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Startseite@mediasresDie Rolle der Medien bei den Ausschreitungen07.01.2021

Nach Sturm auf US-KapitolDie Rolle der Medien bei den Ausschreitungen

Bei der Erstürmung des US-Kapitols sind auch Medienvertreter Ziel von Angriffen militanter Trump-Anhänger geworden. Wie Journalisten die Situation erlebt haben, welche Rolle die sozialen Medien gespielt haben und wie Medien mit der Selbstinszenierung der Demonstranten umgehen sollten - ein Überblick.

Von Isabelle Klein

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Zerstörtes Medien-Equipment liegt am 06.01.2021 vor einer Gruppe von Trump-Angängern auf dem Boden vor dem Kapitol in Washington, DC. -  (AFP / AGNES BUN )
Bei den Ausschreitungen am Kapitol attackierten Trump-Anhänger Medienschaffende und zerstörten deren Ausrüstung (AFP / AGNES BUN )
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In Washington haben Anhänger des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump am Mittwoch (06.01.2021) die Kongresssitzung zur Bestätigung des Wahlsiegs von Joe Biden gestört und das Gebäude gestürmt. Als Demonstranten Polizeiabsperrungen durchbrachen und in das Gebäude eindrangen, eskalierte die Lage. Vier Menschen kamen im Zuge der Krawalle ums Leben, mehr als 50 wurden festgenommen.

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Zuvor hatte Trump in einer Rede den Demokraten erneut Wahlbetrug vorgeworfen und seine Anhänger aufgerufen, vor dem Parlament in Washington zu protestieren.

Während der gewaltsamen Proteste wurden auch Medienvertreterinnen und -vertreter angegriffen und bei ihrer Arbeit behindert. "Ermordet die Medien" wurde in eine Tür des Kapitols geritzt.

Wie haben Journalistinnen und Medienvertreter die Situation erlebt?

Noch während der laufenden Ausschreitungen berichteten Reporterinnen und Reporter von vor Ort, viele dokumentierten das Geschehene nicht nur für ihre Auftraggeber, sondern auch privat in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter und Co. posteten sie Fotos und Videos, die unter anderem zeigen, wie Presseleute immer wieder von Demonstranten bedrängt, behindert und angegriffen wurden.

So hielt beispielsweise der Bloomerg-Journalist William Turton in einem Video fest, wie Trump-Anhänger Absperrungen durchbrachen und Equipment zerstörten.

Als einen "Angriff auf die freie Berichterstattung" wertet die stellvertretende ZDF-Chefredakteurin, Bettina Schausten, die Angriffe auf die Pressevertreter. Dies sei völlig inakzeptabel und "gerade in den USA, der Wiege der Demokratie, besonders bitter".

Auch der deutsche Journalist Daniel Friedrich Sturm war live vor Ort, er ist USA-Korrespondent der Tageszeitung "Welt". "Die Eskalation war längst da, als ich eingetroffen bin", sagte Sturm im Dlf. Erschreckend sei gewesen, wie wenig Sicherheitsbeamte vor Ort gewesen seien - "eine Stunde, nachem Trump-Anhänger ins Kapitol eingedrungen waren".

Er habe sich unauffällig verhalten und sich nicht direkt als Medienvertreter zu erkennen gegeben, "ich habe meine Akkreditierung nicht offen getragen", so Sturm, denn man wisse, wie Trump-Anhänger gegenüber Medien eingestellt seien. Der scheidende US-Präsident habe die Medien regelmäßig bei seinen Ansprachen diffamiert: "Wundern kann man sich eigentlich gar nicht."

Besondere Beachtung fand die Live-Berichterstattung des Journalisten Robert Moore. Für den britischen TV-Sender ITV berichtete er während der Erstürmung des Kapitols direkt aus der Menge der Demonstranten. Seine Reportage wurde innerhalb weniger Stunden tausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt.

Wie haben soziale Netzwerke reagiert?

