Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 03:30 Uhr Forschung aktuell
StartseiteKalenderblattNachfolger Goethes12.09.2006

Nachfolger Goethes

Hans Carossa war ein Lyrik-Star der jungen Bundesrepublik

Hans Carossa zählte zu den populärsten deutschen Schriftstellern seiner Zeit. Seinem Arztberuf entsprechend trat er in der Rolle des Schriftstellers als "heilkundiger Dichter" auf, dem seine Leser allerhand Lebensgeheimnisse abzugewinnen wussten. Vor 50 Jahren ist Carossa gestorben.

Von Christian Linder

Nach seinem literarischen Durchbruch gab Carossa den Arztberuf auf. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Nach seinem literarischen Durchbruch gab Carossa den Arztberuf auf. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Der Dichter-Lorbeer welkt bekanntlich schnell. Auch im Fall Hans Carossas ist es so gewesen. Dabei war er einmal einer der berühmtesten und populärsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit, bewundert von Kollegen wie Hugo von Hofmannsthal und geliebt von seinen Lesern. Denn anders als Gottfried Benn, der wie Carossa neben dem Schriftstellersein als Arzt praktizierte, führte Carossa kein "Doppelleben" und erschreckte Leser nicht wie Benn durch einen abweisenden, kalten Blick in seinen Gedichten, sondern trat wie in seinem Arztberuf auch in der Rolle des Schriftstellers als "heilkundiger Dichter" auf, dem seine Leser allerhand raunende Lebensgeheimnisse abzugewinnen wussten. "Übt Euch im alten Gesang" war Carossas Schreibdevise, und er selber konnte diesen Gesang, der sich allen Zeit- und Modeströmungen verweigerte, mit großem, auch schwerem Atem vortragen:

"Silbernes Mittagsgesicht ... Alle sind außen im Korn ... Alles ist wie es war."

Das In-sich-Ruhen und die Gelassenheit, von der viele Gedichte Carossas zeugen, waren allerdings Ergebnis eines langen Lebenskampfes. Geboren am 15. Dezember 1878 in Bad Tölz als Sohn eines Landarztes, folgte Hans Carossa dem Wunsch des Vaters und studierte ebenfalls Medizin. 1904 übernahm er auch die Praxis des Vaters in Passau. Da schien eine gediegene bürgerliche Existenz vorbestimmt. Doch im Leben des Arztes Hans Carossa ereigneten sich dann einige innere Erdbeben, die genährt wurden von Selbstzweifeln und der Verlockung, aus dem scheinbar gesicherten Leben auszubrechen. In frühen Gedichten und Prosabänden wie "Dr. Bürgers Ende", 1913 erschienen, hat Carossa diese Verlockungen notiert, die zum Beispiel darin bestanden, dass aus einem Patientenverhältnis plötzlich eine Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau sich entwickelte, allerdings mit tödlichem Ausgang. Carossa selber überlebte, indem er sich, ganz im Sinne Thomas Manns, eine "Verfassung" gab. Das innere Sprengmaterial, das Carossa in seinem Leben vorfand und seine Person bis zur Auflösung gefährdete, wurde nun im Schreiben ausgeblendet, und er begab sich auf den Weg in die reale Außenwelt. Themen wie Kindheit oder Heimat wurden ihm nun selbstverständlich, und die äußeren Dinge in der Welt - schwarze Flüsse oder verwunschene Orte wie alte Steinbrüche - wurden ihm Gegenstand prunkender Darstellung.

"Da liegt unter heiligem Stein der Schatz den du vergrubst ... Du sahst in die ferne Zeit ... Du wahrsagtest Krieg und Verfall ... Treu hast du gedarbt und bewahrt."

"Andern ein Licht auf ihre Bahn zu werfen, indem ich die meinige aufzeige, dies war mein Vorsatz," notierte Carossa unter dem Motto "Führung und Geleit" in seinem "Lebensgedenkbuch". Ein sprechender Titel wie auch "Geheimnisse des reifen Lebens" oder "Verwandlungen einer Jugend". Carossas schreibender Arztkollege Gottfried Benn ging höhnisch auf Distanz: Er wolle nicht so "weise" werden wie Carossa. Aber beim großen Publikum war der Erfolg mit diesem Schreibprogramm vorgezeichnet, und auch an äußeren Ehrungen hat es Carossa nicht gemangelt: Vom Dichterpreis der Stadt München über den Gottfried-Keller-Preis bis zum Goethepreis hat Carossa sich alle Ehrenabzeichen auf seine Lodenjacke stecken können. Ein bodenständiger Mensch, der die meiste Zeit in Bayern verbracht hat, mit Sinn für Tradition. Ein Goethe-Nachfolger und wie dieser eine "geistig-seelische Weltmacht" - so sah er sich selber. 1938 in Weimar hat Carossa in einer Rede über Goethes Wirkungen in der Gegenwart sein Goethe-Verhältnis beschworen:

"Erneuern wir uns den Spruch unseres Meisters: Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil."

Da befand Hans Carossa sich, mitten in der Nazizeit, in der inneren Emigration. Verführungen, sich von den Nationalsozialisten als Aushängeschild benutzen zu lassen, wehrte er ab, indem er sich zum Beispiel nicht in die Preußische Akademie für Sprache und Dichtung berufen ließ. Als er sich 1941 dann doch dem Nazidruck beugen musste und Präsident der Europäischen Schriftsteller-Vereinigung wurde, entzog er sich dem Engagement dadurch, dass er als Präsident zu den jährlichen Vereinstreffen nicht erschien. Ende April 1945 erlebte Carossa noch eine gefährliche Situation, als er den Oberbürgermeister von Passau bat, die Stadt nicht vor den anrückenden Alliierten zu verteidigen und sie somit vor der Zerstörung zu retten. Die SS verurteilte ihn daraufhin in Abwesenheit zum Tode.

In der jungen Bundesrepublik war der Ruhm Hans Carossas dann ungebrochen. Er vervollständigte sein Werk mit weiteren Gedichtbänden, Reiseberichten aus Italien - woher Carossas Vorfahren stammten - und autobiografischen Erinnerungen wie in dem Band "Ungleiche Welten". Auch auf seinen Arztberuf, den er zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr ausübte, blickte er noch einmal zurück. Ein Jahr vor seinem Tod am 12. September 1956 beschrieb er den "Tag eines jungen Arztes". Dieser Arzt, natürlich kein anderer als Hans Carossa, sitzt auf einem Felsen in seiner alten Heimat und blickt auf sein Leben zurück:

"Der Tod, das große Geheimnis, ich ahne schon, wie er durch den täglichen Umgang gewöhnlich wurde, wie er der Entweihung verfiel."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk