Freitag, 30. September 2022

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Nachhaltigkeitsziel
Klimaschutz erstmals neu dabei

Die Vereinten Nationen haben Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 festgelegt. Dabei versuchten sie, Armutsbekämpfung und Sicherung von menschlichem Wohlstand mit Umweltverträglichkeit in Einklang zu bringen, sagte Imme Scholz vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Dies zusammen zu betrachten, sei ein Fortschritt.

Imme Scholz im Gespräch mit Georg Ehring | 03.08.2015

    Eine kleine Figur steht auf einer Wiese und hält ein großes Thermometer in der Hand.
    Die UN-Nachhaltigkeitsziele berücksichtigen aktuell auch den Umweltschutz (imago)
    Georg Ehring: Fortschritte beim Klimaschutz stehen auch weit oben auf der Agenda der Vereinten Nationen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon redet der Welt immer wieder ins Gewissen, hier entschlossen zu handeln. Doch die UN wollen das Thema umfassender angehen. Aus New York wird jetzt eine Einigung bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung gemeldet, sie sollen eine Messlatte für die Zeit bis zum Jahr 2030 bieten.
    Am Telefon begrüße ich Imme Scholz, stellvertretende Direktorin beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Guten Tag, Frau Scholz!
    Imme Scholz: Guten Tag, Herr Ehring!
    Ehring: Frau Scholz, welchen Stellenwert hat denn das Klima bei den Nachhaltigkeitszielen?
    Scholz: Das Klima ist eines von 17 Zielen, und man könnte denken, dass es unterbewertet wird. Aber das hat den Hintergrund, dass es natürlich mit der Klimarahmenkonvention einen eigenen Ort gibt für die Verhandlungen der Mitgliedsstaaten, und das wollte man da nicht stören. Es ist aber zentral, dass der Klimaschutz in dieser neuen Zielliste auftaucht, weil ohne Fortschritte beim Klimaschutz natürlich ein anhaltender Wohlstand für die Menschen nicht möglich ist. Und dem wird Rechnung getragen in der Zielliste.
    Armut, Hunger, Bildung bleiben zentrale Themen
    Ehring: Abgesehen vom Klima, welche Ziele würden Sie besonders hervorheben, welche sind besonders wichtig?
    Scholz: Es sind ja viele Ziele, und damit, für arme Länder, für arme Menschen, und das ist die Mehrheit auf dem Planeten, ist natürlich die Beendigung der Armut, die Bekämpfung der Armut, des Hungers, die Gewährleistung von Gesundheit, von Erziehung, von Bildung für alle ganz zentral. Es sind aber auch eine Reihe von Zielen dabei, die für uns ebenfalls sehr wichtig sind, also für die Gestaltung unserer eigenen Lebensbedingungen. Also Städte nachhaltig zu machen, Ungleichheit zu reduzieren, Infrastruktur zu verbessern und auch nachhaltig zu gestalten. Der Klimaschutz, nachhaltige, also umweltverträgliche Konsum- und Produktionsmuster, das sind Ziele, die auch für uns in Deutschland, denke ich, sehr relevant sein werden.
    Ehring: Umwelt wird ja oft im Widerspruch zur Entwicklung gesehen. Viele arme Länder setzen die Prioritäten ja ganz klar anderswo als beim Umweltschutz. Wie sieht das denn bei diesen Zielen aus? Versuchen die da einen Spagat, oder versucht man, das miteinander zu versöhnen?
    Scholz: Man versucht, es miteinander zu versöhnen. Das, denke ich, ist, wenn man sich den Text anschaut, der jetzt am Wochenende beschlossen worden ist, dann findet man überall den Versuch, integrierte Ziele zu formulieren, also zu sagen, Armutsbekämpfung, Sicherung von menschlichem Wohlstand muss umweltverträglich geschehen. Umweltschutz ist ohne eine rechtsstaatliche Gesellschaft, ohne eine demokratische Gesellschaft nicht möglich. Also die Dinge immer im Zusammenhang zu sehen, und das ist ein wirklicher Fortschritt. Denn natürlich gibt es kurzfristige Konkurrenzen.
    Die Umwelt zu schützen und gleichzeitig allen Menschen zu ermöglichen, am Wohlstand teilzunehmen, das tritt oft in Konkurrenz miteinander. Und es ist auch früher auf getrennten Agenden behandelt worden. Die Millenniumsziele hatten einen sehr schwachen Umweltteil. Aber das versucht diese neue Agenda jetzt tatsächlich integriert zu formulieren und zu sehen.
    Ehring: Beim Thema Nachhaltigkeit kommt bei vielen ja das große Gähnen. Haben solche Ziele denn jetzt konkrete Folgen für die Politik? Was erwarten Sie da?
    Scholz: Also warum da das große Gähnen kommt, das kann ich persönlich nicht verstehen, das muss ich wirklich sagen. Die Energiewende in Deutschland ist ja so ein Beispiel, wo versucht wird, Energieversorgung auf nachhaltige Beine, auf umweltverträgliche Beine zu stellen, und ich glaube nicht, dass da im Land gegähnt wird, sondern da gibt es ja sehr viele Diskussionen.
    Genauso, wenn es darum geht, Ernährung umweltverträglich zu machen, Landwirtschaft, Viehwirtschaft umweltverträglich zu machen. Das sind ja sehr lebendige Debatten bei uns in der Gesellschaft, und das ist auch in Entwicklungsländern so. Es ist sicher so, dass, wenn man mit Entwicklungsländerregierungen spricht, hat man es eher mit Wirtschafts- und Finanzpolitikern zu tun und weniger oft spricht man mit Umweltpolitikern und Umweltministern. Die gibt es dort aber auch.
    Es gibt in vielen Entwicklungsländern ein klares Bewusstsein dafür, dass gerade für die Armen eine saubere Umwelt ganz zentral ist, weil sie sich Trinkwasser vielleicht nicht, auf dem Land insbesondere nicht, es kommt nicht aus dem Hahn, es muss aus dem Gewässer entnommen werden und man kann es – die Gesundheitskosten sind ja gerade für arme Menschen dann häufig nicht zu bewältigen, wenn die Umwelt nicht sauber und gesund ist. Also ich glaube, dass sich da das Denken schon verändert hat. Dem muss aber Raum gegeben werden, das müssen wir auch hören wollen.
    Ehring: Bisher haben ja die Diplomaten gesprochen. Noch ganz kurz zum Schluss: Wann werden die Ziele offiziell?
    Scholz: Sie werden Ende September in New York auf der Generalversammlung beschlossen, 25./26. September, in der Zeit. Und wichtig ist für uns in Deutschland, wir wollen die ja umsetzen im Rahmen unserer deutschen Strategie für nachhaltige Entwicklung. Die soll ja auch überarbeitet werden bis Frühjahr nächstes Jahr. Da fangen auch öffentliche Konsultationen an in Deutschland Ende Oktober. Also, da wird es in Deutschland sicher eine angeregte Debatte geben, die deutlich macht, wie wir das in Deutschland konkretisieren, für die Verbesserung in Deutschland, in Europa, und wie wir uns international engagieren wollen.
    Ehring: Imme Scholz war das. Herzlichen Dank!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.