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Nachgefragt Der Attentäter und die Verschwörungstheorie vom "Großen Austausch"

Von Marco Bertolaso
Dieses Bild aus dem Video des mutmaßlichen Schützen zeigt eine Waffe in seinem Fahrzeug. (AP / Tätervideo)
Dieses Bild aus dem Video des mutmaßlichen Schützen zeigt eine Waffe in seinem Fahrzeug. (AP / Tätervideo)

Der Attentäter von Christchurch hat vor seinen Morden ein Manifest veröffentlicht und weist damit auch nach Europa. Es trägt die Überschrift "The Great Replacement". Er bezieht sich damit auf eine der wichtigsten rechten Verschwörungstheorien. Wir haben einige Informationen zusammengestellt, die Sie dazu kennen sollten.

Die Welt ist entsetzt darüber, dass ein Mann in Neuseeland mindestens 50 Menschen in zwei Moscheen erschossen hat. Wir nennen übrigens seinen Namen nicht, zeigen auch keine Bilder von ihm und haben uns auch nicht an der Verbreitung seines Tatvideos beteiligt. Wir glauben, dass dies die richtige Entscheidung ist, um Tätern wie ihm keine Bestätigung zu geben, die andere als Anreiz verstehen könnten.

Worum es geht

Die Motivation des Attentäters ist dagegen mehr als bekannt. Er hat sich ausführlich dazu geäußert. Wenige Minuten vor Beginn des Terroranschlags hat der Australier nämlich ein Pamphlet verschickt, zum Beispiel an die neuseeländische Ministerpräsidentin Ardern. Schon die Überschrift "The Great Replacement" lässt erkennen, um welches Gedankengut es sich handelt.

"Replacement" kann man mit "Austausch" übersetzen. Es geht dabei um einen Bevölkerungsaustausch. Die Verschwörungstheorie kreist um die Annahme, dass weiße Bevölkerungen verdrängt werden (sollen), durch Flüchtlinge oder andere Zuwanderer, aber auch durch schon eingewanderte Minderheiten, die - tatsächlich oder prognostiziert - mehr Kinder bekommen als die vermeintlich ursprüngliche Bevölkerung.

Renaud Camus und Frankreich

Derzeit wird die Idee vor allem mit dem französischen Autor Renaud Camus in Verbindung gebracht. "Le grand remplacement", so heißt sein 2001 erschienenes Buch. Er zeichnet das Bild einer französischen Gesellschaft, in der eine Machtübernahme durch Muslime näher rückt. Camus verlangt unter anderem das Verbot von Familiennachzug und eine Verschärfung des Staatsangehörigkeitsrechts. Er will, dass bestimmte Sozialleistungen nur noch an Europäerinnen und Europäer gezahlt werden.

In Frankreich gilt die Verschwörungstheorie vom "Großen Bevölkerungsaustausch" als einflussreich. Die "Frankfurter Allgemeine" nannte Renaud Camus vor einiger Zeit "den Einflüsterer von Marine Le Pen", der Chefin der französischen Rechtsextremen. Und für viele Beobachter steht auch Michel Houellebecqs Roman "Die Unterwerfung" unter dem Einfluss dieser Ideen. Darin beschreibt Houellebecq ein Frankreich, in dem moderate Islamisten an die Macht kommen. 

Kubtischek und Trump

In Deutschland ist "Le grand remplacement" als "Die Revolte gegen den großen Austausch" im Antaios-Verlag erschienen. Dessen Chef Götz Kubitschek hat die "New York Times" vor kurzem in einem Artikel über die Identitäre Bewegung als den "Paten der neuen rechten Bewegung in Deutschland" bezeichnet.

Antaios bewirbt das Buch von Camus im Netz mit folgenden Worten: "Er gilt als Vordenker des Front National in Frankreich, als Stichwortgeber und intellektuell rücksichtsloser, unabhängiger Kopf: Renaud Camus hat die Überfremdung Europas als "Großen Austausch" bezeichnet, und dieser Begriff beginnt sich durchzusetzen!

US-Präsident Donald Trump steht auf einer Bühne und umarmt eine amerikanische Staatsflaage. (dpa/AP/Jose L.Magana)US-Präsident Trump auf einer Tagung ("CPAC") konservativer Aktivisten und Politiker in Oxon Hill (dpa/AP/Jose L.Magana)

Der Attentäter von Christchurch lobte Donald Trump als Symbol der weißen Identität. Das kann man dem US-Präsidenten erst einmal nicht vorwerfen. Doch für die "Washington Post" kommt das nicht von ungefähr. Sie beschreibt, dass sich vieles aus der "Replacement"-Theorie im Gedankengut von Trump und seines Ex-Beraters Steve Bannon wiederfinden lässt. Die Behauptung der Überlegenheit der Weißen und gleichzeitig deren Bedrohung gehörten zum Repertoire, mit dem Trump bestimmte Wählergruppen umwerbe.

