer, die, was die mediale Inszenierung betrifft, gleich zwei Mal auf historische Weise vergeigt wurden. Die Kontrahenten sahen in Gummistiefeln einfach besser aus. Wer zu diesem Zeitpunkt noch Politik machte, war Christoph Schlingensief, der böse Bube des Kulturbetriebs, mit seiner "tötet Möllemann"-Aktion. Wir geben ihm 47 Sekunden ohne Gegenkandidat für seine ganz großen Wahrheiten:
Ich denke, es ist an der Zeit, dass man Leuten wie Stoiber, Schröder und Westerwelle das Handwerk legt indem man darauf hinweist, dass wir uns in einer Phase der Inszenierung befinden (Artaud-Zitat); uns wird ständig suggeriert, wir hätten Leute, die könnten unsere Probleme lösen, aber wenn wir das glauben, sind wir verraten und verkauft und sehen voller Entsetzen unsere Häuser vollaufen, und können in dem Moment des Auslebens dieser Grausamkeit nicht mehr reagieren, weil wir sofort in solche Stoiber-Sätze eingebaut werden "Wir brauchen jetzt den Fonds Fluthilfe 2002" – wir werden nur noch funktionalisiert.
Schlingensief war ein einsamer Rufer in der (partei-)politischen Wüste, aber nicht nur dort. Möllemann oder Walser, Israel oder Irak - die junge Intelligenz, so schien es, hatte sich aus den Debatten verabschiedet ins literarisch-ästhetische Exil. Die wahlkämpferi-schen Töne kamen fast ausschließlich von den Alten. Günter Grass, der mit "Im Krebsgang", seinem jüngsten Roman über die Geschichte der Vertriebenen in Deutschland eine der wichtigsten Debatten des Jahres angestoßen hatte, meldete sich mit Bedenken gegen den Politikwechsel im September zu Wort:
In der Gestalt des Kandidaten der CDU/CSU zeichnet sich was ab, was wir schon haben: Haider, Berlusconi – es droht die Verlängerung dieser unguten Entwicklung und das ist schon ein Grund, mich zu Wort zu melden. Und ich möchte nicht, dass das, was diese Regierung geschafft hat, vom Atomstrom bis zur Landwirtschaft mit wegweisenden Gesetzen, dass das alles zurückgedreht wird.
Wie Grass dachte die Mehrheit der Intellektuellen in Deutschland, und als die Grünen noch den Kanzler retteten, war trotz Zitterpartie am Wahlabend die neue Regierung die alte - fast. Der Philosoph als Politiker Julian Nida-Rümelin musste zurück auf seinen Lehrstuhl in Göttingen, die langjährige Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss bekam den Kultur- Staatsministerposten im Kanzleramt. Sie versteht sich als Impulsgeberin und Stimme der Kreativen im Land - mit deren Hilfe sie kurz darauf die Pläne von Finanzminister Hans Eichel zur Besteuerung von Spenden für kulturelle oder soziale Zwecke kippte. Weiss ist Kultur-Lobbyistin aus Überzeugung:
Wir sind uns ja alle einig, dass das Geld nicht mehr wird, und es geht auch darum, dass die Kultur nicht nur als Beiwerk gesehen wird. Denn ich glaube, es ist umgekehrt. Die wirtschaftliche Krise, die Ängstlichkeit der Menschen lässt sich nur kompensieren und neu für die Gesellschaft motivieren, wenn wir unsere Werte überdenken. Und das macht die Kultur.
Derzeit begibt sich die neue Bundesbeauftragte für Kultur und Medien vom hehren kulturell-moralischen Überbau in die Niederungen von Filmförderungsdschungel, Föderalismusdebatte und Beutekunstdiplomatie - letztere ist trotz der Fortschritte in den deutsch-russischen Gesprächen noch immer vermintes Gelände. Wulf Herzogenrath, Leiter der Bremer Kunsthalle, der Mitte Oktober die von Russland zurückgegebene Baldin-Sammlung mit wertvollsten Zeichnungen von Dürer, Caspar David Friedrich, Delacroix oder van Dyck in Empfang nehmen konnte, über einen Kulturaustausch mit zweifelhaften Vorzeichen:
Wichtig war, dass sie individuell gestohlen waren, es handelte sich also nicht um Beutekunst. Das zweite: Der Träger ist der private Kunstverein mit seinen 6000 Mitgliedern, es handelte sich also um kein staatliches Gut. Aber es ist ein politischer Grundsatz Entspannung zu machen, und so sehen wir die Kultur an vorderster Front zwischen den beiden Völkern...
