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Nachgefragt: Was blieb von Osho?

Erinnern Sie sich noch an diese kahl geschorenen Menschen in den rotorangefarbenen Umhängen? Das waren die Bhagwan- beziehungsweise Osho-Anhänger. Dieser Kult sorgte in den 70er- und 80er-Jahren ganz schön für Diskussionen. Der Guru selbst starb vor 20 Jahren.

Von Melanie Longerich | 18.02.2010

Der Meditationsraum im Kölner UTA-Institut liegt im Halbdunkel. Nur ein großes Bild wird von einem Lichtstrahl beleuchtet. Mit weißer Wollmütze und langem weißen Bart lächelt Osho milde zu den Meditierenden herab. Die springen mit erhobenen Armen, geschlossenen Augen und lauten Rufen auf und ab. Der Raum ist gut gefüllt. Jeden Morgen um sieben Uhr treffen sich hier Menschen zwischen 25 und 60 Jahren zu der von ihm entwickelten dynamischen Meditation. Bewegung, Schreien und tiefes Atmen soll sie zur Katharsis führen – zur seelischen Reinigung. Meditationstrainerin Petra Powels, die den Sannyasin-Namen Samarpan trägt, ist von Oshos Technik überzeugt:

"Die dynamische Meditation ist eine wunderbare Gelegenheit, einerseits total aktiv zu sein und auf der anderen Seite die Stille wahrzunehmen oder überhaupt wahrzunehmen, sich wahrzunehmen, sich in seiner ganzen Individualität wahrzunehmen."

Vor 20 Jahren starb Bhagwan Shree Rajneesh, der sich zuletzt Osho nannte. Er polemisierte gegen jegliches Glaubenssystem und betonte den Wert der authentischen Selbsterfahrung. Seine zentrale Botschaft: "Du bist als Freiheit geboren." Auch nach seinem Tod finden seine Lehren bis heute viele Anhänger, die Sannyasin. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, in Deutschland allein sollen es zwischen 20.000 und 40.000 sein. In den 80er-Jahren waren seine rot gekleideten Anhänger auf vielen Partys in der Überzahl, betrieben in Städten Restaurants und Diskotheken. Heute sind sie aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Oshos Tod im Januar 1990 sei für viele ein Schock gewesen, erklärt Meditationslehrerin Samarpan, die im Leben außerhalb des Instituts eine Firma zur Optimierung von Suchmaschinen betreibt.


Im Innenhof des Instituts plätschert ein Springbrunnen, stilvolle Korbmöbel und Grünpflanzen vor weißen Wänden. Ein dicker Ordner am Empfang verweist auf das breite Angebot: Workshops zu Beziehungsfragen oder Familienaufstellung stehen ebenso auf dem Kursprogramm wie fernöstliche Massagen und Tanztherapie. Hier soll eines der ältesten und größten Osho-Zentren Europas sein? Von jenem Mann, der in den 70er- und 80er-Jahren mit einem Potpourri aus östlicher Spiritualität, westlicher Philosophie und Anlehnungen an verschiedenen Religionen die Gesellschaft spaltete? Richa Görg, eine der Geschäftsführerinnen des Uta-Zentrums, ist seit 33 Jahren Osho-Anhängerin. Sie erinnert sich gut an den Moment, als sie von seinem Tod aus dem Radio erfuhr. Eine Nachricht, die auch sie damals in eine tiefe Krise stürzte:

"Osho hat immer erzählt von alten Meistern, die sich sozusagen einen Spaß gemacht haben und so taten, als wären sie tot und dann doch plötzlich wieder im Leben waren. Und in meinem kindlichen Glauben habe ich irgendwo gedacht, das ist jetzt mit ihm genauso, das ist nur ein Joke von ihm, und mit einer großen Explosion ist er wieder lebendig, aber das war leider nicht so."

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Kommune in Köln, in der damals bis zu 300 Sannyasin lebten, arbeiteten und meditierten, längst aufgelöst. In Oshos Auftrag wurde stattdessen das UTA-Zentrum gegründet, das erste in Deutschland. Bis heute begeistern sich vor allem gut gebildete Besserverdienende für die Lehren des Philosophieprofessors mit Hang zur Provokation. Den gesellschaftlichen Berührungsängsten von damals begegnet Richa Görg heute kaum noch. 80 Prozent der Seminarteilnehmer hätten noch nie etwas von Osho gehört. Auch die Themen haben sich geändert: Sex spiele im Kursangebot des UTA-Instituts heute keine Rolle mehr. Das nötige Kleingeld aber schon. Richa Görg:

"Für Leute, die nichts zu essen haben, für die ist Meditation nicht so wichtig, die müssen erst mal an ihr Überleben denken. Und daher ist es wahrscheinlich eher für Leute, die alles haben, die einen guten Beruf haben, die eine Familie haben, die gesettelt sind, dass die sich anfangen zu fragen, war das jetzt alles in meinem Leben? - und die dann anfangen tiefer zu gehen und nachzufragen und den Dingen auf den Grund zu gehen."

Andrew Schäfer, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche im Rheinland, betrachtet die heutige Osho-Bewegung entspannt. Anfragen zu dessen Anhängern muss er heute nicht mehr bearbeiten. Auch er hält den umstrittenen Guru für ein Phänomen seiner Zeit:

"Er hat immer Grenzen überschritten, hat immer provozieren wollen, um sozusagen starre Vorstellungsmuster zu zerstören und die Menschen aufmerksam zu machen auf das Illusionäre ihrer Existenz, dass sich gerade hinter festgefahrenen Verhaltensmustern verbergen kann. Und das wollte er offenlegen."

Heute ist es normal, einen Yogakurs zu besuchen oder seine Ferien bei der Meditation mit buddhistischen Mönchen zu verbringen. Andrew Schäfer:

"Wir haben es auch nicht mit einem geschlossenen soziologischen Phänomen zu tun. Das ist keine Gruppe im klassischen Sinne, sondern da sind ganz, ganz offene Grenzen. Es fehlt seit dem Tod Oshos auch ein guruhafter Führer an der Spitze, den haben wir nicht mehr. Was davon bleibt, ist heute so bedenklich, wie Angebote im esoterischen Bereich bedenklich oder unbedenklich sind. Nicht mehr - aber auch nicht weniger."