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StartseiteSpielraum"Wenn alles perfekt klingt, ist es kein Rock'n'Roll"28.08.2020

Nachruf Justin Townes Earle"Wenn alles perfekt klingt, ist es kein Rock'n'Roll"

Mit 15 verließ er die Schule und zog kreuz und quer durch die USA: 2007 hat der charismatische Songwriter Justin Townes Earle sein Debüt veröffentlicht und seitdem seinen Sound mit jedem Album leicht verändert. Jetzt ist er mit nur 38 Jahren gestorben.

Von Anke Behlert

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Ein Mann mit Kappe und kariertem Hemd steht vor einer Mauer. Hinter ihm scheint die Sonne in die Kamera. (Joshua Black Wilkens)
Charismatischer Sänger und humorvoller Entertainer:Justin Townes Earl (1982-2020) (Joshua Black Wilkens)
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Seine schonungslose Ehrlichkeit war, nach den vielen Tatoos auf Armen und Händen, das erste, was aufgefallen ist, wenn man mit Justin Townes Earle gesprochen hat. Egal ob es um seine Erfahrungen mit Drogen, die ärmlichen Lebensumstände seiner Kindheit in Nashville oder das schwierige Verhältnis zu seinem Vater ging: Earle hatte viele Probleme, aber kein Problem darüber zu singen.

"Als Kind und Teenager hatte ich null Respekt vor meinem Vater. Aber ich war mir bewusst, was er mit seinen Songs erreichen kann. Und er hat mir ein paar sehr wichtige Dinge gesagt, zum Beispiel, dass man nie über etwas schreiben sollte, was man nicht kennt. Das hat mir geholfen, meinen Weg zu gehen."

Musik: "Single Mothers"

Sein langezeit unstetes und rastloses Leben bot reichlich Stoff für seine poetischen, mal augenzwinkernden, aber meistens melancholischen Texte. Inspiriert von Bob Dylan, Woody Guthrie und dem Blues-Sänger Leadbelly begann Justin Townes Earle schon mit 13 Jahren, Songs zu schreiben. Mit 15 verließ er die Schule und zog kreuz und quer durch die USA. Und er schlug denselben Karrierepfad ein wie sein Vater Steve Earle – als Musiker, der auf der Bühne steht.

"Ich bin aufgewacht und habe den ganzen Tag geschrieben. Am Abend habe ich dann die Songs gespielt, die ich am Tag geschrieben hatte. Einige dieser Songs haben es später auch auf meine Platten geschafft, wie "Halfway to Jackson" oder "Rogers Park". Ich bin da also nicht zufällig hineingeschlittert, es war intensive Arbeit und ein sehr bewusster Prozess. Ich hatte auch nie einen Plan B."

Musik: "Halfway to Jackson"

Seine Debüt-EP "Yuma" erschien 2007. Danach folgten noch acht Studioalben, darunter "Harlem River Blues" von 2010, mit dem er größere Wellen schlug und zum ersten Mal im Fernsehen auftrat. Mit jedem Album veränderte Earle seinen Sound ein bisschen: von reduzierten Akustikgitarre/Gesang-Arrangements, über Honkytonk-Piano bis zu opulent bestückten Songs mit Bläsern, Orgel und Background-Chor. Earle bediente sich aus allen Ecken der Rootsmusik und schuf seinen völlig eigenen Stil, der nie retro klang.

Musik: "Harlem River Blues"

In Earle's Privatleben ging es lange drunter und drüber, er war alkohol- und drogenabhängig und hangelte sich von einer chaotischen Liebesgeschichte zur nächsten. Zuletzt hatte es der 38-Jährige geschafft, von den Drogen loszukommen, er war verheiratet und Vater einer Tochter. Das Ende des Vagabundentums war auch in seiner Musik hörbar. Sein 2017er-Album "Kids in the street" klang weniger melancholisch als die Vorgänger. 

Musik: "Champagne Corolla"

Justin Townes Earle war ein großer, schlaksiger Typ, der schnell redete und dabei viele Zigaretten rauchte. Auf der Bühne verwandelte er sich in einen charismatischen Sänger und humorvollen Entertainer, der das Publikum mit Ankedoten, aber vor allem mit seinen wunderbaren Songs bezauberte. Kein Zweifel: das Musiker-Dasein lag ihm im Blut.

"Für mich ist das keine Mathematik, man muss es fühlen. Ich kenne ein paar Akkorde und die spiele ich so lange den Gitarrenhals rauf und runter bis ich etwas finde, das gut klingt. Robert Johnson ist ja auch nicht auf eine Musikschule gegangen. Ich glaube, dass eine musikalische Ausbildung mehr schadet als nützt, zumindest wenn man diese Art von Musik spielen will. Wenn alles perfekt klingt, ist es kein Rock'n'Roll."

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