Dazu passt nun nicht ganz, dass erst kürzlich einige der größten Museen der Welt zwischen St. Petersburg und New York eine Erklärung abgaben, in der sie die Rückführung von geraubten, pardon: zum Wohle und Wissen der Menschheit gesammelten und ausgestellten Kunstschätzen in deren Heimatländer grundsätzlich verweigern... Wie hoch die Kunst heute und gerade in Zeiten der Krise im Kurs steht, war in diesem Jahr nicht nur bei Sotheby's, sondern auch beim Millionenraub im Brücke-Museum in Berlin festzustellen. Die Diebe wurden gefasst, eine Frage blieb: Wird die Sicherheit an deutschen Museen weggespart? Im heimlichen Kampf um den Kulturhauptstadt-Titel zwischen München und Berlin steht es inzwischen eins zu eins: in München wurde die Pinakothek der Moderne eröffnet. In Berlin soll als neuer, zentraler Ort für das kulturelle Erbe der Welt, für Kunst und Wissenschaft das "Humboldt-Forum" entstehen. Auf dem Schlossplatz. Aber in welcher Form? Die Kommission wollte das Schloss, zumindest aber die historische Fassade; die Meinungsmacher in den Feuilletons dagegen warben eher für eine mutige Moderne, zumindest für einen Architektenwettbewerb. Stimmen aus "Kultur heute" Peter Conradi, dem Präsidenten der Bundesarchitektenkammer; Bruno Flierl, Mitglied der Experten-kommission und Monika Griefahn, Vorsitzende des Bundestagskulturausschusses:
Peter Conradi: Die Kommission kann doch den Architekten nicht das Denken verbieten. Nachdem die Nutzung klar ist, muss es möglich sein, für diese Nutzung andere Formen zu finden, und mein Wunsch war, den Wettbewerb so breit anzulegen, dass alle Möglichkeiten gezeigt werden, um dann zu entscheiden, ob man den Nachbau haben will oder was Neues oder eine Mischung.
Bruno Flierl: Meiner Ansicht nach ist es das Hauptargument, dass das Schloss allein nicht Symbol für das vereinte Deutschland sein kann. Wir sollten ein neues Bauwerk suchen, in dem Teile des Palastes und des Schlosses enthalten sein sollen als Symbol für eine gebrochene deutsche Geschichte.
Monika Griefahn: Ich wünschte mir, dass es einen Ideenwettbewerb gäbe mit ganz aussergewöhnlichen Ideen, ähnlich wie Centre Pompidou, dass ein neuer Mittelpunkt entsteht, ich denke, dass die Mitte Berlins mit etwas Außergewöhnlichem, Besonderen, Neuen gestaltet werden kann.
Der Bundestag entschied mit großer Mehrheit für den Wiederaufbau des Schlosses, was von den einen als "Schlüter-Disneyland" und Missbrauch der Geschichte zu Dekorationszwecken verurteilt, von den anderen als Bekenntnis zu dieser Geschichte und deren repräsentativer Kraft gelobt wurde. Das Schloss-Projekt wirkt allerdings doppelt anachronistisch, weil weder Stadt noch Bund sich die historisierenden Träume derzeit leisten können. Nicht einmal drei Opernhäuser in Berlin, eigentlich. Eine Schlüsselrolle in dieser Debatte spielt Berlins Kultursenator Thomas Flierl, der zum Amtsantritt im Januar noch mit seinem Image als PDS-Stadtteil-Politiker zu kämpfen hatte:
Wir sind uns der Bedeutung der Stadt bewusst, und keine großen Institutionen brauchen zu fürchten, dass ein kieziges Kulturverständnis Macht gewinnt, es gilt allerdings mit den großen Institutionen die Probleme zu lösen, im Rahmen einer dramatischen Haushaltslage, dass nicht allein wegen der Tarifauswüchse alle 5 Jahre ein Theater geschlossen werden muss.
Heute ist er schon einen Schritt weiter, und macht, womit seine vielen Vorgänger am besten fuhren: Appeasement-Politik in Richtung der Berliner Opern-Intendanten. Derzeit hat man sich wieder einmal auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner getroffen - und kein Problem gelöst.
