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Nahostkonflikt"Trump wird irgendwann das Interesse verlieren"

US-Präsident Donald Trump scheine erst allmählich die ganze Komplexität des Nahostkonflikts zu begreifen, sagte der Psychoanalytiker und Publizist Carlo Strenger im DLF. Nach widersprüchlichen Signalen Trumps herrsche in Israel "vollkommene Konfusion". Keine Seite wisse, wie es jetzt weitergehen werde.

Carlo Strenger im Gespräch mit Jasper Barenberg | 22.05.2017

US-Präsident Trump spricht in Tel Aviv.
US-Präsident Trump spricht in Tel Aviv (AFP PHOTO / Jack GUEZ)
Jasper Barenberg: Der Psychoanalytiker und Publizist Carlo Strenger gilt als einer der schärfsten Beobachter des Nahost-Konfliktes. Regelmäßig schreibt er beispielsweise Kolumnen für die liberale Zeitung "Haaretz", aber auch für den britischen "Guardian". Guten Morgen nach Tel Aviv.
Carlo Strenger: Auch Ihnen einen schönen guten Morgen.
Barenberg: Neue Besen kehren gut, sagt man ja gemeinhin. Könnte das auch für Donald Trump gelten?
"Trump hat in keiner Hinsicht irgendeine kohärente Strategie"
Strenger: In diesem Fall weiß ehrlich keiner, ob es wirklich ein Besen, ein Staubsauger oder was um Himmels Willen für eine Kreatur es denn eigentlich sein soll. Ich glaube, im Moment ist nicht nur in Amerika alles konfus, sondern auch im Nahen Osten, denn wie Sie ja wohl sehr gut wissen, hat Donald Trump in keiner Hinsicht irgendeine kohärente Strategie formuliert, auch was den Nahen Osten anbelangt. Das einzige was klar ist, dass er einen Deal, wie er so schön sagt, nach Hause bringen will, und es scheint nicht übertrieben zu sein, wenn man sagt, dass Trump eigentlich erst von Schritt zu Schritt überhaupt die Komplexität des Nahen Ostens und des Israel-Palästina-Problems zu begreifen beginnt.
Barenberg: Was muss man denn dann davon halten, wenn Trump plötzlich etwa in einem Interview gesagt hat, es gibt überhaupt keinen Grund, warum es keinen Frieden geben kann zwischen Israelis und Palästinensern, überhaupt keinen Grund?
"Keines der Lager hat irgendeinen Grund, irgendetwas zu feiern"
Strenger: Das ist genauso wie er gesagt hat, dass er innerhalb von fünf Minuten das ganze Gesundheitssystem in den Vereinigten Staaten in Ordnung bringt, und nachher, einen Monat später sagt, ich hatte, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie komplex das ist. Angefangen hat er seine Präsidentschaft ja damit, dass er gesagt hat, Ein-Staaten-Lösung, Zwei-Staaten-Lösung, das ist alles nicht so wichtig, ich bringe einen Deal nach Hause. Hier in Israel ist vollkommene Konfusion. Die politische Rechte, die an sich die Westbank annektieren will, sah anfänglich in Trump den Messias und mittlerweile denkt gerade das Friedenslager eher, vielleicht ist Trump, weil er der jüdischen Lobby in den Vereinigten Staaten nicht verpflichtet ist, vielleicht wird er der rechten Regierung von Netanjahu etwas aufzwingen. Ich glaube, keines der Lager hat irgendeinen Grund, irgendetwas zu feiern, weil wir einfach alle keine Ahnung haben, was geschehen wird.
Barenberg: Nun scheint sich ja, inmitten dieser Konfusion und dieser sehr widersprüchlichen und unterschiedlichen Signale so etwas wie eine Grundidee rauszuschälen, und das ist ein Rückgriff auf die sogenannte saudische Initiative von 2002, ein regionaler Ansatz, das Versprechen, im Gegenzug für die Rückgabe der besetzten Gebiete bekommt Israel nicht nur Frieden mit den Palästinensern, sondern auch Frieden mit weiten Teilen der arabischen Welt. Ist das ein Erfolg versprechendes Konzept?
Ein interessanter Vorschlag aus den Emiraten
