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Nähe in der digitalen Distanz

Theater oder Klangkörper zusammenlegen als letzter Ausweg, bevor der ewige Sparzwang die Substanz gefährdet, das ist nichts Neues. Wie alt diese manchmal ganz gut funktionierende Notlösung ist, zeigen Krefeld und Mönchengladbach, die haben schon 1950 fusioniert. Die sind also über die experimentelle Phase lange hinaus, Experimente gehören ja auch auf die Bühne, und Josefine ist eins, ein Projekt mit Experimentalcharakter.

Von Frieder Reininghaus |
    Der Niederrhein ist von alters her ein sangesfroher Landstrich und heute eine Region mit besonders großer "Chordichte". Der Theaterdirektor, der den Schulterschluss seines allemal von Geldsorgen geplagten, unter Publikumsschwund und beständigem Legitimationsdruck leidenden kommunalen Unternehmens mit den taff organisierten Chorsängern sucht, macht also per se schon nichts falsch. Denn die meisten der Hausfrauen, Lehrerinnen und Pensionistinnen, die da punktuell mit dem Profibetrieb verknüpft werden, bringen etliche Verwandte und Freunde mit. Das stabilisiert die Platzausnutzungsquote. Für deren Berechnung erweist sich auch das Überbauen zahlreicher Parkettreihen als hilfreich.
    Beide probate Rezepte wurden in Mönchengladbach eingesetzt, also keine Mittel gescheut, das Projekt auch in statistischer Hinsicht zum Erfolg zu führen – ein "Werk", das wohl von einigen Stichworten aus einem Kafka-Text und interessant klingenden Konzeptionspapieren seinen vielversprechenden Anfang genommen hat.

    1924 erschienen Franz Kafkas Erzählung "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" im Sammelband "Ein Hungerkünstler". Es handelt sich um die Geschichte von dem als Sängerin reüssierenden Tierchen, das leise pfeift; zwar kann dergleichen auch so gut wie jedes andere Exemplar der Sorte; gleichwohl ist Josefines Gesangsvirtuosität öffentlich unumstritten (nur manchmal, hinter vorgehaltenen Pfötchen, gestehen sich Zuhörer den realen Sachverhalt ein). Das klingt wie eine fabelhafte frühe Kritik der Kulturindustrie: Denn der mit dem Habitus einer Diva vorgetragene Josefinen-Gesang verfehlt bei Kafka seine Wirkung auf das Mäusevolk nicht und stärkt unter anderem das Wir-Gefühl der Rasse.
    Bedauerlicherweise hinterließ diese Tierfabel keine nennenswerte Spur in der Mönchengladbacher Gruppenarbeit, auch wenn gelegentlich einige Sätze oder Halbsätze Kafkas von den Chor-Frauen gemurmelt oder auch kräftiger vorgetragen werden. Die bewegen sich, ohne dass ihnen dabei wohl strengere choreografische Vorschriften auferlegt wurden, vereinzelt oder in Rudeln über die Laufstege und lassen, ebenso wie die wohl teilweise nach dem Zufallsprinzip hinzutretende extrem dünnflüssige Instrumentalmusik, 75 Minuten als extrem langen Abend erscheinen. Theatral pointiert wird die Tierfabel nicht, sondern zerkrümelt unter einem verblasenen "Konzept". Kurzum: Die Maus Josefine gelangt, anders als die halbe Hundertschaft grauer Mäuse aus dem Laienspielsektor, nicht ins Rampenlicht. Die Obertitel über der Fußgängerzone werfen Fragen auf, die das Produktionsteam offensichtlich umgetrieben haben – neckische und tiefsinnigen Fragen wie "Lügst du manchmal?" – "Wozu brauche ich Deine Information?" – "Wie viel Löcher hat dein Netzwerk?" – "Bist du eine Zugewinngemeinschaft?" Auch aus diesem Fragenkanon hätte sich Theater machen lassen. Mit und ohne Musik. Freilich hätte es eben gemacht werden müssen.

    Nach der Integration eines Amateurchors in die experimentelle Musiktheaterpremiere der diesjährigen Ruhrtriennale scheint die an Peinlichkeitsgrenzen nicht gebundene Vorführung des Laiensingens am Niederrhein eine erfolgreiche Schiene fürs Subventionsabschöpfen. Von den am Abend hochgradig dominierenden Chorauftritten wurden dem Deutschlandfunk keine Musik-Ausschnitte zu Verfügung gestellt, sondern nur von den vorgefertigten "Modulen" der Instrumentalisten. Die stammen von einem Komponisten mit dem wundersam iberisch klingenden Firmenlogo Sagardía. Tatsächlich dürfte es sich beim Bezieher der Tantiemen um einen jungen Mann namens Jens Michael Müller handeln. Dessen Partitur-Skizzen sind so etwas wie Tabulaturen für menschliche Geräusche – notiert mit vielen Wiederholungszeichen und "Faulenzern". Auch die "Orchestermodule" sind Fertigbauelemente der simpleren Art, die dann auf die eine oder andere Weise zum Einsatz gelangen. Möglicherweise ist derartige Regression des Komponierens "kritisch" gemeint als Reaktion auf die Regression des Hörens oder Denkens. Tja. So ist das eben an der Grasnarbe des experimentellen Musiktheaterfortschritts.