Derweil sind nicht nur die hauptstädtischen Bühnen heftig bedroht: die Finanznot der Städte und Kommunen wird größer, der Konsumentenkreis durch ein Überangebot von Event- und Freizeit-Kultur kleiner. In Berlin, Frankfurt und Zürich wurde vorgeführt, wie die Politik reagiert, wenn die Zuschauer sich von ihrem Theater verabschieden. Sie stellt es zur Disposition. Udo Zimmermann geschasst, das Theater am Turm geschlossen, William Forsythe gekündigt, Christoph Marthaler, den plötzlich wieder alle lieb hatten, spektakulär an die Kandare genommen. Theater darf nicht gegen sein zahlendes Publikum gemacht werden, lautete die Botschaft. Aber wird Theater sich durch Popularisierung nicht selbst überflüssig machen? Andererseits: wo ist die nächste Generation der Theatergänger, wenn die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler Schillers Texte nicht mehr versteht? Deutschlands Bildungskrise hatte im Frühsommer einen neuen Namen: PISA E, die Länderstudie. Ihr Herausgeber Eckhard Klieme mahnt:
Es ist eine grundsätzliche Frage, ob eine Gesellschaft damit leben will, dass immer mehr ausgegrenzt werden, dass 25 Prozent in ihrem Niveau unter der Grenze für gute Chance auf eine eigene Berufslaufbahn liegen. 25 Prozent ist eine Zahl, die wir uns auf keinen Fall leisten sollten, aus ethischen, sozialen, aus Gründen der gesellschaftlichen Integration.
Womit auch die Debatte "mehr Anforderung oder mehr Anregung im Klassenzimmer" weitergeht. Doch die Abenteuerlust von Schülern wird heute von ganz anderer Seite angefacht. Dem Schock von Erfurt, wo der Rachefeldzug eines Schülers 16 Menschen das Leben kostete, folgte die Frage: Sind das "amerikanische Verhältnisse" oder handelt es sich um einen tragischen Einzelfall? Muss dem Alarmismus und Erklärungszwang der ersten Tage ein besserer Schutz von Jugendlichen etwa vor blutrünstigen Videospielen tatsächlich folgen? Der Medienpädagoge Reinhard Kreissl äußerte sich skeptisch zur pädagogischen Halbwertszeit des Amoklaufs:
Das Gedächtnis der Gesellschaft ist so kurz, in 2 Wochen wird es vergessen sein, dann kommt das nächste Ereignis. Die Gesellschaft braucht ihre Spektakel, Börsencrash oder Massaker, so lange darüber berichtet wird, wird ein gesellschaftlicher Diskurs am Laufen gehalten, was uns nicht hindern sollte, darüber nachzudenken, wie man die Wahrscheinlichkeit des Auftretens solcher Ereignisse verringern kann.
In die Rubrik "Medienspektakel" gehört auch das Thema, das wochenlang die Feuilletons der Republik regelrecht spaltete und ein weiteres Beispiel dafür lieferte, wie weitreichende Folgen die medial erzeugten Erregungszustände der Gesellschaft haben. Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" wurde vom Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, in einem offenen Brief als "Dokument des Hasses" und, schlimmer, als antisemitisch bezeichnet - zu einem Zeitpunkt, da das Buch noch gar nicht veröffentlicht war. Sprach aus Schirrmachers Zeilen berechtigte Empörung oder war das ein genau kalkuliertes, aber fahrlässiges Spiel um die Diskurshoheit im Literaturbetrieb? Der Schriftsteller Alban Nicolai Herbst meinte dazu:
Natürlich haben Leute wie Schirrmacher, Reich-Ranicki, Karasek, Radisch Interesse Macht auszuüben, Literturgeschichte zu bestimmen; interessant, dass es über die Vermittler passiert, also nicht die Produzenten der Tomaten verdienen das Geld, sondern die Verkäufer. Das ist eine Entwicklung, die hat mit dem Wirtschaftssystem zu tun; man darf sie aber nicht frei laufen lassen, deshalb muss man sich einmischen.
In "Kultur heute" kamen natürlich auch die ersten LeserInnen zu Wort, wie Sigrid Löffler, die den Roman verteidigte:
Ich habe keine antisemitische Absicht darin finden können, ich halte das Buch nicht für antisemitisch, es ist auch kein Skandal, etwas anderes: ob es als Schlüsselroman gelungen ist, man kann es mit guten Gründen für misslungen halten, aber ich denke nicht, dass es antisemitisch ist.