Ursprünge und Veränderung der Theorie

Renaud Camus ist nicht der Erfinder dieser Verschwörungstheorie. Ihre Wurzeln reichen in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Historiker Nicolas Lebourg schreibt in der Online-Zeitung "Médiapart", damals hätten ehemalige Mitglieder Waffen-SS und andere Rechtsextreme eine Beherrschung Europas durch schwarze und asiatische Soldaten beschworen; sie bezogen sich dabei auf Teile der siegreichen Armeen der USA und der Sowjetunion.

Lebourg betont, als Drahtzieher seien in dieser Zeit "jüdische Verschwörer" genannt worden. Die Stoßrichtung habe sich dann nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA verändert. Inzwischen gehe es nicht mehr nur um Antisemitismus, die Theorie mobilisiere heute Rassisten aller Art und Islamfeinde.

Multikulti und Globalisierung

Angegriffen werde nun eine "Multi-Kulti-Ideologie", deren Ziel es sei, die "weißen und christlichen" Bevölkerungen Europas durch Muslime zu "ersetzen". Deutlich wurde diese Argumentationslinie in der . Auch die Globalisierung und damit verbundenen wirtschaftlichen Interessen werden zum Feindbild. Das macht etwa dieses Zitat deutlich aus Michaela Wiegels FAZ-Artikel über Renaud Camus:

"Die französischen Regierungen seien dabei, das französische Volk 'aufzulösen' und durch ein anderes zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen, sagt er. Das sei kein Komplott, das sei die Folge der Globalisierung, die alles - Waren, Produktionsstätten und Menschen - für auswechselbar erklärt habe. 'Unsere Demographie schwächelt, kein Problem, dann holen wir uns halt künftige Rentenzahler von anderswoher', sagt Camus. Diese Ideologie des 'remplacisme', der Auswechselbarkeit, sei zutiefst menschenverachtend. Und sie führe dazu, dass Frankreich wie andere Einwanderungsländer seine Identität verliere."

Verleger Götz Kubitschek (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)Götz Kubitschek, Verleger, Publizist und politischer Aktivist der Neuen Rechten, am 24.02.2018 auf einer Protestveranstaltung gegen Zuwanderung und die Asyl-Politik der Bundesregierung. (picture alliance/dpa/Patrick Pleul)

Ähnlich argumentiert der mit Götz Kubitschek zusammenarbeitende und Publizist Martin Sellner. "Der Freitag" nennt ihn den "Kopf der österreichischen Identitären" und zitiert, wen er für die Urheber des vermeintlichen Bevölkerungsaustauschs hält: "Nationale und internationale Konzerne, die sich durch das Fehlen von Einwanderungsgrenzen eine Lohnkostenminderung und vom Abbau ethnokultureller Gemeinschaften eine Erleichterung ihres Wirtschaftstreibens erwarten."

Netz und soziale Medien

Im Internet wachsen und gedeihen Verschwörungstheorien aller Art. In den sozialen Medien bilden sich Zirkel, deren Mitglieder sich bestätigen und gegenseitig radikalisieren. Jan Petter hat mit Blick auf die Hintergründe von Christchurch bei "bento" einen Artikel geschrieben, der die Überschrift trägt "PewDiePie, Memes und Menschenverachtung – die bizarre Welt, in der sich der Neuseeland-Attentäter radikalisierte." Petter beschreibt, was er für eine "toxische Netzkultur" hält. Er macht das am Beispiel des schwedischen Youtubers PewDiePie* fest:

"Wenn PewDiePie mit antisemitischen 'Witzen' Geld verdienen kann, verschiebt das auch für die Identitären und andere Gruppen die Grenzen des öffentlich Sagbaren. Gibt es Kritik an ihrem Vorgehen, nutzen sie dieselbe Ausrede wie der Youtuber: War doch nur ein Witz, edgy Humor eben. Mit dieser Masche putscht sich die gesamte Community seit Jahren selbst auf. Junge rechte Aktivisten wie von den Identitären übernehmen ihre Zeichen wiederum begeistert, um sich als Teil dieser immer radikaler werdenden, männlich geprägten Nischenkultur zu inszenieren. (…)  Internet-Nerds werden zu Rechtsradikalen und Rechtsradikale werden zu Internet-Nerds. Und manche davon werden inzwischen auch zu Attentätern."

Was einige Wissenschaftler sagen

Der Schweizer Terrorismusforscher Jacque Baud findet, das Denkmuster des australischen Attentäters sei vergleichbar mit dem islamistischer Extremisten. "Sie fühlen sich berechtigt, Gewalt anzuwenden, um die 'Invasoren' zu bekämpfen", sagte Baud, den das luxemburgische Online-Portal "L’essentiel" zitiert.