Strenger: Dieses Konzept ist, wie Sie gesagt haben, schon seit 2002 auf dem Tisch und ich bin auch in einer Organisation tätig, die seit vielen Jahren versucht, in Israel dieses Konzept durchsichtig zu machen. Das Problem ist folgendes: Netanjahu springt begeistert auf das Konzept, aber lässt eine Kleinigkeit dabei aus. Er sagt, ja, das ist ja wunderbar, wenn wir eine Normalisierung mit den sunnitischen Staaten bekommen, aber einen palästinensischen Staat dafür zu geben, das will er nicht, und das wird dann natürlich für Saudi-Arabien nicht machbar sein. Im Moment gibt es eine interessante Zwischenstation, die von den Emiraten ausgegangen ist, und das ist: Wenn Israel die Bauvorhaben in den Siedlungen in Judäa und Samaria außerhalb dieser großen Siedlungsblöcke aufhört, dann würde eine teilweise Normalisierung vorgeschlagen. Ich denke übrigens, dass wirklich heute jeder, der glaubt, dass man einen endgültigen Deal, einen Friedensvertrag zwischen Israel und den Palästinensern von einem Moment auf den anderen, auch innerhalb von zehn Jahren hinbekommen kann, einfach die Komplexität der Situation nicht versteht. Man muss in Schritten denken und ich denke, dass im Moment, wenn so etwas erreichbar ist, dann wäre es wirklich eine Serie von Schritten, die einerseits den Palästinensern das Leben viel erträglicher machen würden, Israels Sicherheitsgefühl ein bisschen raufsetzen würde und wirklich eine erste Normalisierung zwischen Israel, den Emiraten, Saudi-Arabien etc. zu erreichen. Ob Trump das wirklich klar sieht, weiß ich nicht.
Barenberg: Man kann ja zumindest die Hoffnung haben, denn wenn ich es richtig weiß, dann hat das israelische Sicherheitskabinett jetzt so etwas wie guten Willen gezeigt und ein paar Schritte gemacht, um, wie Sie es selbst gesagt haben, das Leben der Palästinenser ein Stück weit erträglicher zu machen. Können wir daraus lesen, dass Netanjahu doch unter Umständen bereit ist zu substanziellen Schritten?
"Es kann sein dass die israelische Rechte recht überrascht sein wird"
Strenger: Ich bin da um einiges pessimistischer. Dieses Szenario, in dem Rechtsregierungen in Israel jeweils gewisse Schritte machen, die ein bisschen versöhnlicher ausschauen, das hat bis jetzt nie was gebracht. Netanjahu ist jemand, der wie die meisten Politiker vor allem innenpolitisch denkt, und für ihn ist die große Gefahr die Konkurrenz von rechts, vor allem Naftali Bennett, der Führer der nationalreligiösen Partei, und jetzt muss er einfach - und das ist eigentlich seine ganze Karriere bisher gewesen -, er mogelt sich irgendwie durch, dass er nach außen eine gewisse Kompromissbereitschaft ausdrückt, und dann nach innen sagt er, keinesfalls und Jerusalem bleibt einheitlich. Für mich ist die interessanteste Entwicklung übrigens in den letzten Tagen gewesen, dass führende Kabinettsmitglieder wie zum Beispiel McMaster sich ziemlich klar so ausgedrückt haben, dass Ostjerusalem nicht Teil der israelischen Souveränität ist. Das heißt, dass es sein kann, dass die israelische Rechte da recht überrascht sein wird, dass die Linie von Trump um einiges härter sein wird als angenommen worden ist gegenüber den Forderungen der israelischen Rechten. Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen: In Anbetracht dessen, dass ich nicht glaube, dass Trump genau weiß, was er eigentlich will, und Netanjahu vor allem ein Spezialist wie gesagt ist, sich in solchen Situationen irgendwie durchzumogeln, ist im Moment jede Voraussage unglaublich einfach in der Luft.
Barenberg: Womit würden Sie denn eher rechnen, dass Donald Trump sich doch der Komplexität des Problems stellt und möglicherweise ein Machtwort spricht, oder ist es wahrscheinlicher, dass er irgendwann das Interesse verlieren wird und sich anderen Themen zuwendet, weil er merkt, dass es sehr, sehr schwierig ist?
Strenger: In Anbetracht dessen, dass Trump an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung leidet - im Moment verstehen wir, dass er da nicht jetzt innerhalb von ein paar Monaten mit dem großen Deal kommt, den alle anderen irgendwie nicht hinbekommen haben -, wird er wahrscheinlich irgendwann mal einfach das Interesse verlieren.
Barenberg: … sagt der Psychoanalytiker und Publizist Carlo Strenger. Vielen Dank für Ihre Zeit heute Morgen.
Strenger: Ich danke Ihnen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.