Was die hygienische Funktion des gesellschaftlichen Diskurses betrifft, so lässt sich festhalten, dass mit der Walser-Debatte außer den Frontlinien des Literaturbetriebs die Grenzen des in Deutschland öffentlich Sagbaren noch einmal klar umrissen wurden. Wer den Schlussstrich will, hat die historische Rolle des Holocaust nicht verstanden. Michael Naumann über die Unmöglichkeit einer Rückkehr zur Normalität:
Ich glaube, dass uns der Holocaust noch viele Tausend Jahre anhängen wird. Die Deutschen werden nicht wegen der Musiker in der Geschichte figurieren, sondern wegen dieses einmaligen Völkermordes. Es gibt einen nationalistischen, fremdenfeindlichen, in Grenzen antisemitischen Bodensatz im Lande, auf den man sich politisch populistisch berufen kann, und dieser Bodensatz hat die Botschaft von Möllemann erkannt, er hat in diesem Wahlkampf massiv um 2 Prozent in seinem Wahlkreis in NRW zugelegt.
Themenwechsel und zurück zur Kunst. Die documenta XI in Kassel war mit Sicherheit eine politisch korrekte Veranstaltung. Vielen Kritikern erschien sie auf provozierende Weise politisch platt; gleichzeitig zeigte sie sich auf provozierende Weise unzugäng-lich. Okwui Enwezor, der erste Nichteuropäer, der die documenta kuratierte, hatte einen hohen Anspruch. Er wollte die documenta als letzte von fünf Plattformen zum Teil einer postkolonialen Welterzählung machen, in der die kolonisierten Völker nicht mehr das "Andere des Westens" darstellen. Das Ergebnis sollte eine dauerhafte Störung des eurozentristischen Blicks auf die Kunstproduktion der Welt sein. Die Kunst war also dokumentarisches Material und Ausdruck einer übergeordneten kunsttheoretischen Erzählstrategie gleichermaßen. Das war irritierend, vor allem, weil dabei ästhetisch alles im Rahmen blieb. Für unsere Kritikerin Christiane Vielhaber erwies sich die Kunst von den Rändern als merkwürdig seelenlos:
Bemerkenswerter Weise findet der Mensch nicht statt. Menschen werden gezeigt, beim Reden, bei der Arbeit, aber der Mensch steht nicht im Mittelpunkt als Teil der Kultur oder Teil des kulturellen Bruches.
Und Hanno Rauterberg von der Wochenzeitung "Die ZEIT" analysierte:
Documenten sind immer dazu da, Erwartungen zu enttäuschen. Sonst würde man nicht alle 5 Jahre hierherkommen. Zum Beispiel die von Jan Hout 92, zeigte so eine Art Politikverdrossenheit. Diese documenta zeigt ein subkutanes politisches Bewusstsein, das hier seinen Ausdruck findet. Es ist die documenta der Generation Attack, ohne sie jetzt in einen zu engen Rahmen packen zu wollen.
Die Generation Attac - gerade erst bezog die Organisation der Globalisierungsgegener ein Büro in der Bankenstadt Frankfurt - übt sich seit Beginn in phantasievollen Kommunikations- und Ausdrucksstrategien. Warum das weltweite Netzwerk der antikapitalistischen Zivilgesellschaft zwar erfolgreich arbeitet, aber ein Problem mit den Adressaten hat, erklärte Jean Ziegler so:
Das Problem mit den Herren der Welt ist: sie sind unsichtbar, reden nicht, Kapitalismus als Naturgesetz, keine Auseinandersetzung mit einem Unternehmer des 19. Jhs. Es wird einmal ein Nürnberger Tribunal für die Verbrechen der Konzerne geben, und da ist die Frage: wo sendet man die Vorladung hin?
Sehr wohl zustellbar, nämlich über die Feuilletonseiten der überregionalen Presse, waren die Briefe, die us-amerikanische und deutsche Intellektuelle austauschten. Dem amerikanischen Manifest, das den "gerechten Krieg" in Afghanistan geradezu zur moralischen Pflicht erhob, antworteten unter anderem Christoph Hein, Tilman Spengler, Walter Jens oder Günther Wallraff:
Es geht auch nicht mehr nur um Afghanistan, es geht um weitere vorbereitete Kriege, und wenn das der Beginn ist einer neuen Serie von geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen – humanitäre Ziele sind ja immer nur vorgeschoben – und wenn das nun propagandistisch unterstützt wird gerade von denen, die eigentliche Skeptiker der Regierungsentscheidungen sein sollten, dann muss man sagen, haben wir die Gleichschaltung in den Medien erreicht. Sie werden zur Vorhut der wirtschaftlich-militärischen Interessen, und das ist eine Bankrotterklärung.