Die Logik des Terrorismus besage, dass man für sein "Volk" kämpfe. Die Gefahr, dass sich diese Art der 'weißen Radikalisierung' ausbreite, sei aber groß. Baud: "Wir sehen bereits in osteuropäischen Staaten, wie populistische Regierungen die Angst vor Einwanderern für politische Zwecke missbrauchen. Und in Großbritannien bescherte die Angst vor der unkontrollierten Zuwanderung dem Brexit viele Befürworter."

Der Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent (imago/Sachelle Babbar)Der Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent (imago/Sachelle Babbar)

Der Jenaer Extremismus-Experte Matthias Quent hält die Gefahr von rechtem Terror auch in Deutschland für sehr groß. Alle Zutaten seien vorhanden, sagte der Leiter des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft im Deutschlandfunk. Kernthemen der radikalen Rechten wie antimuslimischer Rassismus stünden sehr hoch auf der öffentlichen Agenda. Es existierten feste rechtsextreme Strukturen und eine Reihe gewaltbereiter Einzelpersonen. Hinzu kämen Verstrickungen in die Behörden hinein. Fraglich sei, ob etwa in der Polizei und der Bundeswehr alles nötige getan werde, um solche Verstrickungen aufzudecken. Als konkrete Beispiele nannte Quent Drohbriefe in Hessen mit dem Absender "NSU 2.0", die aus Reihen der Polizei stammen könnten, und das rechte Netzwerk "Hannibal" innerhalb der Bundeswehr. 

Verfassungsfeindliches und rechtsradikales Gedankengut komme in Deutschland aus dem Mainstream, betonte der Soziologe. Dazu zähle auch die – so wörtlich – "AfD-Propaganda" über einen "Bevölkerungsaustausch". Den Anteil derer, die rassistische und islamfeindliche Überzeugungen teilten, bezifferte Quent mit 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung. Solche Aussagen bedrohten die Gesellschaft also nicht von außen, sondern in ihrem Innern.

Der Extremismusforscher Andreas Zick glaubt, dass rechtsextreme Milieus nicht genügend beachtet würden. In einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst warnte er, Rechtsextremisten seien nicht nur zunehmend global vernetzt. Neurechte Ideologien reichten auch bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.

(Uni Bielefeld) (Uni Bielefeld)

Auf die Frage des epd, ob der Anschlag in Neuseeland ein Einzelfall gewesen sei, antwortete Zick:

"Es gibt doch schon tausendfache Angriffe, rechtsextremistische Hasstaten, die viel höher sind, als offiziell bekannt. Es gibt Terrorgruppen, es gibt die massiven, tausendfachen Angriffe auf Unterkünfte, auf Amtsträger und Medienschaffende sowie die nicht mehr übersehbaren politisch motivierten Rechtsrockkonzerte. Es gibt Tötungsversuche. Es gab den psychisch kranken Amokfahrer in Essen, der sich auch auf Ideologien bezog, die wir in Teilen in Neuseeland finden. Wir müssen auch globaler denken. Nach dem Anschlag von Anders Breivik in Norwegen, bei dem im Juli 2011 77 Menschen ums Leben kamen, haben sich neu-rechtsextremistische Gruppen von weißen Extremisten internationaler verstanden. Es gibt Verbindungen in sichtbaren wie unsichtbaren Netzwerken, die ideologisch global denken und handeln."

Und zu den Konsequenzen, die gezogen werden sollten, sagte Zick:

"Der Anschlag kann uns vieles lehren. Zunächst ist es geboten, an die Opfer, ihre Familien und die Angst von Muslimen zu denken. Wir müssen über die reale Verbindung alter und neuer rechtsextremistischer Gruppen nachdenken, die weit bis in die Mitte der Gesellschaft reichen. Die Terrorzellen entwickeln sich aus rechtsextremen Netzwerken, die mit sogenannten neurechten Milieus verbunden sind. Dort werden Widerstandsideologien und Großmachtsfantasien nationaler Identitäten professionell entwickelt. Die Terrorzellen fühlen sich derzeit durch den Rechtsruck motiviert. In unserer Studie aus dem Jahr 2016 stimmen sogar 28 Prozent der Mitte der Gesellschaft neurechten Ideologien zu. Viele denken nicht an die Konsequenzen, oder daran, dass es einige wenige beflügelt. In der Studie haben 40 Prozent der These zugestimmt, dass wir vom Islam unterwandert werden. Ich sage das, weil wir bei rechtsextremen Terrorgruppen an die Wechselwirkungen mit anderen rechtsextremen Gruppen, Unterstützungsnetzwerken und Vorurteilsmustern wie rassistischen Bildern nachdenken müssen."


Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version war der Youtuber fälschlicherweise als Niederländern bezeichnet worden.

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