Nach den Ausschreitungen am Kapitol sperrte der Kurznachrichtendienst Twitter den Account des amtierenden Präsidenten Trump für zwölf Stunden. Drei Tweets hätten wiederholt und schwerwiegend gegen die Richtlinien verstoßen und müssten gelöscht werden, erklärte das Unternehmen. Sollte die Löschung nicht erfolgen, würde das Konto gesperrt bleiben.

Auch Facebook und die Unternehmenstochter Instagram kündigten später an, sich dieser Maßnahme anzuschließen, und begründeten dies mit der Sorge, dass Trumps Botschaften zu weiterer Gewalt führen könnten. Sie sperrten seine Accounts für 24 Stunden.

Trump hatte zuvor Verständnis für den Sturm seiner Anhänger auf das Kapitol erkennen lassen. Er wiederholte seine Behauptungen, dass es einen massiven Wahlbetrug zu seinen Ungunsten gegeben habe, forderte seine Anhänger aber auch dazu auf, friedlich nach Hause zu gehen. Trump sprach zugleich von "großartigen Patrioten" und ermunterte seine Gefolgschaft, sich "für immer an diesen Tag" zu erinnern.

Der Datenjournalist Luca Hammer sieht das Vorgehen der Tech-Unternehmen im Dlf kritisch. Diese hätten erst sehr spät auf Trumps Überschreitungen reagiert: "Ein paar Tage vorm Ende seiner Amtszeit trauen sie sich raus und machen tatsächlich das, was eigentlich immer gefordert worden ist. Und selbst da sind sie noch sehr zurückhaltend, weil eigentlich hätten sie ja den Account direkt löschen oder zusperren können."

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Haben sich die Trump-Anhänger über soziale Netzwerke organisiert?

Viele von Trumps Anhängerinnen und Anhänger seien inzwischen auch in alternativen Netzwerken unterwegs, meint die Journalistin Karolin Schwarz, die zu rechtsextremer Radikalisierung im Netz recherchiert. Dort hätten sich nun auch die militanten Demonstranten von Washington organisiert, sagte sie im Dlf:

"Im Prinzip gibt es keine Plattform, auf der das nicht stattfindet, das muss man auch sagen. Ob man jetzt auf VK ist, auf Parler oder auf dem ehemaligen Donald-Trump-Sub-Reddit, der dann seine eigene Website wurde. Auch da hat das natürlich eine wichtige Rolle gespielt, wahrscheinlich auch eine der wichtigsten."

VK.com ist ein soziales Netzwerk aus Russland, Parler und Reddit sind Plattformen aus den USA. 

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Ebenfalls bedeutend bei den Ausschreitungen waren nach Einschätzung von Schwarz Netzwerke, auf denen die Ereignisse im Kapitol live gestreamt wurden: Youtube, Twitch aber auch Facebook. Hier hätten die Demonstranten ihre Bilder öffentlichkeitswirksam verbreiten können. 

Wie sollten Medien mit der Selbstinszenierung der Demonstranten umgehen?

Via Live-Streaming, Netzwerke oder Fernsehsender - die Bilder archaisch verkleideter Demonstranten, grölender Trump-Anhänger und verängstigter Abgeordnete machten am Mittwoch (06.01.2021) schnell die Runde.

"Solche Bilder sind fatal", twitterte die Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun. Diese würden von Trump-Anhängern als Erfolg verbucht und zur Machtdemonstration verwendet.

Einerseits müsse man über das Ereignis berichten, andererseits gebe man den Akteurinnen und Akteuren eine Plattform und eine Sichtbarkeit, sagte der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff im Dlf. Die Rolle der Massenmedien sei es, diese Bilder nicht nur zu zeigen, sondern mit anderen Ereignissen ins Verhältnis zu setzen und konkret einzuordnen.

Auch bei der Bezeichnung der Akteurinnen und Akteure müsse man abwägen. Der Begriff "Trump-Unterstützer" sei zwar einigermaßen neutral, könne aber angesichts der gewaltsamen Szenen verharmlosend wirken, so Hornuff. Die Begriffe müssten in eine Verhältnismäßigkeit zu den Ereignissen gestellt werden.

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