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Nach der Wahl
Afghanistan am Scheideweg

Viele Afghanen haben ihr Leben riskiert, um bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme abzugeben. Nur wenige Tage später boykottiert Kandidat Abdullah die Auszählung und erhebt massive Fälschungsvorwürfe. Der Wahlprozess steckt in der Sackgasse. Geht Afghanistan den "irakischen Weg"?

Von Sandra Petersmann | 21.06.2014
    Jamila ist um die 40, so alt wie der afghanische Krieg. Ihr genaues Alter kennt sie nicht. Sie hat am vergangenen Samstag ihre Stimme abgegeben, weil es ihr um die Zukunft ihrer fünf Kinder geht. Jamila wünscht sich einen Präsidenten, der sich für Frieden und Entwicklung einsetzt. Sie denkt an Schulen, an bessere Straßen, an einen Alltag ohne Explosionen und Schüsse.
    Jamila hat am vergangenen Samstag Terror und Gewalt getrotzt, um eine bessere Zukunft zu wählen. Mehr als 50 Zivilisten bezahlten diesen Mut mit dem Leben. Soll das alles umsonst gewesen sein? Der als Favorit ins Rennen gegangenen Kandidat Abdullah Abdullah spricht inzwischen von "industriellem Wahlbetrug". Erst forderte er den sofortigen Stopp der Auszählung. Jetzt droht er offen damit, das Ergebnis nicht anzuerkennen, da es unter den gegebenen Umständen keinerlei Legitimität habe.
    "The counting process should stop immediately. And in regard to the legitimacy, all that we are asking for is the legitimacy of the process."
    Abdullah war nach dem Sturz der Taliban erster Außenminister der neuen Regierung unter Hamid Karsai. Heute gehört er zu den schärfsten Kritikern des scheidenden Präsidenten. Abdullah zweifelt an Karsais Neutralität. Und an der Neutralität der afghanischen Wahlbehörden.
    "Es besteht überhaupt kein Zweifel", untermauert Abdullah, "dass die politische Führung Afghanistans von Anfang an parteiisch war." Das sei für ihn so klar wie "der afghanische Sonnenschein".
    Ratlose Wähler
    Abdullah war mit 45 Prozent der klare Sieger der ersten Wahlrunde am 5. April. Er gilt als Mann der nördlichen Landeshälfte - vor allem als Mann der starken, tadschikischen Minderheit. Konkurrent Ashraf Ghani, bis zu seiner Kandidatur ein enger Berater Karsais, war mit knapp über 31 Prozent in die Stichwahl eingezogen. Ghani ist wie der noch amtierende Präsident und wie die meisten Herrscher der afghanischen Geschichte ein Paschtune. Die Paschtunen sind die mit Abstand größte afghanische Volksgruppe und siedeln vor allem in der umkämpften südlichen Landeshälfte. Und gerade dort soll die Wahlbeteiligung im Vergleich zur ersten Wahlrunde nach den vorläufigen Angaben der Wahlkommission deutlich zugenommen haben. So stark, dass die überraschend hohe Gesamtbeteiligung der ersten Runde angeblich noch einmal übertroffen wurde. Doch für die geschätzten über sieben Millionen Wähler der Stichwahl "gibt es nirgendwo belastbare Beweise", klagt Abdullah.
    "When the commission announced that the turnout of the people is over seven million people, there is no collaborating evidence at all throughout the country."
    Ist in den paschtunischen Gebieten im großen Stil gefälscht worden? Zugunsten des Paschtunen Ghani? Auch unabhängige Wahlbeobachter äußern Zweifel an der hohen Wahlbeteiligung. Zurück bleiben ratlose Wähler - wie der kriegsmüde Bauer Ghulam.
    "Jeder, der diesem Land wirklich dienen möchte, kann uns führen",
    sagt der schmächtige 63-Jährige mit den tiefen Falten im Gesicht. Die afghanische Herausforderung ist riesig: die Wirtschaft hängt von der Präsenz der internationalen Truppen ab, die sich zurückziehen. Der Staat ist schwach und korrupt und kann sich alleine nicht finanzieren. Gewalt gehört nach wie vor zum Alltag, die Armut ist allgegenwärtig. Auch deshalb fragen sich viele Beobachter, ob Afghanistan dem irakischen Weg folgen wird - spätestens nach dem Abzug der letzten NATO-Truppen. Vom scheidenden Präsidenten Karsai kommt dazu ein klares Nein. "Ich habe Vertrauen in die afghanische Bevölkerung", sagt Karzai im Exklusiv-Interview mit der BBC.
    "Never, not at all. I am confident of the Afghan people."
    Ungelöster Bürgerkrieg
    Nicht Afghanistan sei das Problem, kontert der scheidende Präsident, sondern "der unehrliche und falsch geführte Kampf gegen den Terror". Die Folgen seien "in der gesamten Region zu spüren".
    "I believe that the war on terror was not fought with honesty and not fought genuinely - felt throughout the region."
    Afghanistan hat mehr als 30 Jahre Krieg hinter sich, aber das Land hat keinen historisch gewachsenen sunnitisch-schiitischen Konflikt wie der Irak oder Syrien. Der afghanische Dauerkrieg ist ein Krieg, an dem das Ausland immer beteiligt war. Abdullahs Wahlboykott jetzt ist vor allem ein Ausdruck der tiefen Wunden des ungelösten Bürgerkriegs der 90er Jahre. Damals, nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen, buhlten die verschiedenen afghanischen Widerstandsgruppen um die Macht - gespalten entlang ethnischer Linien, hochgerüstet vor allem von den USA und arabischen Ländern. Für die Verbrechen, die damals geschahen, hat bis heute niemand die Verantwortung übernommen. Eine demokratische Wahl könnte zur Versöhnung beitragen - vorausgesetzt, es gibt politische Eliten, die nicht fälschen und die verlieren können.