Die Kritik an der politischen Praxis der alleinigen Supermacht wurde begleitet von einer Diskussion über das neue amerikanische "Empire". Gary Smith von der American Academy wies damals in "Kultur heute" jede Vergleichbarkeit als intellektuelle Spekulation zurück:
Ich halte es für absurd, diese einfache feuilletonistsiche Parallel zwischen Empire und Rom. Die amerikanische Politik ist ein Empire in einem Verbund. Ohne Schlüsselpartner wird keine politische Entscheidung getroffen. Nur hier isoliert Deutschland sich völlig, nicht nur gegenüber den Amerikanern, sondern auch gegenüber Europa.
Und heute? Sind wir ein paar Monate weiter und stehen am Beginn des nächsten Krieges, von dem nur die wenigsten glauben, dass er sich noch verhindern ließe, und dem eine beweisbare moralische Legitimation durchaus fehlt. Wenn die Gesellschaft des beginnenden dritten Jahrtausends sich per Präventivkrieg den moralischen Offenbarungseid leisten mag, dann ist es notwendig, auf jene bedeutenden Figuren hinzuweisen, die jetzt nicht mehr sind, die aber zur demokratischen Glaubwürdigkeit der neuen Bundesrepublik Wesentliches beizutragen hatten. Es starben: Hans Georg Gadamer, Rudolf Augstein, Marion Gräfin Dönhoff und Matthias Beltz; es starben große Künstlerinnen wie Hildegard Knef, Marianne Hoppe, Astrid Lindgren, Niki de Saint Phalle oder Luise Rinser, und es starb der letzte große Verleger und Chef des Suhrkamp-Verlages, Siegfried Unseld. Marcel-Reich-Ranicki würdigte ihn als große letzte Verlegerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts.
Er war der außerordentlichste, wichtigste und bedeutendste Verleger der ganzen Geschichte der deutschen Kultur. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es zwei Verleger, in der ersten Hälfte Samuel Fischer, in der zweiten Siegfried Unseld. Nur: Unseld war weit mehr als ein Verleger. Er hat das geistige Leben seiner Epoche im hohen Maße geprägt.
Mit seiner Mischung aus Geschäftssinn und paternalistischer Loyalität zu den Autoren war Unseld auch für Adolf Muschg Ausnahmeerscheinung und Vorbild zugleich:
Auch darin war er ein weißer Rabe unter Verlegern, dass er sich und sein Geschäft an Autoren orientiert hat, nicht am Verkauf von Autoren, sondern an dem, was die Autoren für ihn verkörpert haben. Und da ist natürlich das Vorbild Hermann Hesses für ihn prägend gewesen: ein durch und durch konservativer Autor mit einer rebellisch-widerständigen Substanz. Mit ihm konnte man ein Stück Geschichte bewältigen, ohne sich untreu zu werden.
Was bleibt, wenn so viele gehen? Der Krieg und die Krise – das wäre ein bisschen viel und ein bisschen wenig zugleich. Aber Moment mal. Die Krise zumindest gibt es eigentlich nicht. Sagt Trendforscher Matthias Horx, der deshalb bei uns das letzte Wort haben soll:
Wir stehen fassungslos vor dem Syndrom in der deutschen Öffentlichkeit, das von einem hysterischen und von einem ideologischen Ton geprägt ist und sich jetzt verdichtet zu so einer Art Klagemühle. Was ist denn eine Wirtschaftsflaute? Wir haben noch nicht mal eine Rezession. Alle 10 Jahre gibt es so einen Zyklus: Unternehmen werden fett, veraltet, fassen wieder Tritt, das ist ein ganz normaler Zyklus, nach dem die Gesellschaft wieder gut Tritt fasst. Im Moment herrscht aber eine geradezu hysterische Stimmung, eine so große Angst vor der Angst, dass die notwendigen Reformen nicht gemacht werden, und dagegen muss man massiv vorgehen.
Die Ärmel also hochgekrempelt und aufgemacht ins Kulturjahr 2003, zu dem wir von "Kultur heute" Sie ab morgen wie jeden Tag ganz herzlich einladen!
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