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StartseiteCampus & Karriere"Ein großes Risiko" für Zweijahresstelle zurückzukehren09.09.2016

Nachwuchswissenschaftler im Ausland"Ein großes Risiko" für Zweijahresstelle zurückzukehren

Auf der Jahrestagung des German Academic International Networks (GAIN) treffen sich rund 500 deutsche Wissenschaftler in New York - die meisten arbeiten in den USA und Kanada. Bei vielen sei der Wunsch vorhanden, wieder nach Deutschland zurückzukehren, sagte der Projektleiter der Tagung Gerrit Rößler im DLF. Dafür müssten aber längerfristige Perspektiven geschaffen werden.

Gerrit Konrad Rößler im Gespräch Regina Brinkmann

793 Studenten sitzen bei der Erstsemesterbegrüßung am Campus Koblenz der Universität Koblenz-Landau in Koblenz-Rheinland-Pfalz im großen Hörsaal.  (dpa / picture alliance / Thomas Frey)
"Überhaupt haben internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den USA bleiben wollen, einen relativ schweren Stand", sagte Gerrit Konrad Rößler (GAIN). (dpa / picture alliance / Thomas Frey)
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Regina Brinkmann: Vertreter deutscher Wissenschaftsorganisationen sind da, auch eine Delegation des Bundestagsbildungsausschusses ist nach Washington gereist. Was ist also da los? Bis Sonntag sind sie auf der 16. Jahrestagung des German Academic International Networks vertreten, kurz GAIN genannt. Unter den rund 500 Teilnehmern sind vor allem junge Nachwuchswissenschaftler, die in den USA und Kanada forschen und arbeiten. Vernetzung ist ein wichtiger Anlass für dieses Treffen, ein anderer der Versuch, möglichst vielen Forschern eine langfristige Rückkehr nach Deutschland schmackhaft zu machen. Nun hat sich ja seit der letzten Veranstaltung vor einem Jahr einiges getan, Stichwort Exzellenzstrategie, Tenure-Track-Programm und Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Ist es mit diesen Reformen und Programmen noch leichter geworden, Wissenschaftler für eine Rückkehr zu begeistern? Frage an den Projektleiter der GAIN-Jahrestagung, an Gerrit Rößler!

Gerrit Konrad Rößler: Also, mit Sicherheit beobachten die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganz genau, was in Deutschland da vor sich geht, das ist ja auch eine Aufgabe von GAIN, die dahingehend auf dem Laufenden zu halten und zu informieren. Wie viele Stellen da jetzt tatsächlich geschaffen werden und was genau das für den wissenschaftlichen Nachwuchs bedeutet, also, welche Fördermöglichkeiten gibt es da, wird vielleicht der Mittelbau gestärkt, werden viele der im Moment befristeten Stellen in irgendeiner Form verstetigt oder so, was da genau bei rauskommt, das wissen wir ja noch gar nicht. Die Exzellenzstrategie wird ja erst 2019 so richtig greifen. Wie gesagt wird das im Moment noch genau beobachtet und die Tatsache, dass in Deutschland überhaupt was passiert, dass man sich in Deutschland so um das Wohlergehen des Wissenschaftsstandortes und den Status der Wissenschaft kümmert, das nimmt man natürlich hier ganz genau wahr. Aber ob jetzt konkret die Exzellenzstrategie jetzt schon die Rekrutierung deutscher Wissenschaftler zurück nach Deutschland leichter macht, das kann man jetzt im Moment noch nicht absehen.

"Wissenschaftler nehmen inzwischen wahr, dass es in Deutschland besser geworden ist"

Brinkmann: Welche Wünsche haben denn deutsche Nachwuchswissenschaftler und welche formulieren sie vielleicht auch bei diesem Treffen in Washington bezüglich einer Rückkehr?

