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Startseite@mediasresBBC rudert in Rassismus-Streit zurück02.10.2019

Nach Rüge gegen ModeratorinBBC rudert in Rassismus-Streit zurück

Müssen Moderatorinnen und Moderatoren komplett neutral bleiben oder dürfen sie ihre Meinung sagen? Diese Frage wird in Großbritannien gerade diskutiert. Anlass ist eine Bemerkung über einen rassistischen Tweet von US-Präsident Donald Trump – und die Reaktion der BBC darauf.

Von Sandra Pfister

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Die Journalistin Naga Munchetty (Imago Images / Matrix)
Die Journalistin Naga Munchetty: Als Moderatorin präsentiert sie in der BBC verschiedene Sendungen. (Imago Images / Matrix)
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Naga Munchetty ist 44 und eine erfahrene Radio- und Fernsehmoderatorin. Ihre Mutter kommt aus Indien, ihr Vater aus Mauritius. Sie hat ihr komplettes Leben in England verbracht. Ihr Co-Moderator Dan Walker will von ihr wissen, wie es sich für sie anfühlt, Donald Trumps Tweet zu lesen. 

"Jedes Mal, wenn mir als farbiger Frau gesagt wurde, ich soll dahin zurückgehen, wo ich hergekommen bin, war das eingebettet in Rassismus. Ich beschuldige hier niemanden, aber man weiß doch, was bestimmte Sätze bedeuten." Dan Walker fragt nach, wie sie sich denn gefühlt habe? "Wütend. Total wütend. Und ich kann mir vorstellen, dass eine Menge Menschen in diesem Land sehr wütend sind, dass ein Mann in dieser Position das Gefühl hat, es ist okay, derartig Grenzen zu überschreiten."

Ein Zuschauer beschwerte sich. Die interne Beschwerdestelle der BBC prüfte und kam vor einer Woche zu dem Ergebnis, Naga Munchetty habe gegen die Richtlinien der BBC verstoßen. Journalisten seien zur Überparteilichkeit verpflichtet.

David Jordan, Leiter dieser BBC-internen Beschwerdestelle, die aus fünf Männern und zwei Frauen besteht, begründete das in der BBC: "Wir haben nicht daran Anstoß genommen, dass sie als ‚person of colour‘ ihre persönliche Meinung gesagt hat. Auf rassistische Kommentare hinzuweisen,  ist absolut akzeptabel. Es geht aber darum, wie man hinterher die Person darstellt, die die Bemerkungen gemacht hat, und ob man über ihre Motive spekuliert. Wir dürfen das so nicht unterstellen, egal ob es Präsident Trump oder jemand anders ist."

Große Solidarität

Was dann kam, war ein perfekter Shitstorm. Viele Zeitungskollegen brachen eine Lanze für die Moderatorin, wenn auch manche eher aus schierer Lust, auf die ungeliebte gebührenfinanzierte Konkurrenz draufzuhauen. Der Tenor aber lautet tendenziell: Die BBC betreibe Haarspalterei. Wenn man Rassismus kritisieren darf, warum nicht die Person dahinter?

Auch eine ganze Reihe von BBC-Kollegen sieht das so, unter anderem der indisch-stämmige Fernsehmoderator Nish Kumar. "Wir alle arbeiten für die BBC, sie muss unbedingt unparteiisch sein. Denn die Rundfunkgebühren werden von Leuten unterschiedlicher Herkunft und Einstellung bezahlt. Trotzdem kann ich nicht verstehen, warum wir Rassismus immer noch so behandeln sollen, als sei das eine legitime Meinung."

"C’mon, BBC, das ist lächerlich", twitterte selbst der konservative Finanzminister Sajid Javid, ein Sohn pakistanischer Einwanderer. "Es ist doch vollkommen verständlich, warum sie gesagt hat, was sie gesagt hat."

BBC nimmt Rüge zurück

Die BBC legt Wert auf Diversität, im Haus setzte entsprechend ein Beben ein. Sogar 100 Abgeordnete des Unterhauses setzten sich für Naga Munchetty ein. 44 Künstler und Schriftsteller, überwiegend nicht-weißer Abstammung, schrieben aus Solidarität einen offenen Brief an die BBC. Eine der Organisatorinnen war die Schriftstellerin Afua Hirsch. "Es ist grotesk, zu sagen, es ist in Ordnung für Moderatoren, zu erzählen, welcher Rassismus ihnen selbst widerfahren ist, aber dann zu fordern, sie sollen nicht über die Person urteilen, die rassistisch ist. Das bedeutet doch, dass wir uns neutral verhalten sollen, ob diese Erfahrungen gut oder schlecht waren."

Ein wenig schimmert durch, dass bei der BBC ältere Moderatoren weißer Hautfarbe offenbar den Fall anders bewerten. BBC-Veteran Alistair Steward meint, unabhängige Moderatoren sollen Fakten liefern und nicht ihre Meinung. Auch Starmoderator Andrew Marr pflichtet ihm bei.

Dennoch: Unter dem massiven öffentlichen Druck ruderte Tony Hall, der Intendant der BBC, jetzt zurück. Die BBC nimmt die offizielle Rüge Naga Munchettys zurück. Ihre Äußerungen genügten nicht, um die Beschwerde aufrecht zu erhalten. Rassismus sei Rassismus, so Hall, und die BBC sei in dieser Frage nicht wertfrei.

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