Rößler: Meine erste GAIN-Tagung war 2010. Damals habe ich die Initiative noch nicht geleitet, sondern war selbst noch als Wissenschaftler in den USA tätig. Da war es ganz klar, waren die Wünsche Stellen, Finanzierung von Forschungsprojekten, Internationalisierung, also was kann ich mit meiner internationalen Erfahrung in Deutschland machen. Da war der Dialog eher so auf Marketing und Vermittlung zwischen den beiden Standorten ausgerichtet. Jetzt ist es eher so, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wahrnehmen, dass es in Deutschland tatsächlich besser geworden ist, dass es vor allen Dingen im Vergleich zu den USA durchaus attraktive Forschungsmöglichkeiten gibt. Das heißt, worauf wir uns jetzt konzentrieren, ist dann so das Finetuning. Also, was kann ich als Professorin mit Familie machen, was kann meine Partnerin und ich machen, wenn wir beide in die Wissenschaft nach Deutschland zurückkehren wollen? Also, die berühmte Dual-Career-Frage. Also, viele der weichen Faktoren spielen eine große Rolle. Dann Vernetzung, was mache ich, wenn ich zum Beispiel in den USA bleiben will, aber trotzdem irgendwie Teil dieses internationalisierten Wissenschaftsstandortes Deutschland und auch Europa als Ganzes sein will, wie baue ich Kollaborationen und Kooperationen auf, die längerfristig Bestand haben, wie finanzier ich die und so weiter. Das heißt also, wir sind ein bisschen weg von dieser reinen Skepsis gegenüber dem Wissenschaftsstandort Deutschland, hin zu einem offenen Dialog, der auch sehr auf Kooperation ausgerichtet ist.

Brinkmann: Sie sagen, es gibt Verbesserungen im Wissenschaftssystem in Deutschland. Wie unterscheiden sich denn die beruflichen Perspektiven deutscher und amerikanischer Nachwuchswissenschaftler inzwischen?

Rößler: Das kann man so einfach gar nicht beantworten. Amerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben natürlich, wenn sie hier in den USA bleiben, durchaus gute Chancen, im Wissenschaftssystem zu bleiben als Staff Scientists oder in der Industrie oder auch an kleinen Colleges mit Professuren. Wobei man sagen muss, dass diese viel gelobte, berühmte Tenure-Track-Stelle auch in den USA eher im Verschwinden ist. Also, auch die US-Hochschulen haben, gerade wenn es öffentliche Hochschulen sind, doch verstärkt unter Kürzungen und so weiter zu leiden. Allerdings, so eine Uni wie MIT, also diese großen, privaten, da spielt Geld nach wie vor nicht so eine große Rolle. Aber es ist eben trotzdem schwer, eine dieser lukrativen und spannenden Professuren zu kriegen. Für die deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die hier in den USA sind, sieht es da allerdings nicht so gut aus. Das heißt, überhaupt haben internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den USA bleiben wollen, einen relativ schweren Stand, was sicher auch ein Grund dafür ist, dass sie sich wieder nach Deutschland zurück oder nach Europa oder in die jeweiligen Heimatstandorte zurückorientieren.

Rößler: Zweijahresstelle ist ein großes Risiko

Brinkmann: Das heißt, diese Tenure-Track-Stellen, die jetzt in den USA zurückgehen und die ja in Deutschland weiter ausgebaut werden sollen, die könnten durchaus interessant sein für Rückkehrer und Rückkehrerinnen, oder?

Rößler: Absolut, absolut. Also, das Schwierige bei dem Schritt zurück über den Atlantik ist sicher, dass man für eine Zweijahresstelle, irgendeine Juniorprofessur, die auf zwei Jahre ausgelegt ist, dass es dann schwierig ist, diesen Schritt zu machen. Das ist ein sehr großes Risiko. Wenn jetzt hier natürlich die Möglichkeit, über den Tenure-Track, wie auch immer der gestaltet ist, ob das Versprechen da ist, dass man bei Forschungsleistung und bei Einwerbung von Drittmitteln sich selbst sozusagen verdienen kann, längerfristig die Stelle zu verstetigen und längerfristig in Deutschland da Chancen zu haben, das ist natürlich sehr attraktiv. Dann ist dieses Risiko, zurückzugehen, wesentlich geringer und der Schritt fällt einem leichter. Der Wunsch nach diesem Schritt, das beobachten wir eigentlich stetig, der ist bei vielen da.

Brinkmann: So weit Gerrit Rößler, Projektleiter der GAIN-Jahrestagung in Washington. Von heute bis zum 11. September können sich dort junge Wissenschaftler und Forscher über Rückkehrperspektiven nach Deutschland informieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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